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Heuschnupfen: "Grastablette" soll Allergikern helfen

Verquollene rote Augen, aufgedunsene Nase: Heuschnupfen ist eine Qual. Doch nun kommt die Rettung in Form einer Tablette. Das Medikament hyposensibilisiert den Körper, ist einfach anzuwenden und zu dosieren.

Rund 16 Millionen Bundesbürger leiden an Heuschnupfen - Tendenz steigend. Sie reagieren mit laufender Nase, tränenden Augen und Abgeschlagenheit, sobald Bäume, Gräser und Kräuter ihre Pollen verschicken. Für Graspollen-Allergiker, die etwa die Hälfte der Heuschnupfen-Patienten ausmachen, ist nun erstmals eine Tablette auf dem Markt, die die Beschwerden langfristig bessern soll. Die Kosten für das verschreibungspflichtige Präparat - 3,63 Euro pro Tablette - übernehmen die Kassen.

Grundsätzlich laufen Allergiker Gefahr, dass ihr Körper langfristig auch auf andere Substanzen überreagiert oder sogar Asthma entwickelt. Daher empfehlen Mediziner eine frühzeitige ursächliche Behandlung, die im Gegensatz zu Antihistaminika oder Kortisonpräparaten nicht nur Symptome lindert, sondern sich langfristig auswirkt. Die Hyposensibilisierung - in der Fachsprache auch spezifische Immuntherapie (SIT) genannt - soll den Körper durch kontinuierlichen Kontakt mit dem Allergen dauerhaft unempfindlich machen.

Unter die Zunge platzieren

Zugeführt wird der Stoff entweder durch Injektionen unter die Haut, also subkutan, aber durch Träufeln unter die Zunge, also sublingual. Bislang ist die von einem Arzt verabreichte subkutane Hyposensibilisierung in Deutschland üblicher als die sublinguale Therapieform, bei der Patienten das Präparat zu Hause einnehmen. Das könnte sich nun mit der Einführung von Grazax ändern. Denn diese Tablette, die Gräserpollen-Allergene enthält, wird zwar ebenso wie die Flüssigpräparate unter die Zunge platziert, ist aber leichter anzuwenden, etwa weil sie nicht gekühlt werden muss und die Dosierung einfacher ist.

Patienten sollen die Therapie mindestens acht Wochen vor Beginn der Pollensaison beginnen und drei Jahre lang täglich eine Tablette nehmen. "Das wird auf dem Markt große Bedeutung haben und die Stellung der sublingualen Therapie stärken", glaubt Professor Joachim Saloga von der Uniklinik Mainz. Auch Randolf Brehler, Oberarzt am Uniklinikum Münster, spricht von einer Bereicherung der therapeutischen Möglichkeiten.

Keine Zweifel an der Wirksamkeit

Die Wirkung der "Grastablette" betrachten beide Allergologen als erwiesen. In den Studien an weltweit mehr als 1700 Graspollenallergikern besserte sie die Symptome bei 82 Prozent der Teilnehmer. Die Beschwerden nahmen während der gesamten Pollensaison im Vergleich zu einem Placebo um 30 Prozent ab, die Patienten benötigten 38 Prozent weniger symptomlindernde Medikamente. "An der Wirksamkeit des Mittels gibt es keinen Zweifel", sagt Brehler.

Generell erwies sich die Tablette als gut verträglich. Um das Risiko für schwere allergische Reaktionen wie Asthma oder einen anaphylaktischen Schock zu minimieren, sollten Patienten die erste Pille aber im Beisein des Arztes einnehmen. Für Kinder ist das Mittel laut Saloga bislang nicht zugelassen.

Trotz des klaren Wirkungsnachweises von Grazax glauben aber sowohl Saloga als auch Brehler, dass eine subkutane Therapie generell effektiver ist als sublinguale Verfahren. Vor allem könnten die Injektionen die Ausweitung von Allergien und die Entstehung von Asthma verhindern. "Diese Daten liegen für Grazax bislang nicht vor", sagt Brehler. "Über die subkutane Therapie wissen wir viel mehr." Daher sollten die regelmäßigen Injektionen nach Überzeugung des Allergologen weiterhin Standard bleiben. Die neue Tablette sei denjenigen Graspollenallergikern zu empfehlen, für die eine subkutane Therapie - etwa aus zeitlichen Gründen - nicht möglich sei.

Walter Willems/AP / AP
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