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Superspreader-Event in Münster Hunderte feierten auf einer 2G-Party. Jetzt sind 85 mit dem Coronavirus infiziert. Wie kann das sein?

Corona-Ausbruch 2G Münster: Junge Menschen feiern in einem Club
Nach dem Corona-Ausbruch in Münster bei einer 2G-Party mit über 80 Ansteckungen unterstreichen Experten dennoch den Nutzen der Schutzimpfung (Symbolbild)
© Sophia Kembowski / DPA
Eine Partynacht in Münster wird zum Superspreader-Event. Obwohl alle Teilnehmer offenbar geimpft oder genesen waren. Ist 2G also schon wieder am Ende? So einfach ist es nicht.

Freitagabend vor zwei Wochen in einem Club in Münster: 380 Frauen und Männer treffen sich zum Feiern und Abtanzen nach einer langen Arbeits- und Studienwoche. Die meisten von ihnen sind Anfang oder Mitte 20 – und alle haben an der Tür angegeben, vollständig gegen Corona geimpft oder von der Krankheit genesen zu sein. Sie halten sich also an die sogenannte 2G-Regel, die Voraussetzung für den Zutritt ist. Trotzdem wird es eine Partynacht mit Folgen.

Denn wenige Tage später häufen sich bei den Partygästen die Corona-Infektionen – wenn bislang auch nur milde oder gar keine Symptome aufgetreten sind. Erst meldet die Stadt Münster 26 Infizierte, dann steigt die Zahl immer weiter, aktuell sind es 85 und ein Mitarbeiter des Clubs (Stand 17. September). Das ist mehr als jeder fünfte Party-Teilnehmer. Wie kann das sein? Zeigt das Superspreader-Event etwa, dass 2G (nur Geimpfte und Genesene kommen rein) im Kampf gegen die Pandemie gar nicht besser ist als 3G (auch Getestete kommen rein)? Steht bei 2G möglicherweise die Schikane von Ungeimpften im Vordergrund, wie mancher vermutet?

Bislang keine schweren Verläufe

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat in Bezug zu den Geschehnissen in Münster eine klare Meinung: "Spricht das gegen 2G? Nein, klar dafür. Ohne 2G wären viel mehr Partybesucher schwer erkrankt", teilte er kürzlich mit.

Eine Party mit mehreren hundert Gästen – kaum Platz, laute Musik, Gespräche ohne Abstand, vielleicht sogar lautes Mitsingen – all das bringe für ein infektiöses Aerosol ein ideales Umfeld, sagte Bernd Salzberger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, der Deutschen Presse-Agentur. Die Partynacht von Münster sei deshalb eine "Sondersituation".

Wenn nur einer oder zwei der Gäste frisch infiziert sind, seien gerade bei der besonders ansteckenden Delta-Variante der Krankheit Infektionen auch bei Geimpften und Genesenen möglich. Denn bei Delta-Infektionen sinke der Schutz vor einer Ansteckung, die Wahrscheinlichkeit eines sogenannten Impfdurchbruchs steige rapide an.

Ein Impfdurchbruch liegt nach Definition des Robert Koch-Instituts (RKI) vor, wenn bei einer vollständig geimpften Person eine Sars-CoV-2 Infektion mit Symptomen festgestellt wird. Die Infektion muss via PCR-Test bestätigt sein.

Impfdurchbrüche sind nicht überraschend

Dabei ist wichtig zu wissen: Ein Impfdurchbruch bedeutet nicht, dass die Impfstoffe nicht schützen, beziehungsweise dass betroffene Personen automatisch schwer erkranken. Dass es zu einer gewissen Anzahl von Impfdurchbrüchen kommen wird, war bereits in den Zulassungsstudien der Impfstoffe absehbar: Hier zeigten alle bislang zugelassenen Vakzine einen sehr hohen und zuverlässigen Schutz auch vor Ansteckung, aber eben nicht zu 100 Prozent. 

Falsche Angaben der Gäste zu ihrem Impfstatus als Erklärung schließt die Stadt nach jetzigem Stand aus. Bisher hätten keine Verstöße bei den von Infizierten eingeforderten Impfnachweisen festgestellt werden können, erklärte die Pressestelle der Stadt Münster. An den baulichen Voraussetzungen könne es auch nicht liegen: Die Lüftungsanlagen des Clubs überträfen laut Wartungsfirma sogar die Anforderungen. Und die deutliche Mehrzahl der Gäste sei mit den gegen Delta besonders wirksamen mRNA-Impfstoffen geimpft, teilte die Stadt mit.

Also sei zu folgern, dass Partynächte in Clubs oder Discos auch mit 2G nicht infektionsfrei möglich seien, sagte Salzberger – vielleicht anders als in Restaurants, wo mehr Abstand gehalten werde. Allerdings sei keiner der Teilnehmer schwer krank geworden. Die Impfung schütze also auch da, wo eine Infektion nicht zu verhindern sei, vor schweren Verläufen.

Die Frage der Sicherheit durch 2G-Regeln ist brisant, schließlich haben zahlreiche Länder wie Hessen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen 2G-Hürden für Veranstaltungen in Innenräumen angekündigt. Bei rechtlichen Überprüfungen würden womöglich Niederlagen vor Gericht drohen, wenn diese Freiheitseinschränkungen für Nichtgeimpfte nicht durch einen klaren Nutzen zu rechtfertigen wären.

Andererseits: Bei 2G-Veranstaltungen entfallen viele Corona-Regelungen, etwa Abstandhalten, die bei 3G weiterhin gelten. 2G-Befürworter sehen in der Regelung daher auch eine Chance, zu weitgehender Normalität im Alltag zurückzukehren. Die Impfquote in Deutschland liegt nach Angaben des RKI derzeit bei 62,8 Prozent. 67 Prozent haben mindestens die erste Impfung erhalten. Nach Ansicht von Experten ist die Quote damit noch zu niedrig, um eine stärkere vierte Welle in Herbst und Winter einzudämmen.

"Die Disco ist nicht der Sportverein"

Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, sieht in 2G keine Impfpflicht durch die Hintertür, wie sie bereits Ende August zum Start von 2G als Optionsmodell in Hamburg erklärt hatte. "Eine Pflicht ist etwas, dem man sich nicht entziehen kann", sagte sie damals dem Hörfunksender NDR Info. Das sei hier nicht der Fall. Stattdessen werde "Druck aufgebaut, um es attraktiver zu machen, sich und andere zu schützen". 

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Buyx sagte damals, aus ethischer Sicht sei das 3G-Modell besser, weil es mehr Teilhabe biete. Wenn sich die Situation aber weiter verschlechtern würde, sei 2G ethisch vertretbar, wenn damit maßvoll umgegangen werde. "Man sollte vorher alles andere ausgeschöpft haben." Wichtig sei zudem, vorab zu überdenken, welche Bereiche betroffen seien. "Die Disco ist nicht der Sportverein und auch nicht der Behördenbesuch."

Der Münsteraner Krisenstabsleiter Wolfgang Heuer zog sein eigenes Fazit zu den Infektionen nach der Partynacht: "Dass sich Personen trotz Immunisierung auch weiterhin anstecken und zu Überträgern werden können, ist bekannt", sagte er der dpa. "Klar ist aber auch, dass die Schutzimpfung das Risiko einer schweren Erkrankung extrem reduziert." Die Ansteckungsserie zeige erneut die enorme Bedeutung der Schutzimpfung – und dass niemand sorglos sein sollte, vor allem nicht bei engen Kontakten in geschlossenen Räumen.

Rolf Schraa/ikr DPA

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