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Fast 4000 Betten leer: Macht Personalmangel dieses Corona-Krankenhaus in London zum Geisterhospital?

In gerade mal neun Tagen wurde Anfang April auf dem Londoner Messegelände ein Behelfs-Krankenhaus mit 4000 Betten hochgezogen. Doch seitdem wurde dort kaum ein Patient behandelt. Laut einer britischen Tageszeitung wurden sogar Dutzende Patienten abgewiesen. Der Grund: Personalmangel.

Arbeiter werkeln im Feldlazarett in einem Londoner Messezentrum

Ende März wurde das Nightingale-Krankenhaus im Londoner Excel-Centre in nur neun Tagen für Corona-Patienten errichtet. Jetzt stehen hier Tausende Betten leer. 

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In einem feierlichen Akt wurde am 3. April das NHS Nightingale-Hospital vom britischen Thronfolger Prinz Charles per Videoschalte eingeweiht. Das provisorische Krankenhaus wurde in gerade mal neun Tagen in einer Messehalle im Osten Londons, dem Excel-Centre, eingerichtet und wird vom staatlichen Gesundheitsdienst NHS betrieben. 4000 Betten hält das Behelfs-Krankenhaus für Coronavirus-Patienten bereit. Doch bis Montag sollen gerade mal 41 Menschen darin behandelt worden sein.

Wie die britische Tageszeitung "The Guardian" berichtet, wurden bislang mehr Patienten abgelehnt als behandelt, da nicht genug Personal vorhanden ist. Auch seien Patienten aus medizinischen Gründen nicht behandelt worden, heißt es. Demnach waren sie "zu krank für eine Verlegung" oder erfüllten nicht die strengen klinischen Aufnahmekriterien des neuen Krankenhauses. Von den 41 bislang aufgenommen Patienten, seien vier verstorben, bei sieben habe sich der Gesundheitszustand inzwischen verbessert und 30 würden noch versorgt.

Mit 4000 Betten ist das Nightingale-Hospital so groß wie zehn durchschnittliche britische Krankenhäuser. Bei voller Auslastung hätten hier 16.000 Menschen die Kranken versorgen sollen. 

Doch den Dokumenten zufolge, in die der "Guardian" laut eigenen Angaben Einsicht hatte, wurde bislang aufgrund von Personalmangel die geplante Verlegung von mehr als 30 Patienten aus anderen Londoner Krankenhäusern in das Nightingale abgelehnt, obwohl es bei den Patienten um "Leben oder Tod" gegangen sein soll. Erstmals wurden Patienten am 9. April abgewiesen, also nur sechs Tage nach Eröffnung.

Für Intensivpflege fehlen die Pflegekräfte

Seit diesem Tag konnte beispielsweise das Krankenhaus Northwick Park im Nordwesten Londons nicht mehr als 30 Patienten in das Behelfs-Krankenhaus verlegen. Auch das Royal Free Hospital in Camden musste demnach Pläne zur Verlegung von rund 15 Patienten von seiner Intensivstation auf die Nightingale aufgeben - oftmals aus Personalgründen. Auch Patientenübernahmen aus anderen Krankenhäusern in der Hauptstadt, darunter das St. Mary's, das Royal London und das North Middlesex, hätten deshalb nicht stattgefunden.

Die Zeitung zitiert auch einen Angestellten, der den Personalmangel bestätigt: "Es gibt viele Menschen, die hier arbeiten, darunter viele Ärzte. Aber es gibt nicht genug Krankenschwestern und Pfleger für die Intensivpflege. Sie arbeiten bereits in anderen Krankenhäusern (…)."  Auch ein leitender Intensivmediziner wird zitiert: "Das Nightingale ist eindeutig kein Krankenhaus. Es ist eine Notfallüberlaufeinrichtung zur Beatmung von Patienten, um zu verhindern, dass sie sterben, wenn in Krankenhäusern der Platz knapp geworden ist".

Ein Patientenbett im Feldlazarett im Londoner Excle-Centre

Ein Patientenbett im Feldlazarett im Londoner Excle-Centre: Bislang sollen hier nur 41 Patienten behandelt worden sein.

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Gesundheitsbehörde weist Vorwürfe von sich

Eine an den NHS gerichtete Anfrage des stern zu den Vorwürfen blieb bislang unbeantwortet. Im "Guardian" wehrt sich jedoch die Gesundheitsbehörde: "Es ist irreführend zu behaupten, dass Coronavirus-Patienten aufgrund von Personalmangel vom NHS Nightingale abgewiesen werden", wird ein Sprecher des Ministeriums für Gesundheit und Sozialfürsorge zitiert. "Das NHS Nightingale wurde eingerichtet, um Patienten zu behandeln, wenn der NHS überlastet ist, aber dank der großartigen Arbeit (…) gibt es in den bestehenden Londoner Krankenhäusern freie Kapazitäten, um stattdessen alle Coronavirus-Patienten dort zu behandeln."

Die britische Regierung hatte anders als andere europäische Staaten erst relativ spät auf die Corona-Krise reagiert. Inzwischen gelten im ganzen Land weitreichende Ausgangsbeschränkungen. Das Nightingale-Hospital ist das erste von mehreren Behelfs-Krankenhäusern, die im ganzen Land zur Behandlung von Corona-Patienten eingerichtet wurden.

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Anfang April sind in England und Wales so viele Todesfälle innerhalb einer Woche registriert worden wie seit 20 Jahren nicht mehr. Das geht aus Zahlen der britischen Statistikbehörde ONS hervor. Demnach wurden in der Woche bis zum 10. April 18.516 Sterbefälle verzeichnet. Das sind knapp 8000 Todesfälle mehr als im Durchschnitt des Vergleichszeitraums der vergangenen fünf Jahre. Etwa 6200 der Verstorbenen waren zuvor positiv auf das Coronavirus getestet worden.

Quellen: "The Guardian", DPA, AFP

jek

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