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Vier Menschen berichten: Ohne Zigaretten, Alkohol, Zucker oder Fleisch - wenn Verzicht zur Befreiung wird

Verfestigte Gewohnheiten loszulassen, erfordert Konsequenz und Motivation. Wie halten wir durch? Vier Menschen berichten über ihre neue Gelassenheit - und wie der Abschied vom Ungesunden mehr Lebensqualität bringt.

Von Nicole Simon

Verzicht: So gelingt ein Leben ohne Zigaretten, Alkohol oder Fleisch

Nikotin ist eines der stärksten Suchtgifte – man braucht einen Plan, um sich seinem Einfluss für immer zu entziehen. Lydia Zenger ist vor fast fünf Jahren von der Zigarette losgekommen. Bald schon staunte sie, was ein Mensch so alles riechen kann.

Um unliebsame Gewohnheiten über Bord zu werfen, braucht es Kraft. Ausdauer. Und die starke Überzeugung, auf einem guten Weg zu sein. Vorbilder helfen vielen weiter: In Folge zwei unserer Serie über Verzicht erzählen vier Frauen und Männer, wie ihnen der dauerhafte Abschied gelungen ist. Wie haben sie sich motiviert? Wie haben sie Rückschlägen getrotzt? Wie haben sie es am Ende geschafft, Nikotin, Alkohol, Zucker oder Fleisch zu entsagen?

Lydia Zenger: Zigaretten

Im Mai 2014 fasste Lydia Zenger einen Entschluss: niemals wieder zu rauchen. Um in den ersten Wochen nicht allein zu sein, meldete sie sich beim 21-Tage-Ausstiegsprogramm der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an.

Wie war Ihr Start in den Verzicht?

Die ersten Tage liefen super. Ich hatte noch ein bisschen Nikotin im Blut. War immer noch euphorisch, weil ich tatsächlich mit dem Rauchen aufgehört hatte. Doch es dauerte nicht lange, und das Blatt wendete sich. Ohne Raucherpausen, Rituale und Routinen fiel mein gesamter Tagesablauf in sich zusammen. Wie sollte ich ohne Feierabend-Zigaretten den Tag beenden? Und nachdem mein Körper auch den letzten Rest Nikotin ausgeschleust hatte, spürte ich den physischen Entzug. Mein Blutdruck sackte in den Keller, und ich wurde furchtbar müde und antriebslos.

Was hat Ihnen dann geholfen?

Die bestärkenden Mails aus dem Raucherprogramm. Jeden Tag gab es Informationen zu meiner Sucht, den positiven Veränderungen, die mein Körper gerade durchlief, Tipps, wie man sich vor Rückfällen wappnet, oder Glückwünsche, weil man noch immer durchhielt. Auch das Feedback und das Verständnis von meinem Mann und den ehemaligen Rauchern aus dem Internetforum des Programms waren wichtig. An manchen Tagen habe ich mir dort mehrmals täglich den Frust von der Seele geschrieben.

Gab es etwas, das Sie besonders motiviert hat?

Ich habe mir vor Augen geführt, was ich alles schon geschafft habe, und mich über all die kleinen positiven Veränderungen gefreut, die sich allmählich einstellten. Der Geruchssinn zum Beispiel regenerierte sich schon bald, nachdem ich aufgehört hatte zu rauchen: Für mich war das wie eine Offenbarung, morgens auf dem Weg zum Kindergarten plötzlich den Duft der Rosen aus den Vorgärten zu riechen. Deshalb waren es auch vor allem Düfte, mit denen ich mich belohnte, wenn ich wieder einmal eine Woche geschafft oder eine schwierige Situation gemeistert hatte. Ein Parfüm, eine Duftkerze oder ein Aromaöl aus einem kleinen Laden ganz bei mir in der Nähe.

Wie haben Sie die fehlenden Routinen bewältigt?

Ich habe mir neue Gewohnheiten gesucht. Wenn die Kinder im Bett lagen und das Haus aufgeräumt war, habe ich mir die Zähne geputzt. Der scharfe Geschmack hat mein Verlangen nach Zigaretten meist schnell betäubt. Außerdem wollte ich die Zähne nicht mit Nikotin einqualmen, nachdem ich sie doch gerade gepflegt hatte. Und auch sonst fuhr ich gut mit Pfefferminz. Früher hatte ich mir immer sofort eine Zigarette angezündet, wenn ich aus dem Haus ging, und sei es nur, um den Müll rauszubringen. Doch statt einer Zigarette holte ich mir jetzt ein Kaugummi aus der Tasche. Mein Kaugummiverbrauch war in dieser Zeit wirklich entsetzlich hoch. Neben dem Geschmack war es auch die ständige Kieferbewegung, die mich irgendwie entspannte.

Wie lange brauchten Sie solche Hilfsmittel?

Als das Programm nach 21 Tagen endete, ging es mir schon viel besser. Ich war nicht mehr so erschöpft, besser gelaunt, und auch körperlich fühlte ich mich fitter. Zwar gab es auch schlechte Tage, aber ich merkte, es ging bergauf. Nach fast vier Monaten änderte sich das allerdings schlagartig, und ich schlitterte in eine gewaltige Krise. Ich hatte furchtbare Verlangensattacken, war aufbrausend und sehr frustriert. Ich dachte: "Nimmt das denn nie ein Ende?"

Was passierte dann?

Nach zwei wirklich schlimmen Wochen bin ich eines Morgens aufgewacht, und mein Verlangen war wie weggeblasen. An diesem Morgen hatte ich die Grenze zur Freiheit überschritten. Und ich war unendlich stolz, dass ich durchgehalten hatte.

Thomas Östreicher, Alkohol

Nach einem Absturz, bei dem er mit dem Gedanken spielte, sich umzubringen, war es für Thomas Östreicher zu viel – er hörte auf zu trinken. Weil er zunächst jedoch noch panische Angst vor einem Leben ohne Bier und Wein hatte, suchte er nach etwas, das es ihm leichter machen würde. Er stieß auf ein Buch des zuvor schon als Nichtraucherpapst bekannt gewordenen Engländers Allen Carr: "Endlich ohne Alkohol!"

Wie kamen Sie auf die Idee, bei einem Nichtraucherpapst Hilfe gegen Alkohol zu suchen?

Ich wusste, dass Carr viele Menschen dazu bewegt hat, mit dem Rauchen aufzuhören. Also habe ich einfach nachgeschaut, ob er einen ähnlichen Ratgeber über das Saufen geschrieben hat.

Sie haben es auf einer Zugfahrt durchgelesen. Hat es Ihnen geholfen?

Ja, sehr. Carr ist nervig, furchtbar überheblich, und sein Buch ist nicht schön zu lesen. Und doch hat er mit jedem Satz recht. Minutiös zerlegt er jeden einzelnen Grund für den Alkoholkonsum und noch einige Ausreden mehr, auf die man von alleine kaum gekommen wäre. Er hat mich regelrecht deprogrammiert. Am Ende blieb nur eine Frage offen.

Welche war das?

Was mache ich ohne das zweite Bier, das meine Kreativität immer so ankurbelt hat? Während ich noch darüber grübelte, schaute ich mich um unter all diesen unterschiedlichen Menschen, hörte ihre Gespräche oder Fetzen davon, bekam Dialekte mit, Gerüche, beobachtete, wie ein kleines Kind durch den Gang lief, und verstand: Ich kann meine Sensibilität auch selbst schärfen. Dafür brauche ich keinen Alkohol.

Thomas Östreicher hatte endgültig genug vom Alkohol

Thomas Östreicher hatte endgültig genug vom Alkohol

Wie schwer fiel es ihnen, in den ersten Wochen auf Alkohol zu verzichten?

Ich war schockiert, wie einfach das war. Und ich bin mir dessen sehr bewusst, dass das nicht bei jedem so ist. Aber ich habe zum Glück sehr schnell gemerkt, dass es mir ohne Alkohol sehr viel besser geht. Selbst der Geschmack von Alkohol fehlte mir nicht. Trotzdem musste ich natürlich Lücken füllen oder akzeptieren.

Zum Beispiel?

Anfangs wusste ich noch nicht, was an die Stelle des Feierabendweins treten würde. Was sollte ich zu würzigem Fleisch trinken? Was bestellt man, wenn man in einem Biergarten sitzt, aber kein Bier mehr trinkt? Daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Aber ich habe mich auf die Welt der antialkoholischen Getränke eingelassen. Ich habe alles probiert, was es gibt: Säfte, Schorlen, Limonaden, vor allem aber Kräutertees. Ich war erstaunt, welche Bandbreite an leckeren Teemischungen es gibt.

Gab es nie die Versuchung, dem Alkohol nachzugeben?

Nur selten als kurze Fantasie. Aber ich wusste in jedem Moment, was ich zu verlieren hatte. Ich war kurz davor gewesen, die Kontrolle über mein Leben zu verlieren. Das wollte ich wirklich nicht noch einmal erleben.

Angelika Fritz, Zucker

Vor einigen Jahren war Angelika Fritz noch ein Zuckerjunkie. Bis zu fünf Tafeln Schokolade aß sie am Tag.

Wie haben Sie den Verzicht auf all die Süßigkeiten gemeistert?

Im Herbst 2013 habe ich mir ein Zehn-Wochen-Programm gesucht, das einen Abschied auf Raten ermöglicht. Woche für Woche habe ich eine andere Sache in meiner Ernährung geändert. Erst in der siebten Woche musste ich die Schokolade aufgeben. Das hat mir sehr geholfen.

Haben Sie durchgehalten?

Nein, der erste Rückfall kam Weihnachten. Die Erinnerung an den Geschmack von Keksen und Marzipan war übermächtig. Darauf folgte ein großes Auf und Ab. Immer wieder hielt ich es ein paar Wochen ohne Zucker aus, dann kam der nächste Einbruch. Zweimal habe ich das Schokoladenversteck meines Mannes gefunden und alles aufgegessen.

Wie sind Sie mit den Rückfällen umgegangen?

Ich war enttäuscht von mir selbst. Aber ich habe mich anschließend immer hingesetzt und analysiert, was da passiert war und wie ich es besser machen könnte. Heute weiß ich, dass die Rückfälle wichtig waren, weil ich daraus gelernt habe. Anfang 2017 habe ich das Programm noch einmal gemacht. Seitdem lebe ich zuckerfrei.

Angelika Fritzverbannte Zucker aus ihrem Leben

Angelika Fritzverbannte Zucker aus ihrem Leben

Was war für Sie das Schwierigste an dem Verzicht?

Der Geschmack. Wenn man so an Zucker gewöhnt ist wie ich, schmeckt vieles plötzlich etwas fad, vor allem Gerichte wie Milchreis. Da muss man durch, bis sich der Geschmackssinn langsam umstellt. Auch einkaufen war zu Beginn wirklich sehr schwierig. Um nicht ständig in Versuchung zu geraten, habe ich anfangs sogar online Lebensmittel bestellt. Außerdem gibt es Schätzungen, dass 70 bis 80 Prozent der verarbeiteten Lebensmittel Zucker zugesetzt ist, da gleicht es einer Sisyphusarbeit, die Produkte herauszufischen, die zuckerfrei sind, zumal die Industrie mehr als 50 Namen für Zucker hat.

Was haben Sie gemacht, wenn der Heißhunger kam?

Ich hatte anfangs immer Nüsse dabei, die ich dann schnell essen konnte. Es gab auch Situationen, da habe ich mich um 15 Uhr in einen Italiener gesetzt und Lasagne gegessen. Die war wahrscheinlich nicht komplett zuckerfrei, aber das war immer noch besser, als Kuchen zu naschen.

Und Weihnachten?

Das war tricky, aber ich war gut vorbereitet. Ich hatte mein eigenes Marzipan aus Mandeln, Rosenwasser und Bittermandelöl gemacht. Außerdem gab es zuckerfreie Plätzchen, die wirklich lecker waren. Danach wurde es viel einfacher, auch weil die Erinnerung an den Geschmack von Zucker immer mehr verblasste.

Christian Müller, Fleisch

Christian Müller ernährt sich seit mehr als zehn Jahren vegetarisch. Angefangen hatte alles mit Ärger über sich selbst: Er hatte maßlos viel Wurst eingekauft, nur weil der Aufschnitt gerade so billig war. Danach nahm er sich vor, sechs Monate lang keine Wurst mehr zu essen. Zum totalen Fleischverzicht entschloss er sich jedoch erst später.

War es leichter für Sie, sich schrittweise von Fleisch zu trennen?

Ich glaube schon. Einen harten Schnitt zu machen, so wie man am ersten Januar verzweifelt versucht, seine Kalorien zu halbieren, wäre wahrscheinlich deutlich anstrengender gewesen. So aber konnte ich mich von meiner Intuition leiten lassen.

Christian Müller hinterfragte seinen Fleischkonsum

Christian Müller hinterfragte seinen Fleischkonsum

War der totale Verzicht nach dem Wurst-Fasten für Sie kein Problem mehr?

Tatsächlich fiel es mir nicht mehr schwer. Von einem leckeren Burger mal abgesehen, habe ich Fleisch nicht wirklich vermisst. Die größere Herausforderung lag woanders. Bisher hatte ich eher selten gekocht. Zu meinem Repertoire gehörten zehn Gerichte – und fast alle waren mit Fleisch. Also musste ich lernen, mit ganz neuen Zutaten zu kochen. Dabei habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir das macht. Gleichzeitig habe ich mich viel mit Lebensmitteln auseinandergesetzt, mit ihrer Herkunft, den Produktionsketten und ihrer Verarbeitung.

Hat es Ihr Selbstbild verändert, kein Fleisch mehr zu essen?

Absolut, ich habe mir vorher nie viele Gedanken darüber gemacht, ob mein Fleischkonsum ethisch verwerflich ist. Das änderte sich zwangsläufig. Mir wurde klar: Wenn ein Kilo Fleisch billiger ist als ein Kilo Erdbeeren, dann kann das nur funktionieren, wenn es zulasten der Tiere und der Umwelt geht. Das hat mich sehr darin bestärkt, auch weiterhin auf Fleisch zu verzichten.

Mutter und Tochter bereiten einen Salat in der Küche vor.


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