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Erfahrungsbericht: Ich bin Autist – und traue mich wegen E-Scootern kaum mehr aus dem Haus

Frank Erik lebt in Hamburg und hat das Asperger-Syndrom. E-Scooter-Fahrer machen ihm Angst, er verlässt deshalb kaum noch das Haus. Was er sich wünscht? Mehr Rücksichtnahme.

E-Scooter: Zwei junge Menschen fahren gemeinsam auf einem Roller

"Das Verkehrsverhalten vieler Rollerfahrer wirkt oft provokant und dreist"

DPA

Ich habe das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus. Ich lebe in Hamburg und bin viel unterwegs, meist mit den Bussen und Bahnen des Hamburger Verkehrsverbunds HVV. Um fit zu bleiben, gehe ich sehr gern zu Fuß zu meinen Treffen und Terminen. Zwar habe ich auch einen Führerschein, ich würde es jedoch nicht wagen, in Hamburgs verkehrsreichen Straßen mit dem Auto zu fahren. Selbst mein Fahrrad nutze ich nur selten. Die Teilnahme am innerstädtischen, hektischen Straßenverkehr ist sehr anstrengend für mich. Ich scheue Risiken, das ist ganz typisch für Autisten.

Schon immer waren Fahrradfahrer ein Problem für mich, da diese sich meist so verhalten, als gälten für sie die notwendigen Gesetze des Straßenverkehrs nicht. Es kommt fast täglich vor, dass sorglose, fahrlässige Radler mich erschrecken, da sie plötzlich und wie aus dem Nichts an mir vorbeiwischen. Oft genug kommt es beinahe zu einer Kollision, da ich nicht immer schnell reagieren beziehungsweise ausweichen kann. Ich bin ein bisschen umständlich, zudem motorisch ungeschickt.

Das Durcheinander von Fußgängern, Hunden, Fahrzeugen, das bunte Feuerwerk von akustischen und optischen Signalen: All das stellt für mich eine strapaziöse Herausforderung dar. Mir fällt es schwer, die Vielzahl von Wahrnehmungsreizen zu sortieren und nach Relevanz und Priorität zu ordnen. Wenn andere – so wie ich – sich an die Verkehrsregeln halten, funktioniert das noch ganz gut. Das gibt mir den nötigen Orientierungsrahmen und hilft mir dabei, den Überblick zu behalten. Ich brauche klare Regeln. Sie prägen und strukturieren meinen Alltag, auch in anderen Bereichen. Sie beruhigen mich und sind wie ein Gerüst, das mich stabilisiert. Es macht mir Angst und wühlt mich über Stunden auf, wenn es mal nicht so läuft wie vorgesehen, wenn die gewohnte, sichere Ordnung unterbrochen und gestört wird. Ich verstehe nicht, warum sich andere Menschen nicht an Regeln halten.

"Ich fürchte mich vor ihnen wie vor Wespen"

Die Situation hat sich massiv verschärft für mich, seitdem die schicken E-Scooter hinzugekommen sind. Ich empfinde sie als Wahnsinn auf den Straßen. Die meist jungen Rollerfahrer halten sich natürlich ebenfalls nicht immer an die StVO und sind zudem noch häufig schneller als die Radler. Das Verkehrsverhalten vieler Rollerfahrer wirkt oft provokant und dreist: Mehrfach hat man mich ganz bewusst mit sportlich forschen Schlenkern "cool" umfahren oder gar um Haaresbreite gestreift – was mich in Angst und Wut versetzte.

Ich wage mich schon gar nicht mehr hinaus zu meinen Einkäufen und Terminen im Stadtbereich. Und wenn, dann schleiche ich mich möglichst nah an Hauswänden und Gehwegrändern entlang (was meine pragmatisch veranlagte Betreuerin mir empfahl). Die Flitzer sind ein Horror für mich, erfordern täglich höchste Wachsamkeit, sie stressen mich, gefährden mich, ich fürchte mich vor ihnen wie vor Wespen. Überall begegnen einem mittlerweile diese Dinger, selbst als Stolperfallen, die gerade in belebten Fußgängerbereichen oft im Wege stehen oder liegen.

Ich wünschte, der Spuk wäre vorüber. Oder wenigstens, dass Menschen mehr Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer nähmen. Es gibt sicher viele Menschen wie mich, die dem neumodernen Scooter-Irrsinn nicht gewachsen sind: Alte, Kranke, andere Behinderte. In meiner Selbsthilfegruppe für Erwachsene im Autismusspektrum (autConnect), die ich gründete und moderiere, beklagen sich inzwischen einige, dass sie die Roller als Belastung erleben. Ich finde, wer gern schneller sein will, um ans Ziel zu kommen, kann ja früher losgehen.

Über den Autor:

Frank Erik ist 55 Jahre alt und lebt in Hamburg. Frank Erik ist nicht sein richtiger Name. Sein vollständiger Name ist der Redaktion bekannt.

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