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Hautkrebs-Früherkennung: Die trügerische Sicherheit des Screenings

Mehr als 100.000 Deutsche erkranken jedes Jahr an Hautkrebs. Ein Früherkennungs-Programm soll helfen, Tumore rechtzeitig zu erkennen. Unter Experten ist das Screening allerdings umstritten.

Von Martina Janning

Inzwischen kann Ines Schilling (Name geändert) gelassen darüber reden. Als sie im vergangenen Jahr die Diagnose Hautkrebs bekam, war das anders. Es habe sie "ziemlich aufgemischt", sagt die 44-Jährige. Ein Leberfleck hatte gejuckt und "gepuckert", deshalb war sie zur Hautärztin gegangen. Die Dermatologin schnitt das Muttermal heraus und ließ es analysieren. Befund: schwarzer Hautkrebs, 0,65 Millimeter groß.

Der schwarze Hautkrebs, das maligne Melanom, ist unter den Hauttumoren der gefährlichste, weil er schnell Tochtergeschwülste im ganzen Körper bilden kann. Nach Schätzungen von Experten erkranken jedes Jahr mehr als 13.500 Menschen in Deutschland neu an schwarzem Hautkrebs, etwa 2000 sterben daran. Dazu kommen hochgerechnet über 100.000 Menschen, die eine Form von hellem Hautkrebs entwickeln - meistens ein Basaliom (Basalzellkrebs), seltener ein Spinaliom (Stachelzellkrebs).

Seit Jahren nimmt Hautkrebs um fünf bis sieben Prozent jährlich zu", berichtet Eggert Stockfleth, Leiter des Hauttumorcentrums Charité in Berlin. Hauttumore legen Platz eins der Krebsstatistik. "Ein Riesenproblem", urteilt der Dermatologe. "Dabei ist Hautkrebs meist gut heilbar, wenn er früh erkannt wird." Ein Screening-Programm soll nun helfen, Hautkrebs schon im Anfangsstadium zu entdecken.

Qualifiziert nach acht Stunden Fortbildung

Seit dem 1. Juli 2008 bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen ihren Versicherten ab dem 35. Lebensjahr alle zwei Jahre eine Hautkrebsuntersuchung. Dazu gehört ein Beratungsgespräch, bei dem es um Vorerkrankungen, Risikofaktoren und Vorbeugung geht. Dann folgt der körperliche Check. "Dazu können Sie sich einen Satz merken", sagt Stockfleth: "Durchs Telefon und durch die Hose stellt man keine Diagnose." Der Untersuchte muss sich komplett ausziehen. Der Arzt kontrolliert ihn vom Kopf bis zu den Fußsohlen, schaut in den Mund, in die Augen und inspiziert auch den Genitalbereich. Dafür muss mancher sicher sein Schamgefühl überwinden, aber ein Krebsgeschwür kann hier versteckt wachsen. Ines Schilling hat das erfahren. Ihr Melanom befand sich in der Bikinizone.

Die Untersuchung dürfen Dermatologen und hausärztlich tätige Allgemeinmediziner, Internisten und praktische Ärzte machen, die eine achtstündige Fortbildung absolviert haben. Die Zeit sei knapp bemessen, räumt Stockfleth ein. Aber anders ließen sich nicht genug Mediziner schulen, um die rund 35 Millionen Menschen zu untersuchen, denen die Vorsorge zusteht.

Kritiker bezweifeln, dass ein Tageskurs ausreicht, um Ärzte gut auszubilden, die bisher wenig mit Hautkrebs zu tun hatten. Zudem bleibt die Untersuchung hinter dem üblichen Standard zurück - Hautärzte verwenden normalerweise ein Dermatoskop. Dieses Auflichtmikroskop bezahlen die Kassen beim Screening nicht. Hier begutachtet der Arzt den Körper ohne ein Diagnosegerät, nur mit bloßen Augen. Dies vergrößert die Gefahr, dass der Doktor Hauttumore übersieht, oder aber harmlose Flecken als krebsverdächtig einstuft. So ein Fehlalarm ist eine beträchtliche seelische Belastung für den Betroffenen. Es dauert einige Zeit, bis er Gewissheit hat, denn bei Verdacht auf Krebs muss ein Hausarzt an einen Dermatologen überwiesen, der weitere Untersuchungen durchführt. Die Ärztin Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen rät daher: "Wer ein erhöhtes Hautkrebsrisiko hat, sollte sich am besten von einem Dermatologen untersuchen lassen. Das gilt zum Beispiel für Menschen mit heller Haut, mit vielen Pigmentflecken oder für solche, die in ihrer Kindheit und Jugend oft einen Sonnenbrand hatten."

Grundsätzliche Kritik am Screening

Klaus Giersiepen sieht die Sache grundsätzlicher: Niemand wisse, ob das Hautkrebs-Screening letztlich etwas nütze, sagt der Epidemiologe vom Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin. "Möglicherweise hilft es, aber das wird nie jemand mit Sicherheit sagen können. Durch die flächendeckende Einführung wurde die Chance vertan, den Effekt des Screenings durch eine Vergleichsgruppe, die nicht untersucht wird, messen zu können." Genauso wenig werde es möglich sein, Krankheitsverläufe von Hautkrebspatienten danach zu unterscheiden, ob sie am Screening teilgenommen haben oder nicht. Auch ließe sich nicht ermitteln, ob vermeintliche Risikogruppen tatsächlich besonders gefährdet sind. Nur eine Studie könne zeigen, ob das Screening zu empfehlen ist, betont Giersiepen. Es müssten Verbesserungen nachweisbar sein. Zum Beispiel dass Teilnehmer der Hautinspektion länger leben, seltener operiert werden müssen oder trotz Diagnose eine bessere Lebensqualität erreichen. "So lange das Hautkrebs-Screening nicht so aufgesetzt ist, können wir es nicht empfehlen. Es muss dringend nachgebessert werden", sagt der Wissenschaftler.

Gänzlich ungeprüft soll das Screening allerdings nicht bleiben - schließlich müssen die Kassen rechtfertigen können, warum sie Beitragsgelder in Millionenhöhe dafür ausgeben. Fünf Jahre lang sollen die Daten der Untersuchungen gesammelt und ausgewertet werden, um zu sehen, wie hoch die Resonanz und wie groß die positiven Effekte sind. Eine Studie aus Schleswig-Holstein lässt die Befürworter der Krebsvorsorge jedoch hoffen, dass der Nutzen die Kosten rechtfertigt: Dort hatte sich gezeigt, dass Hautscreenings die Zahl von früh erkannten, noch nicht metastasierten Melanomen, deutlich steigern konnten.

Jenseits aller Differenzen sind die Experten sich einig, dass Menschen besser vorbeugen sollten. Noch immer legen sich viele ohne ausreichenden Schutz in die Sonne. Auch ist erst wenig bekannt, dass die höchste UV-Bestrahlung nicht bei klarem Himmel auftritt, sondern wenn es bewölkt ist. Jeder sollte seine Haut einmal im Monat gründlich inspizieren, besonders seine Leberflecken. Dabei kann die ABCD-Regel helfen, kritische Male zu erkennen: A bedeutet Asymmetrie, also unregelmäßige Form. B steht für unklare Begrenzung. C wie Colour, englisch für Farbe, bezieht sich auf einen dunklen oder unregelmäßig pigmentierten Fleck. D steht für Durchmesser, der nicht größer als zwei Millimeter sein sollte.

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