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Interview: "Das gläserne Krankenhaus gibt's noch nicht"

Wie werden Patienten- und Behandlungsdaten in Kliniken aufgenommen? Und wofür werden diese Daten genutzt? Im stern.de-Interview spricht Hansjörg Hermes, Vorsitzender des Interessenverbandes Kommunaler Krankenhäuser, über das Datenmanagement von Kliniken.

Der Blick in einen Operationssaal

Der Blick in einen Operationssaal

Herr Hermes, wer ist in Ihrem Haus für die Organisation von Behandlungs- und Patientendaten verantwortlich?

Die sogenannten Primärdaten der Behandlungsakte wie Untersuchungsbefunde, OP-Berichte, Labordaten, Arztbriefe werden in den jeweiligen medizinischen Abteilungen und der Pflege bearbeitet. Die Verantwortung für die Inhalte liegt bei den Ärzten und Pflegekräften. Dieses sind die eigentlichen Behandlungsdaten. Die Vorlagen und Formulare hierfür sind standardisiert. Sie wurden von Arbeitsgruppen erstellt und von der Chefarztkonferenz und der Pflegedienstleitung freigegeben.

Daneben gibt es die sogenannten abgeleiteten Daten, die Abrechnungs- und Statistikzwecken dienen. Die Organisationsverantwortung liegt im wesentlichen in der Verwaltung, hier insbesondere beim medizinischen Controlling in Verbindung mit der stationären Abrechnung und dem allgemeinen Controlling.

Wie wird die Qualität der Daten sichergestellt?

Die Verantwortung für die Qualität der Primärdaten liegt bei den medizinischen Fachabteilungen. Wichtige Dokumente, wie Arztbriefe werden von mehreren Ärzten, also Assistenzarzt, Oberarzt und Chefarzt, abgezeichnet und gegebenenfalls korrigiert.

Die Kodierung der Diagnosen und medizinischen Maßnahmen für die Erfassung und spätere Vergleichbarkeit erfolgte ursprünglich ebenfalls durch die behandelnden Ärzte, bei einigen technischen Untersuchungen durch die verantwortlichen MTA's. Anschließend wurden die Daten vom DRG-Beauftragten der Abteilung - in der Regel einem Oberarzt - kontrolliert und für die Abrechnung freigegeben. DRG steht dabei für Diagnose-bezogene-Fallgruppen. Das heißt, Patienten werden je nach Diagnose oder Therapie in Fallgruppen eingeteilt, nach denen sich die Vergütung durch die Krankenkassen richtet.

Zur Unterstützung standen dem Arzt dabei Kodier- und Prüfprogramme zur Verfügung. Ein Kodierprogramm kann aber nur bei der Umsetzung eines medizinische Begriffes in den oder die entsprechenden Codes helfen. Es kann nicht entscheiden, ob etwas kodiert werden muss. Auch die abschließende Kontrolle durch ein Prüfprogramm kann nur formale Fehler finden und auf fehlende häufige Kombinationen, wie die fehlende Angabe des Erregers zu einer kodierten Infektion, hinweisen. Die Kodierung setzt also die Kenntnis der Kodierwerke und der umfangreichen Kodierregeln voraus. Diese werden wie die DRG-Kataloge jährlich überarbeitet. Damit ergibt sich ein erheblicher, zum Teil jährlich wiederkehrender Schulungsaufwand. Der Zeitaufwand für eine sorgfältige Kodierung kann mit bis zu 30 Minuten pro Fall angesetzt werden. Bei dieser Organisationsform wurde die teuerste Berufsgruppe im Krankenhaus - die Ärzte - mit einer sehr zeitaufwändigen, nicht unbedingt ärztlichen Aufgabe betraut. Das war nicht glücklich; aktuell wird das Verfahren daher umgestellt: Die Kodierung der statistisch und für die Abrechnung eher belanglosen Aufnahmediagnosen erfolgt weiterhin durch die aufnehmenden Ärzte, genauso wie die Erfassung und Kodierung der medizinischen Maßnahmen. Die Kodierung der abrechnungsrelevanten Verlegungs- und Entlassungsdiagnosen wird nun durch speziell geschulte Kodierfachkräfte anhand der Behandlungsakte vorgenommen. Die Freigabe der Daten für die Abrechnung erfolgt weiterhin durch die DRG-Beauftragten der Fachabteilungen.

Wofür nutzen Sie intern die Behandlungs- und Patientendaten?

Es werden monatlich Auswertungen wichtiger Kennzahlen auf Fachabteilungsebene und für das Gesamthaus erstellt: Verweildauer im Vergleich zur mittleren Verweildauer der DRGs, oder der sogenannte. Casemix-Index - ein Wert, der etwas über die Aufwändigkeit der Behandlungen aussagt. Diese werden den Planzahlen gegenübergestellt.

Bewegen wir uns in Deutschland auf ein "gläsernes Krankenhaus" und einen "gläsernen Patienten" zu?

Patienten zeigen sich häufig überrascht, wenn sie erfahren, in welchem Umfang medizinische Daten an die Krankenversicherungen weitergeleitet werden. Und in der Tat: Seit der Einführung des DRG-Systems im Jahr 2003 müssen die kodierten Aufnahme-, Verlegungs- und Entlassungsdiagnosen, sowie alle kodierten Maßnahmen inklusive Behandlungsdatum von den Krankenhäusern an die Krankenkassen übermittelt werden. Damit ist der "gläserne Patient" - zumindest gegenüber seiner Krankenversicherung - bereits seit Jahren Realität.

Das "gläserne Krankenhaus" gibt es hingegen noch nicht. Da jede Krankenversicherung nur die Daten ihrer eigenen Versicherten erhält, ist nur größeren Krankenversicherungen ein annähernder Überblick über das einzelne Krankenhaus möglich. Erst durch eine Zusammenführung der Daten der verschiedenen Krankenversicherungen entstünde echte Transparenz. Das verhindert zurzeit noch der Konkurrenzdruck zwischen den Krankenversicherungen.

Welche Folgen hat es bislang in Ihren Kliniken gehabt, wenn eine Abteilung bei der externen Qualitätssicherung schlecht abgeschnitten hat?

Bislang ließen sich alle Auffälligkeiten schnell aufklären. In den meisten Fällen handelte es sich um formale Fehler bei der Erfassung der BQS-Daten aufgrund missverständlicher Datenfeldbeschreibungen, also um Qualitätsmängel des Datenerhebungs-Verfahrens - oder um Tippfehler.

Interview: Ralph Kray
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