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Kanadisches Territorium Nunavut Kein einziger Corona-Fall: Wie sich eine Region in Nordamerika vor der Pandemie schützt

Eine kanadische Flagge und die Flagge Nunavuts wehen in Iqaluit, der Hauptstadt des kanadischen Territoriums Nunavut
"Ziemlich drastische" Maßnahmen: Eine kanadische Flagge und die Flagge Nunavuts wehen in Iqaluit, der Hauptstadt des kanadischen Territoriums.
© Sean Kilpatrick / Picture Alliance
In Nordamerika steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen rasant an - vor allem wegen der Entwicklung in den USA. Aber auch Kanada meldet wieder mehr Covid-19-Fälle. Doch eine Region wehrt sich erfolgreich gegen das Virus.

Die Corona-Pandemie hält auch den nordamerikanischen Kontinent fest im Griff. Die USA haben mittlerweile mehr als 8,1 Millionen Sars-CoV-2-Infizierte registriert, fast 220.000 Menschen starben mit einer Infektion. Derzeit ist wieder ein Aufwärtstrend bei der Anzahl der täglichen Corona-Neuinfektionen pro Tag zu erkennen. Auch Kanada, wo rund 38 Millionen Menschen leben, wird derzeit von einer zweiten Ansteckungswelle heimgesucht. Insgesamt sind dort laut der Johns-Hopkins-Universität bisher rund 200.000 Menschen an Covid-19 erkrankt und fast 10.000 Infizierte gestorben.

Doch eine Region hat sich bislang erfolgreich gegen das Coronavirus zur Wehr gesetzt: Nunavut im Norden Kanadas. Das Territorium hat seit Beginn der Corona-Pandemie keinen einzigen Corona-Fall registriert.

Strenge Reisebeschränkungen schützen Nunavut

Als im vergangenen März weltweit Grenzen dichtgemacht wurden, um die Ausbreitung von Sars-CoV-2 zu bremsen, hätten die Behörden in Nunavut einige der strengsten Reisebestimmungen in Kanada eingeführt und nahezu allen Nichtansässigen die Einreise verwehrt, berichtet der britische Sender BBC.

Bewohner, die aus dem Süden nach Hause zurückkehrten, mussten demnach zunächst zwei Wochen lang auf Kosten der Regierung von Nunavut in Hotels in den Städten Winnipeg, Yellowknife, Ottawa oder Edmonton verbringen. In diesen "Isolationszentren" seien Sicherheitsbeamte stationiert worden und Krankenschwestern, die sich um den Gesundheitszustand der Isolierten kümmerten. Bis heute hätten etwas mehr als 7000 Menschen aus dem Territorium dort einen Zwischenstopp bei ihrer Rückkehr nach Hause einlegen müssen.

Die Durchsetzung dieser Anordnung war der BBC zufolge nicht unproblematisch. Immer wieder seien Personen bei Ausbrüchen aus der Quarantäne erwischt worden, so dass ihre Aufenthalte verlängert werden mussten. Das habe zum Teil sogar zu Wartezeiten bei der Aufnahme in die Hotels geführt. Außerdem habe es Beschwerden über das Essen gegeben, das den dort Eingeschlossenen zur Verfügung steht.

Neben den Reisebeschränkungen gelten in Nunavut trotz null Corona-Fällen auch Vorschriften zur sozialen Distanz, zum Masketragen und zur Begrenzungen von Versammlungen.

Die "ziemlich drastischen" Maßnahmen seien sowohl aufgrund der potenziellen Anfälligkeit der Bevölkerung von Nunavut für Covid-19 als auch aufgrund der einzigartigen Herausforderungen der arktischen Region ergriffen worden, erklärte der leitende Beamte für öffentliche Gesundheit des Territoriums, Dr. Michael Patterson, der BBC.

Abgeschiedenheit ist Segen und Problem zugleich

Mehr als 80 Prozent der Menschen in Nunavut sind Inuit, die das Territorium auch selbst verwalten. Sie sind nach Angaben der gemeinnützigen Organisation Inuit Tapiriit Kanatami im Allgemeinen eine Bevölkerungsgruppe mit hohem Risiko für Atemwegsinfektionen. So sei die Wahrscheinlichkeit, an Tuberkulose zu erkranken, bei Inuit fast 300 Mal höher als bei Kanadiern, die nicht zu den Ureinwohnern gehören. Gründe dafür sind laut BBC unter anderem unangemessene und unsichere Wohnverhältnisse und dass häufig zu viele Menschen auf zu engem Raum zusammenlebten.

Nunavut grenzt im Norden an den Arktischen Ozean und im Osten an Grönland. Das gut zwei Millionen Quadratkilometer große Gebiet macht etwa ein Fünftel der Fläche Kanadas aus und ist ungefähr dreimal so groß wie der US-Bundesstaat Texas. Trotzdem leben dort nur knapp 40.000 Menschen in 25 Gemeinden. Die Entfernungen seien "manchmal überwältigend", sagte Dr. Patterson dem britischen Sender.

Die dünne Besiedlung des Territoriums und die Abgeschiedenheit der meist nur mit dem Flugzeug erreichbaren Gemeinden dürften einen wichtigen Beitrag beim erfolgreichen Kampf der Behörden gegen das Coronavirus geleistet haben. Doch sie bringen auch Probleme mit sich.

Die meisten Gemeinden hätten nicht die Möglichkeit, Covid-19-Tests vor Ort durchzuführen, so dass die Proben ein- und ausgeflogen werden müssen, sagte Dr. Patterson. Anfangs habe es schon mal eine Woche dauern können, bis ein Testergebnis vorgelegen habe, mit der Folge, dass man "wirklich, wirklich spät dran ist", bis man reagieren könne. Es seien aber Bemühungen im Gange, die Testkapazität und die Umlaufzeiten zu erhöhen.

Ein weiteres Problem sind die begrenzten medizinische Ressourcen in Nunavut. Das 35-Betten-Krankenhaus Qikiqtani General Hospital in Iqaluit, der Hauptstadt des Territoriums, könnte nach Pattersons Schätzungen etwa 20 Corona-Infizierte aufnehmen. Im Falle eines Ausbruchs müssten "viele der Menschen, die behandelt oder eingewiesen werden müssen, in den Süden gehen, was eine weitere Belastung für unser System zur medizinischen Evakuierung bedeutet".

Mehrere Minenarbeiter mit Coronavirus infiziert

Vor wenigen Wochen drohte ein Corona-Ausbruch unter Minenarbeitern den Behörden von Nunavut ihre Erfolgsbilanz im Kampf gegen das Virus zu verhageln. Mehrere Arbeiter, die aus der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador in eine abgelegene Goldmine 160 Kilometer vom Polarkreis geflogen waren, wurden Ende September positiv auf Covid-19 getestet. Die Fälle würden jedoch nicht Nunavut zugerechnet, weil die Behörden in den Heimatorten der Betroffenen entschieden hätten, sie in ihrer eigenen Statistik aufzunehmen, sagte Dr. Patterson dem kanadischen Fernsehsender Global News.

Und gegenüber der BBC versicherte der Mediziner, der Ausbruch unter den Arbeitern habe "fast keine Chance", sich in der Gemeinde auszubreiten, weil es seit Monaten keine Reisen zwischen der Mine und den Gemeinden gegeben habe.

Dass Nunavut für immer vom Coronavirus verschont bleibt, glaubt aber auch Dr. Patterson nicht. "Nein. Nicht unbegrenzt", sagte er dem britischen Sender, "Ich hätte nicht einmal darauf gewettet, dass es so lange so wie jetzt bleiben würde."

Quellen: BBC, Regierung von Nunavut I, Regierung von Nunavut II, "Globalnews"Johns-Hopkins-Universität.

tkr

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