Extra Attacke auf das blaue Monopol


Viagra bekommt Konkurrenz - seit dieser Woche ist der Herausforderer Cialis zu haben, der bis zu 36 Stunden Fitness fürs Liebeslager verleiht.

Die Liebespille mit Romantik-Faktor ist zart ockergelb, hat die Form einer Mandel und ist pro Gewichtseinheit Wirksubstanz über hundertmal teurer als Gold. Cialis, das neue Potenz-Elixier der Firmengruppe Lilly Icos, das seit Montag in deutschen Apotheken über die Tresen geht, schafft wie Viagra bei etwa drei Viertel der Pillenschlucker harte Tatsachen unterhalb der Gürtellinie. Aber es hält, und das ist neu, Balsam bereit für die geschundenen Gemüter der ED-Betroffenen (ED steht für "Erektile Dysfunktion" und ist Neudeutsch für Impotenz). Im Gegensatz zur Urmutter aller hochwirksamen Potenzpillen schenkt Cialis müden Männern mit angeknackstem Ego die lang vermisste Lockerheit, indem es mit dem Zwang zum "Stoppuhr-Sex" Schluss macht und ihnen neben der medikamentösen Sicherheit viel Zeit für die Liebe gibt - bei Bedarf ein ganzes Wochenende.

Anders als Viagra verfügt Cialis (vier Tabletten ? 10 mg kosten 47,99 Euro; die Vierer-Packung Viagra in der entsprechenden 50-mg-Dosierung ist einen Cent teurer) nicht nur über ein "Wirkfenster" von vier bis acht Stunden, sondern von 24 bis 36 Stunden. Außerdem stört ein romantisches Abendessen zu zweit die Pillenwirkung nicht.

"Die längere Wirkungsdauer von Cialis ist ein ganz entscheidender Vorteil", sagt der Münchner Sexualmediziner Ulrich Pickl. Bei sensiblen Männern könne nämlich schon der Gedanke, innerhalb einer bestimmten Zeitspanne "funktionieren zu müssen", eine Erektion verhindern.

Viagra-Hersteller Pfizer, seit der Markteinführung seines "blauen Diamanten" 1998 quasi Alleinherrscher auf dem ED-Markt, macht gute Miene zum bösen Spiel. Geoffrey Cook, der New Yorker Sprecher des mächtigsten Pillenmultis der Welt, erklärte gelassen, man erwarte nicht, dass Cialis den Erfolg von Viagra schmälern könne. Das gelte auch für den zweiten neuen Rivalen, das Versteifungsmittel Levitra. Die pfirsichfarbene Rundpille mit dem Bayer-Kreuz wird bei uns wahrscheinlich ab Jahresmitte erhältlich sein.

Die ED-Experten, über die Zahl der Impotzenzgeplagten notorisch uneins, rechnen damit, dass allein in Deutschland vier bis zwölf Millionen Männer mit Erektionsstörungen ringen. Von ihnen haben sich bisher nur zehn bis 15 Prozent beim Arzt geoutet. Legt man die angeblich für Deutschland gültige "Impotenz-Prävalenzrate" von 22 Prozent zugrunde, dürften der Pharma-Branche bei weltweit 2,1 Milliarden Männern ab 15 satte Profite ins Haus stehen.

Trotzdem herrscht hinter den Kulissen Hauen und Stechen. Pfizer, Lilly und Bayer sind einander spinnefeind, und sowohl Bayer als auch Lilly stehen unter großem Erfolgsdruck, weil sie 2001 Milliardenseller verloren haben. Bayer musste den Cholesterinsenker Lipobay wegen tödlicher Nebenwirkungen vom Markt nehmen, und Lillys Patent auf das Antidepressivum Prozac lief aus.

Um die Bäume der Konkurrenz nicht in den Himmel wachsen zu lassen, hat Pfizer die Nebenbuhler in den USA wegen Patentrechtsverletzung verklagt. Am 22. Oktober 2001 hatte das amerikanische Patentamt den Viagra-Machern ein bis 2019 gültiges Patent auf das Wirkungsprinzip ihrer Potenzpille erteilt. Und das ist bei Viagra, Cialis und Levitra identisch.

Hingegen hatte Pfizer in der alten Welt mit einem ähnlichen Vorstoß kein Glück: Das Europäische Patentamt in München schmetterte einen Antrag auf Schutz des Wirkungsprinzips ab, ebenso das britische Oberhaus.

Aber auch für Lilly läuft nicht alles nach Plan. Als Cialis am 14. November 2002 in Europa zugelassen wurde, konnte man nicht liefern - ein Pharma-Albtraum. Angeblich war der Umbau der Produktionsstätte im südenglischen Basingstoke noch nicht beendet. Und in den USA gibt es weiteren Ärger für die Viagra-Widersacher: Die Zulassungsbehörde FDA hat Lilly und Bayer verdonnert, zusätzliche Forschung zu betreiben, was die Zulassung der potenziellen Milliardenseller um etwa ein halbes Jahr verzögern wird. Trotzdem sind die Herausforderer guter Dinge, noch 2003 auf den US-Markt zu kommen.

Gänzlich unerwartet war ein Problem, von dem Lilly heimgesucht wurde. Eine Familie Cialis klagte auf Namensänderung der Potenzdroge, weil man befürchte, dass die Kinder "psychische Schäden" erleiden könnten. Ein Firmensprecher wollte nicht verraten, wie viel der Konzern zahlen musste, um die Anwälte der Familie zu befriedigen.

Gerd Schuster


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