Gefahr im Wald Invasion der Giftzwerge


Sie sind nur wenige Zentimeter groß, aber ihre feinen Härchen haben es in sich: Die Larven des Eichenprozessionsspinners können eine Raupendermatitis auslösen - mit Symptomen wie Ausschlag und Atemnot. Die Plage ist schwer zu bekämpfen.

Die Männer steckten in blauen Schutzanzügen, trugen Atemschutzmasken und überlange Latexhandschuhe. Mit starken Staubsaugern und 15 Meter langen Schläuchen machten sie sich an den Eichen entlang der Autobahn 73 zwischen Bamberg und Nürnberg zu schaffen. Der Einsatz sorgte in den vergangenen drei Wochen für Verwirrung der Autofahrer und für kleinere Staus.

Der Grund für die außergewöhnliche Aktion waren gewöhnliche Insekten: Eichenprozessionsspinner, die ihre Nester in den mächtigen Bäumen bauen. Diese Behausungen verschwanden nun in den Spezialsaugern der Maskierten. Denn die unscheinbaren Gespinste bergen einen gefährlichen Inhalt. "Die mit Widerhaken besetzten, zwei bis drei Millimeter langen Haare auf dem Rücken der Raupe dieses Nachtfalters enthalten das Nesselgift Thaumetoporin, auf das auch gesunde Menschen allergisch reagieren", erklärt Reinhardt Leitz, Hautarzt aus Stuttgart. In seine Praxis kommen in diesem Sommer vermehrt Patienten mit den typischen Symptomen wie starkem Juckreiz, Quaddeln und Knötchen.

"Außerdem kann es zu Übelkeit kommen, Augen- und Rachenentzündungen können auftreten. Werden die Nesselhaare eingeatmet, reagieren die Patienten mit schmerzhaftem Husten oder sogar mit einem Asthmaanfall", berichtet Leitz. Wird keine Hilfe geleistet, kann ein solcher Anfall Allergiker sogar töten.

Die Autobahndirektion Nordbayern verzeichnete mehr Krankmeldungen, weil Mitarbeiter bei der Pflege der Autobahnbegrünung mit den giftigen Härchen in Kontakt kamen. In der schwäbischen Kreisstadt Leonberg galt in den vergangenen Wochen fast jeder zweite Einsatz der Feuerwehr dem Eichenprozessionsspinner: zum Abflammen der Nester auf Schulhöfen und Sportplätzen, in der Nähe von Bushaltestellen oder an Waldrändern. In einigen Regionen Baden-Württembergs und Südhessens wurden Waldkindergärten geschlossen und Trimm-dich-Pfade gesperrt, Open-Air-Konzerte wurden verlegt.

Der Verursacher all dieses Ungemachs, von Entomologen Thaumetopoea processionea genannt, verdankt den Namen seinen giftigen und gefräßigen Larven. Aus ihren Nestern, die meist an der Unterseite starker Äste oder an Stämmen liegen, wandern sie in regelrechten Prozessionszügen in die Baumkrone oder zu einem Nachbarbaum. Die drei bis vier Zentimeter langen Raupen ernähren sich von den Blättern verschiedener Eichenarten. Binnen weniger Stunden fressen sie selbst große Bäume komplett kahl. Sind sie satt, kehren sie wieder in die Nester zurück. Nach dem letzten von sechs Larvenstadien verpuppen sich die Raupen und verlassen ab Ende Juli endgültig ihr Nest - als unscheinbare, graubraune, nachtaktive Falter, die ungiftig sind. In ihrer Lebenszeit von nur etwa zwei Tagen legen sie bis zu 300 Eier und somit die Grundlage für eine neue Raupenplage im nächsten Sommer.

"Seit Beginn der 90er Jahre können wir ein verstärktes Auftreten des Eichenprozessionsspinners in Deutschland beobachten", berichtet Professor Alfred Wulf von der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstschutz in Braunschweig. Nach Beobachtungen seines Instituts vermehrt sich der Schädling massenhaft vor allem in Weinbauregionen, in denen ein trocken-warmes Klima herrscht. "Ein Übriges hat der extrem heiße und trockene Sommer 2003 getan." Der eher verhaltene Sommer 2004 verhinderte die Vermehrung auch nicht, und 2006 dürfte es noch schlimmer kommen. "Wir können bislang keinen Zusammenbruch der Schädlingspopulationen feststellen, so- dass wir uns im nächsten Jahr auf noch umfangreichere Bekämpfungsaktionen einstellen müssen", befürchtet Wulf.

Solange die Giftzwerge

ihre Prozession durch deutsche Wälder fortsetzen, bleibt den Menschen nur die Möglichkeit, ihnen aus dem Weg zu gehen. Wer ein Gespinst entdeckt, sollte andere Passanten davor warnen und die Feuerwehr oder die Forstbehörde verständigen. Sollte es zu einem Kontakt gekommen sein, möglichst schnell die Kleidung wechseln und duschen. Bei juckendem Ausschlag oder Atembeschwerden ist ein Besuch beim Hautarzt ratsam, der mit kortisonhaltigen Salben, Augentropfen und antiallergischen Medikamenten behandeln wird. Bei Atembeschwerden hilft die Inhalation von bronchialerweiternden und entzündungshemmenden Präparaten. Kommt es zu einem Asthmaanfall: Notarzt rufen!

Achtung: Auch wenn jetzt die Falter auszuschwärmen beginnen - in den Nestern bleiben die Häutungsreste der Raupen mit ihren Gifthaaren zurück. Sie können durch den Wind oder durch Herabfallen der Nester weiter ihre unheilvolle Wirkung entfalten - selbst im Winter.

Peter-Michael Petsch print

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