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Gefahr im Wald: Die Zecken lauern schon

Wegen der milden Temperaturen sind Zecken schon jetzt aktiv. Eine Folge des Klimawandels, sagen Forscher. Mit einem Biss können die Spinnentiere eine gefährliche Hirnhautentzündung oder Borreliose übertragen. Wo die Zeckengefahr besonders groß ist - und wie man sich nach einem Biss verhält.

Von Martina Janning

Alles scheint wie immer: Der Frühling kommt und mit ihm die Zecken. Doch der Eindruck trügt. Die Tiere waren vielerorts gar nicht weg, sagen die Experten von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). Denn Zecken fallen erst ab einer Temperatur unter sieben Grad Celsius in ihren Winterschlaf. Weil es nur wenig Frost gab, treten sie früher in Aktion, und mehr Nachkommen überleben. Laut SDW sind Zecken vielerorts bereits das ganze Jahr aktiv. Eine erste Folge des Klimawandels, urteilen die Waldfachleute ebenso wie viele Wissenschaftler.

Die Klimaerwärmung begünstige offenbar die Ausdehnung der Zeckengebiete nach Norden, berichteten Experten auf dem Symposium "Warnsignal Klima" in Hamburg. Forscher entdeckten Zecken bereits in Tschechien, Schweden, Finnland und nur 200 Kilometer vor dem Polarkreis. Mit steigender Zeckendichte rechnen Fachleute mit einer Zunahme der gefährlichen Krankheiten, die die Tiere übertragen: Sie können Menschen mit der Infektionskrankheit Borreliose und der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), einer Form der Hirnhautentzündung, infizieren.

Bayern ist Risikogebiet Nummer eins

Die Risikogebiete für FSME liegen vor allem in Bayern und Baden-Württemberg, hinzu kommen Landkreise in Hessen, Thüringen und Rheinland-Pfalz. Gemeldete FSME-Erkrankungen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) Einzelfälle. Der Klimawandel passiere nicht innerhalb von fünf Jahren, beruhigt Susanne Glasmacher vom RKI: "Aktuell sehen wir keine Nordausdehnung der Zecken in Deutschland." Die Borreliose ist hingegen im ganzen Bundesgebiet verbreitet.

Das Vorkommen der Blutsauger hängt von komplexen ökologischen Zusammenhängen ab Die vorherige Zeckensaison verdeutlicht das gut. Der Winter 2006/2007 war warm, Forscher erwarteten eine starke Zunahme von Zeckenbissen und FSME. Doch die Zahl der Erkrankungen ging stattdessen zurück. Der April war zu heiß für die feuchtigkeitsliebenden Tiere und der Sommer so verregnet, dass es die Menschen wenig in die Natur trieb. Die Zahl der FSME-Fälle sank von 546 im Jahr 2006 auf 238 in 2007. Wie das Zeckenjahr 2008 wird, sei nicht vorhersehbar, sagt Glasmacher.

Gefahr für Folgeschäden bei Erwachsenen größer

Vergangenes Jahr löste die erwartete Zeckenplage eine Impfwelle aus. Das führte dazu, der Impfstoff gegen FSME schon Ende Mai knapp wurde. Das ist dieses Jahr nicht zu befürchten, die Hersteller haben vorgesorgt. Wer sich in einem Risikogebiet aufhält, sollte sich früh impfen lassen, rät Glasmacher. Denn eine FSME-Immunisierung besteht aus drei Teilen. Zwischen der ersten und der zweiten Injektion liegen drei bis vier Wochen. Vierzehn Tage nach der zweiten Spritze baut der Körper einen wirksamen Schutz auf. Ein Langzeiteffekt von drei bis fünf Jahren ist mit einer dritten Impfung zu erreichen; sie kann neun bis zwölf Monate nach der ersten Injektion erfolgen. Bei Erwachsenen ist die Gefahr von Folgeschäden durch FSME größer als bei Kindern - Eltern sollten sich daher zuerst impfen lassen, sagt Glasmacher.

Die Spinnentiere lauern am Boden, an Sträuchern und Gräsern. Streift ein Opfer an ihnen vorbei, hängen sie sich an seine Füße oder Beine. Von dort aus sucht sich die Zecke eine geeignete Saugstelle. Bis zu acht Stunden wandert sie über die Haut, meist unbemerkt. Denn vor der Blutmahlzeit ist sie nur so groß wie ein Stecknadelkopf.

Risiko bei der Fußball-EM

In Risikogebieten zahlen die gesetzlichen Krankenversicherungen die FSME-Impfung, bei Waldarbeitern oder Landwirten muss der Arbeitgeber für den Impfschutz aufkommen. Manche Krankenkassen erstatten freiwillig Reiseschutzimpfungen und bezahlen eine FSME-Immunisierung, wenn der Versicherte in ein ausländisches Risikogebiet fährt. Wer im Juni zur Fußball-Europameisterschaft nach Österreich und in die Schweiz reist, kann bei seiner Kasse danach fragen. In beiden Alpenländern ist die Gefahr groß, sich mit der Frühsommer-Meningoenzephalitis zu infizieren. In Österreich sind daher rund 90 Prozent der Bevölkerung geimpft, in der Schweiz wird ein FSME-Schutz in allen Regionen unterhalb von 1000 Metern empfohlen.

Ohne Impfung können sich FSME-Viren im menschlichen Körper ausbreiten, sobald eine Zecke Blut zu saugen beginnt. Die Inkubationszeit beträgt bis zu 28 Tage. Aber nur in 30 Prozent der Fälle träten klinische Symptome auf, sagt Uta Meyding-Lamadé, Chefärztin der Neurologischen Klinik am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt. "Meist durchläuft die Erkrankung zwei Phasen, zunächst leidet der Patient an grippeähnlichen Beschwerden mit leichtem Fieber. Nach einer kurzen Erholungsphase kommt es dann erneut zu Fieber und neurologischen Ausfallserscheinungen. Diese können vielfältig sein: vom einfachen Kopfschmerz mit etwas Nacken-Hinterkopfschmerzen bis hin zu Lähmungen, Bewegungsstörungen, Anfällen und auch Querschnittsyndromen, die lebensbedrohlich verlaufen können." Ein bis drei Prozent aller Patienten mit FSME sterben, 4 bis 20 Prozent erleiden neurologische Dauerschäden wie Lähmungen, Lernbehinderungen oder Anfälle.

Kein Schutz vor Borreliose

Gegen Borreliose, die zweite von Zecken übertragene Krankheit, existiert keine Schutzimpfung. Sie entsteht durch Bakterien, die beim Biss einer Zecke ins Blut gelangen. In Deutschland erkrankten vergangenes Jahr etwa 60.000 Menschen an Borreliose, schätzt das RKI. Typische Anzeichen sind rötliche Hautveränderungen um die Bissstelle, Fieber und schmerzende Muskeln. Ohne eine Behandlung mit Antibiotika kann es zu neurologischen Schäden und chronischen Gelenkentzündungen kommen. Wer von einer Zecke gebissen wurde, ist daher gut beraten, sich aufmerksam zu beobachten und beizeiten zum Arzt zu gehen. Um sich gegen Borreliose zu schützen, sollten jeder nach Spaziergängen im Freien seinen Körper und seine Kleidung nach Zecken absuchen.

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