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Heldin der Gesundheit: "Jede Geburt ist einzigartig": Eine Hebamme über Freude und Leid in ihrem Job

Cathleen Gerken, 42, ist mit Leidenschaft Hebamme. Im Marienkrankenhaus in Hamburg hilft sie Eltern und Kindern beim Start ins Leben.

Aufgezeichnet von Susanne Ibing

Hebamme Cathleen Gerken hilft werdenden Müttern bei der Geburt

Im Kreißsaal: Hebamme Cathleen Gerken hilft werdenden Müttern bei der Geburt

Diesen Moment finde ich immer wieder besonders spannend: Wenn sich die Tür zum Kreißsaal öffnet und ich mich frage, wie ist das Paar, das ich gleich begleiten werde? Ich habe schon über 2000 betreut. Man könnte daher meinen, ich hätte schon alles gesehen und erlebt – aber das stimmt so nicht. Jede Geburt ist einzigartig. Häufig betreue ich zum Beispiel Paare ohne Deutschkenntnisse. Die Kommunikation über Hände und Füße kommt direkt aus dem Bauch und ist nicht so verkopft, wie ich das sonst oft im Kreißsaal erlebe. Das gefällt mir richtig gut.

14 Jahre habe ich freiberuflich gearbeitet, davon eineinhalb Jahre in einem Geburtshaus. Dort kann eine Hebamme die Frau von Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende des Wochenbetts begleiten. Das ist viel persönlicher als im Krankenhaus, deshalb erinnere ich mich an diese Geburten besonders gut. Manchmal treffe ich Jahre später eine Mutter auf der Straße wieder, und sie stellt mich ihrem Kind vor, das ich auf die Welt gebracht habe.

Als freiberufliche Hebamme war ich jederzeit erreichbar: Wenn eine Frau nachts um 3 Uhr anrief und es ihr nicht gut ging, fuhr ich hin und versorgte sie mit Quarkwickeln und Hühnersuppe. So ein Leben ist mit eigenen Kindern kaum machbar, von den gestiegenen Kosten für die Haftpflichtversicherung mal ganz abgesehen. 1993, als ich anfing, musste ich dafür rund 200 Euro pro Jahr zahlen, heute wären es über 7000 Euro. Deshalb können sich außerklinische Geburten nur noch Besserverdiener leisten.

Seit vier Jahren bin ich im Katholischen Marienkrankenhaus fest angestellt. Letztes Jahr wurden hier 3715 Kinder geboren. In der Klinik sind die Abläufe enger getaktet, häufig bin ich für mehrere Paare gleichzeitig verantwortlich. Dennoch betreuen wir jede Geburt individuell. Wenn mein Dienst endet und die Geburt absehbar ist, bleibe ich schon mal länger. Dann finde ich es wichtig, den Paaren bis zum Ende beizustehen. Denn die meisten erleben eine Geburt nur ein, zwei oder vielleicht drei Mal im Leben. Das sollen schöne Momente sein, an die sich Eltern gerne erinnern.

Daneben gibt es aber auch wieder traurige und belastende Situationen, besonders dramatisch ist eine Totgeburt. Daran kann man sich nicht gewöhnen. Aber auch solche Geburten gehören zu meinem Beruf, und ich möchte gerade diesen Paaren zur Seite stehen und sie auffangen. Auch ein totes Kind sollte möglichst auf normalem Weg zur Welt gebracht werden, das ist wichtig für die .

Vor zwei Jahren habe ich ein Paar betreut, das in der 23. Schwangerschaftswoche erfahren musste, dass ihr Kind keinen Herzschlag mehr hat. Letztes Jahr habe ich die beiden zufällig im Kreißsaal wiedergetroffen und konnte sie bei der Geburt
eines gesunden Kindes begleiten. Sie haben mich direkt wiedererkannt. Es ist schön, wenn man den Leuten so positiv in Erinnerung bleibt – trotz der leidvollen Erfahrung, die sie machen mussten.

Ich könnte mich zur Kreißsaalleiterin oder Lehrhebamme fortbilden lassen, aber das kommt für mich nicht in Frage. Ich bin genau an dem Platz, an dem ich sein möchte: an der Seite der Frau während der Geburt.

Einen Traum habe ich dennoch. Wenn ich in Rente gehe, möchte ein Jahr lang in Namibia leben, um dort die traditionelle Geburtshilfe kennenzulernen.

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