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HIV: Wie die DDR mit dem Thema Aids umging

1983 erregte das Thema Aids in der Bundesrepublik erstmals großes Aufsehen. In der DDR dagegen schien die Seuche erst einmal kein Thema zu sein. 1990 zeigte sich dann, wie groß die Unterschiede zwischen Ost und West waren.

Von Anke Peters

1983 war Aids eines der größten Themen in den Medien der Bundesrepublik. Von Panikmache bis zur ernsten politischen Debatte, die mediale Aufmerksamkeit war immens. In der DDR hatte man zu diesem Zeitpunkt von Aids und HIV kaum gehört. Keinerlei Medieninteresse war zu verzeichnen - und das war auch egal. Denn die todbringende Seuche, vor der die Welt sich fürchtete, war für die DDR zunächst kein Thema.

Wie groß die Unterschiede zwischen Ost und West waren, zeigte sich tatsächlich 1990: In der BRD hatten sich zu diesem Zeitpunkt fast 42.000 Menschen mit HIV infiziert, mehr als 5000 waren an Aids erkrankt. Dagegen waren nur 133 DDR-Bürger mit dem tödlichen Virus infiziert, 27 Aids-Kranke gab es zum Zeitpunkt der Wende.

Erste HIV-Diagnose: 1985

Erstmals diagnostizierten DDR-Mediziner eine Infektion mit dem HI-Virus 1985, drei Jahre nachdem der erste Fall in der Bundesrepublik bekannt wurde. "Die DDR war in einer besonderen Situation: Es war ein abgeschotteter Staat, wir hatten ja einen Zaun, oder eine Mauer, das war der erste Punkt", erzählt Niels Sönnichsen, der damals die Klinik für Dermatologie an der Charité in Ostberlin leitete. "Ein zweiter Punkt war, dass wir keine Drogenszenerie hatten. Das hing nicht mit der Moral zusammen sondern mit dem Geld. Die DDR-Währung war keine konvertierbare Währung, also hat niemand daran Interesse gehabt. Und drittens gab es ja ein langsames Wachsen der Epidemie von den USA über Westeurop,a dann in östliche Richtung, das heißt wir haben Zeit gehabt, uns darauf vorzubereiten."

Sönnichsen war viele Jahre Vorsitzender der ständigen Aids-Beratergruppe der DDR. Schon lange bevor der erste HIV-Fall bekannt wurde, beschäftigte man sich in der DDR mit möglichen Präventivmaßnahmen. Sönnichsen: "Es waren Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, die sich spontan zusammengesetzt haben. Wir waren durch die Westpresse und wissenschaftliche Informationen auf dieses Problem vorbereitet und dann haben wir die Aktivitäten ergriffen."

Die Wissenschaftler erarbeiteten eine zehnseitige Argumentation für den damaligen Gesundheitsminister um ihn davon zu überzeugen, mit dieser Thematik an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Regierung Honecker stellte Gelder zur Verfügung, mit denen Aids erforscht und Aufklärungsprogramme finanziert werden sollten. In jedem Bezirk der DDR wurden Konsultationszentren eingerichtet. Wer Fragen zu HIV und Aids hatte, konnte sich dorthin wenden. Die Ärzte in diesen Zentren waren speziell für den Umgang mit HIV-Patienten geschult worden.

Mehr als nur medizinische Versorgung

Für Patienten, bei denen die Krankheit ausgebrochen war, standen verschiedene Spezialkliniken zur Verfügung. Sönnichsen, seinerzeit selbst Leiter einer solchen Klinik in Berlin, weiß zu berichten, dass die Versorgung dort über das medizinische hinausging: "Es war ganz entscheidend, dass die Mitarbeiter in diesem Zentrum außerordentlich sensibel waren und Verständnis für die Betroffenen hatten." So erzählt Sönnichsen von HIV-positiven Patienten, die zum Beispiel homosexuell waren und in einer Kleinstadt lebten. "Wenn sich das aus irgendwelchen Gründen herumgesprochen hat, dann war der natürlich in dem Ort fertig. Also haben wir versucht, ihn nach Ostberlin zu holen und waren bei der Wohnungssuche behilflich." Im Normalfall mussten DDR-Bürger sonst zum Teil Jahre auf eine Wohnung warten.

Auch wenn sich bei einem Patienten erste Krankheitssymptome zeigten und er nicht mehr arbeitsfähig war, halfen Sönnichsen und Kollegen ihm, in Frührente zu gehen. "Diese Patienten sind also umfassend medizinisch aber auch sozial betreut worden. Und das war möglich, weil es kein Massenbetrieb war", so Sönnichsen. Auch wenn die Seuche in der DDR bei weitem keine so große Rolle spielte wie beispielsweise in der Bundesrepublik - der Aufklärungsbedarf bei der Bevölkerung war enorm. Durch die Westmedien hatte sich das Thema 1987 herumgesprochen. Nun wollten die Bürger über Aids Bescheid wissen.

Die Presse mied das Thema lange

Im Rahmen einer öffentlichen Sonntagsvorlesung an der Charité klärten fünf Wissenschaftler im Februar 1987 explizit über Aids auf. Wie wird das HI-Virus übertragen? Wie kann man sich schützen? Die DDR-Presseorgane hatten das Thema bis dahin gänzlich ausgelassen. Auf die Vorlesung folgte der erste Medienbericht: Am 5. März 1987 erschien ein langer Artikel mit Fragen und Antworten aus der Vorlesung in der Berliner Zeitung. Er war betont sachlich. Von Panikmache oder Sensation keine Spur. Genau das war zu dieser Zeit, so Professor Sönnichsen, ein wichtiges Element der Aufklärungsarbeit. Selbst vor einer etwa einstündigen Livediskussion im Fernsehen zum Thema Aids schreckte der Staat nicht zurück, wenngleich er den Verlauf der Sendung im Hintergrund des Studios überwachte. Zuschauer riefen an, stellten Fragen, Experten antworteten. Im selben Jahr verfasste Sönnichsen ein 48-seitiges Informationsheft, welches im Buchhandel erhältlich war. Der Bedarf an der Broschüre war immens - 300.000 Stück wurden verkauft.

Als 1990 etwa 1000 DDR-Bürger zu ihrem Wissen über Aids befragt wurden, wusste ein Großteil gut über die Krankheit Bescheid. Damit wurde deutlich, dass das Aufklärungskonzept der DDR gefruchtet hatte.

Infizierte Ausländer ausgewiesen

Trotzdem infizierten sich einige Menschen in der DDR, allen voran in Ostberlin. Der Tourismus Homosexueller von Westberlin in den Osten der Stadt ließ die Zahl der Infektionen dort stets überproportional hoch ausfallen.

Zudem fürchtete man, dass das Virus über das sozialistische Ausland in die DDRg gelangte. Afrikanische Gastarbeiter und Austauschstudenten gerieten als mögliche HIV-Träger ins Visier, die Regierung ergriff drastische Maßnahmen. Willi Stoph, Vorsitzender des Ministerrates der DDR, gab im September 1987 in einem Beschluss bekannt, wie fortan mit ausländischen Bürgern bezüglich HIV zu verfahren sei. Er betraf alle, die aus einem Land mit "besonderem Risiko" laut damaliger WHO-Information stammten und sich länger als drei Monate in der DDR aufhalten wollten. Laut Beschluss mussten die Betroffenen vor der Einreise nachweisen, dass ein HIV-Test mit negativem Ergebnis durchgeführt wurde. Ansonsten musste der Test innerhalb von 14 Tagen in der DDR gemacht werden. "Bei positivem Ergebnis ist die Ausreise durchzusetzen", verkündete Willi Stoph. Bis zur Wende wies die DDR so mehr als 200 HIV-infizierte Ausländer aus.

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