HIV Infektionsrate in Deutschland steigt


Vor 25 Jahren trat Aids erstmals auf, mittlerweile sind 25 Millionen Betroffene weltweit gestorben. Im Vergleich zu anderen Ländern werden in Deutschland nur wenige Fälle registriert - was die Menschen offenkundig etwas zu sorglos gemacht hat.

Der erste Bericht über die tödliche Seuche war eher unscheinbar: Vor 25 Jahren, am 5. Juni 1981, beschrieb die US-Gesundheitsbehörde CDC in Atlanta in seinem wöchentlichen Bulletin ein bis dahin unbekanntes Leiden. Fünf homosexuelle Männer aus dem Raum Los Angeles waren an einer rätselhaften Immunschwäche erkrankt: Aids. Seit diesem Tag sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als 25 Millionen Menschen an dem "Acquired Immune Deficiency Syndrome" gestorben. Rund 40 Millionen sind heute mit dem Erreger HIV infiziert.

Unterschiedliche Symptome

Anfangs galt Aids noch als Erkrankung ausschließlich von Homosexuellen, Blutern und Drogensüchtigen. Doch relativ schnell stellte sich heraus, dass jeder Mensch davon betroffen sein kann. "Wer damals HIV-positiv war, für den war das wie ein Todesurteil", erinnert sich Guido Schlimbach, Sprecher der Deutschen Aids-Hilfe. Vor allem in der Schwulen- und Drogenszene habe eine große Angst geherrscht, sich anzustecken. Erst 1983 entdeckte Luc Montagnier vom Pariser Institut Pasteur Bestandteile eines Virus, das die Erkrankung verursacht. Bis dahin wusste man nicht, was für Aids verantwortlich war. Das "Human Immunodeficiency Virus" (HIV) schwächt auf Dauer das menschliche Immunsystem so stark, dass Krankheitserreger wie Pilze, Bakterien oder Viren zu lebensbedrohlichen Erkrankungen führen.

"Das HI-Virus schwächt das Immunsystem, indem es sich in den so genannten Helferzellen vermehrt und sie schädigt", erklärt Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft und Dermatologe an den Bochumer Uni-Kliniken. Die Helferzellen haben unter anderem die Aufgabe, andere Zellen des Immunsystems bei der Immunabwehr zu steuern. Je geringer die Zahl der Helferzellen ist, desto weniger kann das Immunsystem den Körper vor krankmachenden Keimen schützen. Wann welche Symptome bei einer HIV-Infektion auftreten, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Hoffnung durch neue Medikamente

"Treten beim HIV-Infizierten aber bestimmte Krankheiten auf, spricht man von Aids", sagt Brockmeyer. Dazu gehören beispielsweise eine bestimmte Form der Lungenentzündung, Pilzerkrankungen oder auch bestimmte Krebsarten wie Gebärmutterhalskrebs oder bösartige Tumore des Lymphsystems. Übertragen wird das HI-Virus am häufigsten beim Sex ohne Kondom. Dann kann eine bestimmte Menge des Erregers in die Blutbahn oder auf die Schleimhäute gelangen. Aber auch beim Drogengebrauch kann das Virus übertragen werden, indem man Spritzbesteck von anderen Personen benutzt.

"Heilbar ist eine HIV-Infektion oder Aids bislang nicht", betont Brockmeyer. Es gibt auch noch keinen Impfstoff gegen das Virus. Seit 1996 kann den Patienten aber zumindest mit bestimmten Kombinationspräparaten so geholfen werden, dass der Ausbruch der Krankheit deutlich verzögert wird. Stefan Gellrich von der Aidshilfe Nordrhein-Westfalen nimmt seit eineinhalb Jahren Kombinationspräparate. Bis auf anfängliche Depressionen habe er nach einer Medikamentenumstellung bislang keine Nebenwirkungen festgestellt. Andere Betroffene litten jedoch an dauerhaften Durchfall oder an einer Lipodystrophie, einer Fettumverteilungsstörung. Dabei baut sich Fettgewebe vor allem im Gesicht ab. Bei anderen wiederum wirkten die Medikamente gar nicht. "Seit 14 Jahren bin ich HIV-positiv", erzählt Gellrich. Als er von seiner Infektion erfahren habe, habe er sich schon überlegt, ob er noch 30 Jahre alt werde. Mit den neuen Medikamenten hofft er, noch lange ein lebenswertes Leben führen zu können.

Die Infektionszahlen steigen wieder

"Mit den Kombinationspräparaten hat man das Sterben nicht mehr so gesehen", sagt Brockmeyer. Denn bis 1996 hatten die Ärzte nur wenig gegen eine HIV-Infektion in der Hand. In Deutschland und vielen anderen Ländern forcierte man daher die Präventionsbemühungen. So informiert die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung in großen Kampagnen, über den Schutz mit Kondomen. Auch die bundesweit 130 Aidshilfen engagieren sich in der Vorbeugung vor allem bei Schwulen, Drogensüchtigen und vermehrt auch bei Jugendlichen und Migranten. "Diese Maßnahmen haben dazu geführt, dass Deutschland die niedrigste HIV-Neuinfektionsrate in allen westeuropäischen Ländern hat", sagt Brockmeyer.

Doch die Infektionszahlen steigen wieder: Von 2004 bis 2005 um 13 Prozent auf 2.490 Neuinfektionen. "Auch im nächsten Jahr werden die Zahlen weiter zunehmen", warnt Brockmeyer. Eine Ursache sei, dass viele irrtümlich glaubten, Aids sei mit den Kombinationstherapien heilbar. Aber auch Gelder für die Prävention und vor allem für die Aids-Forschung würden von Seiten der Bundesregierung zurückgefahren oder stagnierten. "Die USA geben pro Kopf für die Aids-Forschung 7,3 Euro aus, Deutschland dagegen nur neun Cent", sagt Brockmeyer. Dabei könnten sich Investition lohnen: Denn die Behandlung jeder einzelnen HIV-Infektion kostet bis zu einer Millionen Euro.

Frank Leth/AP AP

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