EU-Parlament Zulassung von Fleischkleber gestoppt

Schinken ist nicht gleich Schinken. Manchmal handelt es sich dabei um mit Enzymen zusammengeklebte Fleischstücke. Jetzt hat das EU-Parlament dafür gesorgt, dass ein weiteres Klebeenzym nicht zugelassen wird. Billiges Formfleisch ist damit allerdings nicht vom Tisch.

Bei manchem Lachs-, Nuss- oder luftgetrocknetem Schinken vergeht Verbrauchern der Appetit. Statt Spitzenqualität wird hier Zusammengepuzzeltes geliefert: Kleine Fleischstücke werden mit Enzymen zu größeren zusammengeklebt. Nun hat das Europaparlament die Zulassung eines umstrittenen Enzyms für das sogenannte Klebefleisch vorerst gestoppt. Die EU-Volksvertretung lehnte am Mittwoch mit knapper Mehrheit einen Verordnungsentwurf der EU-Kommission ab, mit dem das Enzym Thrombin als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen werden sollte.

Mit dem Veto wandte sich die Straßburger Volksvertretung gegen eine mögliche Irreführung der Verbraucher. Ein aus Fleischresten zusammengeklebter Schinken soll nicht als hochwertiger Vollschinken verkauft werden dürfen, befanden die Parlamentarier. "Das ist allerdings nur ein Teilerfolg", sagt Anne-Katrin Wiesemann von der Verbraucherzentrale Sachsen. "Dadurch wird Formfleisch nicht vom Markt verschwinden."

Formfleisch muss gekennzeichnet werden

Denn um Form- oder Klebefleisch herzustellen, wird bereits ein anderes Enzym verwendet: Transglutaminase. "Als Zutat ist der Einsatz dieses Enzyms in Deutschland erlaubt", sagt Wiesemann. Auf Thrombin sind die Hersteller daher gar nicht angewiesen, wenn sie billiges Fleisch oder günstigen Schinken herstellen wollen. "Handelt es sich um Formfleisch, sind Hersteller allerdings verpflichtet, das kenntlich zu machen", sagt Wiesemann. Sie rät Verbrauchern daher, die Verpackung und die Zutatenliste genau zu studieren.

Thrombin wird da in nächster Zeit als Lebensmittelzusatzstoff jedenfalls nicht draufstehen. Vor der Abstimmung im Europaparlament hatte EU-Gesundheitskommissar John Dalli zwar noch für ein Ja zu der Zulassung des Enzyms geworben. Das aus Schweineblut gewonnene Enzym sei gesundheitlich unbedenklich, sagte er. Zudem gebe das Klebeverfahren Verbrauchern die Möglichkeit, billigeres Fleisch zu kaufen. Nach dem Veto des Europaparlaments muss die Kommission nun einen neuen Entwurf vorlegen.

"Täuschung der Verbraucher"

Doch gegen die Zulassung des Fleischklebers stimmten vor allem Vertreter der linken Fraktionen und die Grünen. "Ein Steak muss ein Steak bleiben", sagte der Vorsitzende des Umweltausschusses, Jo Leinen (SPD). Das Zusammenkleben von Kleinstfleischteilen sei "unappetitlich, gesundheitlich nicht unbedenklich und eine klare Täuschung der Verbraucher", erklärte die Verbraucherschutzexpertin der sozialistischen Fraktion, Dagmar Roth-Behrendt (SPD). Konservative und Liberale lehnten das Verbot hingegen ab. Sie forderten stattdessen eine klare Kennzeichnung von mit Thrombin zusammengeklebten Fleischstücken. Das Enzym sei tierischen Ursprungs und nicht gefährlich, betonte die CDU-Abgeordnete Renate Sommer. Allerdings dürfe dem Verbraucher nicht vorgegaukelt werden, er kaufe ein Stück gewachsenen Schinken, wenn es sich in Wirklichkeit um zusammengeklebte Schinkenstücke handele. Thrombin und ähnliche Zutaten tierischen Ursprungs würden von Metzgern "seit Jahrhunderten" verwendet, etwa zur Herstellung von Blut- und Leberwurst, betonte der FDP-Abgeordnete Holger Krahmer.

Dies bestätigte eine Expertin des Gesundheitsausschusses. Nach ihren Angaben werden Thrombin und ähnliche Stoffe bereits bei der Herstellung von Lebensmitteln, etwa Wurstwaren, eingesetzt - allerdings als sogenannte "technische Hilfsmittel", nicht als Lebensmittelzusatzstoffe. Die sozialistische Fraktion will nach Angaben einer Sprecherin daher erreichen, dass die EU-Kommission auch die "technischen Hilfsmittel" der Lebensmittelindustrie unter die Lupe nimmt. Derzeit gebe es da einige "rechtliche Lücken", die noch zu schließen seien.

lea/DPA/AFP DPA

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