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Gewitter im Kopf Epilepsie-Experte Bernhard Steinhoff: "Badewannen fürchten wir wie der Teufel das Weihwasser"

Bernhard Steinhoff
Professor Bernhard Steinhoff ist Ärztlicher Direktor des Epilepsiezentrums Kork. Er sagt: "Epilepsie ist ein Schicksal, aber eines, mit dem man in der Regel ganz gut zurechtkommen kann."
© Diakonie Kork
Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen – aber eine, die gern verschwiegen wird. Der Experte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Bernhard Steinhoff, über Auslöser und Folgen von epileptischen Anfällen. 

Herr Steinhoff, ein epileptischer Anfall wird auch gern als "Gewitter im Kopf" bezeichnet. Aber was passiert im Gehirn wirklich?

Ein epileptischer Anfall beruht auf einer plötzlichen, abnormen Erregungssteigerung von Hirngewebe. Wir alle brauchen die Erregung des Hirngewebes, sonst würden wir nicht funktionieren. Der Unterschied ist, dass es beim epileptischen Anfall entweder im gesamten Hirngewebe, das nennt man dann generalisiert, oder in einer umschriebenen Region, das nennt man fokal, zu einer unkontrollierten Erregungsausbreitung kommt. Diese führt dann letztlich zum Symptom des Anfalls. Der Begriff Epilepsie kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie gepackt werden. Das beschreibt sehr treffend, dass man selbst keine Kontrolle mehr darüber hat, was im Anfall mit einem geschieht.

Epilepsie gehört zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen.

0,5 bis 1 Prozent der Menschheit hat Epilepsie. Ich sage immer etwa 600.000 Menschen in Deutschland. Epilepsie ist eine häufige Krankheit. Und es ist eine Krankheit, über die wenig gesprochen wird, die immer noch stigmatisiert ist und die in der öffentlichen Wahrnehmung wenig vorkommt.  

Epileptische Anfälle kommen nicht aus dem Nichts. Wodurch werden sie ausgelöst?

Das können vielerlei Mechanismen sein. Sie merken schon, ich werde vage. Was genau in diesem Moment dazu führt, dass die Kaskade der Erregung beginnt, wissen wir immer noch nicht wirklich gut. Wir wissen, was sich dann abspielt, welche Erregungsmechanismen dazu führen, dass immer mehr Hirnzellen in die Anfangsgenese mit eingebunden werden. Aber was exakt der Zünder ist und warum der Zünder um 15.07 Uhr zündet und nicht um 15.06 Uhr oder 15.12 Uhr, wissen wir leider nicht. Wenn wir das wüssten, könnten wir den Patienten ein Warnsystem mit auf den Weg geben. Dann könnten sie zuvor Medikamente nehmen und nicht dauernd zur Vorbeugung, was ja eigentlich viel sinnvoller wäre. 

Sie sprachen von Erregungsmechanismen. Das ist ein sehr abstraktes Wort. Was steckt dahinter?

Das können beispielsweise Entzündungserkrankungen des Hirns sein, das können Hirntumore sein oder auch eine Anlagestörung der Architektur des Gehirns verursachen. Die Ursachen für epileptische Anfälle und Epilepsien sind also vielfältig. Grundlage der Erregungsausbreitung ist eine abnorme Rekrutierung von übererregtem Hirngewebe, also eine Erregungskaskade. Anfälle können nur passieren, wenn Gehirngewebe noch funktioniert, aber eben falsch funktioniert. Das Gegenbeispiel zum epileptischen Anfall wäre der Schlaganfall. Bei einem Schlaganfall geht Hirngewebe unter und es resultiert eine Minussymptomatik, der Arm ist gelähmt. Beim epileptischen Anfall passiert ein Mehr, es passiert etwas, was man nicht mehr unter Kontrolle hat, der Arm zuckt oder verkrampft sich. Das Tückische an der Krankheit ist, dass wir von dem, was wir als Anfallssymptom sehen, nicht zwingend auf die Ursache schließen können.

Wie gefährlich ist so ein Anfall, brutzelt dabei vielleicht sogar im Gehirn etwas durch?

Das Gehirn kann unheimlich viel wegstecken. Wenn Anfälle im Hirn überhaupt Schäden hinterlassen, dann minimale. Das ist zu vernachlässigen. Was wir eher fürchten, sind die mittelbaren Folgen – der erwähnte Anfall in der Badewanne oder ein anfallbedingter Treppensturz, der zu einer Hirnblutung führt. Das sind die Situationen, die gefährlich sind. Es gibt leider auch Fälle, in denen epileptische Anfälle zum Tode führen können. Anfälle, die nicht mehr von selbst enden, sind lebensgefährlich. Es gibt auch Fälle von Menschen, die Anfälle im Schlaf haben und morgens tot im Bett gefunden werden. Dahinter stecken wahrscheinlich Herz-Rhythmus-Störungen während des Anfalls. Davon betroffen sind vor allem Männer zwischen 20 und 40 Jahren mit schlafgebundenen Anfällen. 

Ein epileptischer Anfall beeinträchtigt also nicht die kognitiven Fähigkeiten?

Die allgemeine Volksmeinung ist immer noch, dass die Epilepsie zwangsläufig mit einer kognitiven Beeinträchtigung einhergeht, das ist einfach Unsinn. Natürlich gibt es Patienten, die schwer geistig behindert sind, aber da ist die geistige Beeinträchtigung nicht Folge der Epilepsie. Sowohl die geistige Beeinträchtigung als auch die Epilepsie sind die Folge einer anderen ursächlichen Erkrankung wie eine schwere frühkindliche Hirnschädigung. Ich habe x-Patienten mit Epilepsien, die völlig unbeeinträchtigt hochkarätige Jobs ausführen, die im Fernsehen arbeiten, Leistungssportler und sogar Olympiasieger sind. Das geht alles mit Epilepsie. Insofern ist Epilepsie ein Schicksal, aber eines, mit dem man in der Regel ganz gut zurechtkommen kann. 

Ist ein epileptischer Anfall die Antwort auf eine Überforderung des Gehirns?

Überforderung würde suggerieren, dass man, wenn man sich wahnsinnig anstrengt oder viel denken muss, einen Anfall bekommt. Das ist sicherlich nicht so. Ein epileptischer Anfall ist eher wie ein Störfeuer der normalen Hirnaktivität, das plötzlich ausbricht. Anfälle treten meist in Entspannungsphasen auf. Wenn man nach einem schweren Tag nach Hause kommt, sich hinsetzt, aufatmet und denkt, man hat es geschafft. Das ist eher ein Moment, in dem man für einen Anfall gefährdet ist, als wenn man voll unter Strom steht. Das ist zwar keine 100-prozentige Regel, aber sie trifft schon ziemlich oft zu. Deswegen warnen wir Epileptologen auch immer vor der Badewanne. Wenn man in der Badewanne einen Anfall bekommt, ist dies lebensgefährlich. Siehe Rudi Dutschke, der bei einem solchen Anfall ertrunken ist. Badewannen fürchten wir wie der Teufel das Weihwasser.

Will einem der Körper mit so einem Anfall etwas sagen, ist er ein körpereigenes Warnzeichen?

Ein epileptischer Anfall ist eine ganz banale biologische Reaktion. Das ist kein Warnzeichen. Das Dumme an den Anfällen ist, dass sie unvorhersagbar sind. Es kann mich treffen, wenn es mir gut geht. Es kann mich treffen, wenn es mir schlecht geht. 

Welchen Einfluss hat diese Unberrechenbarkeit auf die Psyche?

30 Prozent unserer Epilepsiepatienten haben zusätzlich eine Depression, unter anderem weil sie Angst vor weiteren Anfällen haben, sozial benachteiligt sind, nicht Autofahren können und so weiter. Was da Ursache, was Wirkung ist, ist schwer zu sagen. 

Helfen Medikamente?

Sie reduzieren die Anfall-Wahrscheinlichkeit. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Medikamenten, die sehr gut verträglich sind und die mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Störwirkung haben. Bei sicherlich drei Viertel der Patienten ist das der Fall. 25 bis 30 Prozent hat sehr schwer behandelbare Epilepsien, das ist dann eine ganz andere Kategorie, die bekommt man medikamentös nicht gut in den Griff. Der Regelfall ist aber, dass die Patienten ein Medikament nehmen und davon gar nichts merken.

Wie lang braucht der Körper, um sich von so einem Anfall zu regenerieren?

Nicht lange, in der Regel höchstens ein paar Stunden. Viele Menschen leiden nach einem schweren Anfall unter Muskelkater. Bis der wieder abgeklungen ist, dauert es oft ein bis zwei Tage. Zum Vergleich: Um diese Muskelarbeit zu reproduzieren, die bei einem Anfall geleistet wird, müsste man im Fitnessstudio schon mal ein paar Stunden Gewichte stemmen. Das ist gewaltig.

Bei manchen Menschen kündigt sich ein Anfall durch eine sogenannte Aura an, was passiert da?

Eine Aura ist ein epileptisches Vorgefühl, besser noch eine epileptische Halluzination. Dabei handelt es sich um ein Empfinden, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Das kann beispielsweise ein Gefühl sein oder etwas Visuelles. Dieses Vorgefühl ist schon der epileptische Anfall. Wenn man Glück hat, bleibt es bei der Aura. Diese Phase betrifft die Leute nicht so sehr. Was sie betrifft, ist das, was in der Folge passiert, wenn der epileptische Anfall sich im Gehirn weiter ausbreitet. Eine Aura ist also nichts anderes als ein bewusst erlebter epileptischer Anfall. 

Das heißt, trotz Aura kann man einen Anfall nicht unterdrücken – wie beispielsweise einen Nieser?

Es gibt Menschen, die versuchen das. Vor allem, wenn sie eine sensible Aura haben. Es gibt Patienten, die spüren ein Kribbelgefühl, das den Arm hochzieht. Manche kneifen sich dann in den Arm. Durch den Reflexmechanismus meinen sie, den Anfall möglicherweise unterbrechen zu können. Es gibt Beispiele, in denen das funktioniert, in den meisten Fällen funktioniert es aber leider nicht.

Menschen mit Epilepsie sind ihrem Körper also mehr oder weniger komplett ausgesetzt?

Das ist leider so. Deswegen gibt man Medikamente. Ansonsten kann man leider nicht wirklich viel machen. Ich sage den Patienten immer, sie sollen gesund leben, sie sollen Sport machen, sich dem Leben stellen und sich auf keinen Fall in den Sessel zurückziehen und sich ausmalen, was alles passieren könnte. Die richtige Balance zu finden, ist natürlich trotzdem nicht so ganz einfach.

Interview: Tina Pokern

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