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Kindergesundheit: Fit fürs Leben

Zu dick, zu träge, die Psyche belastet: Um viele unserer Kinder ist es schlecht bestellt. Eine neue Studie im Auftrag von AOK und stern zeigt, wie Eltern ihren Nachwuchs gesund und stark machen.

Von Ingrid Eißele

Anfangs hat Annette Geerling ihren Kindern viel durchgehen lassen. Als ihr Mann vor einundeinhalb Jahren an einer 500 Kilometer entfernten Uniklinik zu arbeiten begann, als die Mutter sich plötzlich allein um Clara, Julius und Henriette kümmern musste, neben den wöchentlich 15 Stunden in der eigenen Praxis. Die Kinder durften ihr Abendbrot vor dem Fernseher essen. Folge: "Die Kinder waren durcheinander und aggressiv, wenn ich den Fernseher ausmachte." Seitdem gibt es ein Fernsehlimit - dreimal pro Woche eine halbe Stunde.

Wie wichtig feste Regeln für die gesunde Entwicklung von Kindern ist, ergab eine Untersuchung, die die AOK und der stern in Auftrag gegeben hatten - als Auftakt für die Aktion "Gesunde Kinder - gesunde Zukunft". Über Monate haben Forscher des WHO-Kooperationszentrums für Kinder- und Jugendgesundheitsförderung der Universität Bielefeld und der "Gesellschaft für angewandte Sozialforschung" wissenschaftliche Arbeiten ausgewertet und Expertenerkenntnisse am Alltagsleben von 30 Familien überprüft. Sie ließen die Probanden detaillierte Tagebücher führen, fragten nach Speiseplan und Verhaltensregeln, Fernsehkonsum, Freizeitsport, Schule. Sie sahen den Familien beim Essen und beim Streiten zu, sie schauten Eltern beim Kochen über die Schulter und inspizierten die Kinderzimmer.

Gute Ratschläge sind bitter nötig

Wie können Eltern dafür sorgen, dass ihre Kinder zu seelisch stabilen, glücklichen Menschen heranwachsen? Wie verhindern, dass sie zu dick werden, dass sie Verhaltensstörungen entwickeln? Aus ihren Beobachtungen destillierten die Forscher lebensnahe Empfehlungen, mit denen Eltern ihre Kinder fit machen können für die Herausforderungen des Alltags.

Dass gute Ratschläge bitter nötig sind, belegt eine gerade veröffentlichte Studie des Robert-Koch-Instituts: KiGGS, so die Abkürzung für den so genannten Kinder- und Jugendgesundheitssurvey, ist die größte Untersuchung, die es hierzulande je über die Gesundheit des Nachwuchses gegeben hat. Drei Jahre lang begutachteten Wissenschaftler fast 18.000 Kinder aus 167 Orten - Neugeborene, Kindergartenkinder, Schüler bis zum Alter von 17 Jahren.

Jeder fünfte Junge psychisch auffällig

Bei 15 Prozent aller Kinder gibt es laut KiGGS Hinweise auf "psychische Auffälligkeiten", bei sieben- bis zehnjährigen Jungen ist sogar mindestens jeder Fünfte betroffen. In jeder Grundschulklasse, das zeigt die ergänzende Bella-Studie, sitzen demnach im Schnitt fünf Kinder, die durch Aggressivität auffallen oder bei denen der Verdacht auf Depressionen oder Ängste besteht. Die Wissenschaftler beobachten eine "neue Morbidität", Kinder erkrankten immer häufiger an chronischen und psychischen Krankheiten.

Was können Eltern tun, um ihre Söhne und Töchter psychisch zu stärken? Familien mit gesunden und ausgeglichenen Kindern, das belegen sowohl KiGGS als auch die Studie von AOK und stern, sind kein Zufall. Sie halten sich an bestimmte Regeln.

Regeln und auch Rituale sind für Kinder wichtig

So hat Annette Geerling festgelegt, wie die Familie miteinander umgehen soll. Tochter Clara hat die Regeln mitsamt Konsequenzen auf ein Blatt Papier geschrieben: "Andere ärgern - Süßigkeiten abgeben." "Anderen etwas kaputt machen - wieder aufbauen." Die Kinder "wissen genau, woran sie sind, ich muss nicht über jede kleine Sache neu diskutieren", sagt die Mutter. Regeln und auch Rituale sind für Kinder wichtig, weil sie ihnen Verlässlichkeit garantieren und "sie sich in einem sicheren Rahmen besser orientieren und entwickeln können", sagt der Hamburger Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort.

Der Tag von Tina Jesper zum Beispiel läuft stets nach dem gleichen Muster ab. Um 6.15 Uhr weckt sie ihre Töchter. Da ist Jens Jesper, Vermessungsingenieur bei einem Hamburger Bauunternehmen, schon auf der Autobahn. Um 6.30 Uhr gibt es Frühstück - Cornflakes oder Butterbrot mit Waldfruchtmarmelade. "Ohne Frühstück geht keiner aus dem Haus", sagt Jesper. Dafür nehmen sich Mutter und Töchter eine halbe Stunde Zeit. Noch mehr Zeit haben sie fürs Mittagessen. "Bei Tisch haben die Kinder Zeit zum Erzählen." Ab halb drei erledigen Sara und Eva ihre Hausaufgaben. Später treffen sie Freunde, Eva geht zum Lerntraining oder zum Tanzkurs. Die Kinder haben Pflichten: Tisch decken und die Kaninchen füttern. Um 18.30 Uhr gibt es Abendbrot, und um 20 Uhr ist Schlafenszeit.

Aus dicken Kindern werden dicke Erwachsene

Der Alltag sieht jedoch in vielen Familien anders aus: Heimkommen, essen, sich aufs Sofa werfen und zappen. Welche Folgen dieser Lebensstil für die Kinder hat, konnte KiGGS nun zeigen. Fast zwei Millionen Jungen und Mädchen bringen zu viel auf die Waage - 50 Prozent mehr als in den 90er Jahren. Der Anteil der krankhaft fettleibigen (adipösen) Jugendlichen hat sich sogar verdreifacht. Und allzu oft werden aus dicken Kindern auch dicke Erwachsene, mit einem deutlich gesteigerten Risiko für Bluthochdruck, Arteriosklerose und Diabetes.

Fast 96 Prozent der 11- bis 17-Jährigen hocken täglich vor dem Bildschirm. Besonders ausdauernd sind Jungen zwischen 14 und 17 Jahren: Fast 40 Prozent von ihnen bringen es auf fünf Stunden täglich vor dem Fernseher, am Computer oder der Spielkonsole. Gleichaltrige Mädchen telefonieren lieber - jedes sechste drei Stunden täglich! Dabei ist Bewegung in der Jugend noch wichtiger als in jeder anderen Lebensphase, sagt der Karlsruher Sportwissenschaftler Klaus Bös. Sie hält nicht nur fit, sondern hilft beim Lernen.

Eltern sind immer Vorbild

Am Wochenende gehen Johanna Butenuth und Helge Steinbeck aus Leipzig gern mit ihrer Tochter Marie Radfahren. Das Auto haben sie abgeschafft, so dass der Logopäde Steinbeck auch in der Woche alle Wege mit dem Fahrrad zurücklegen muss. Und damit einer Empfehlung der Wissenschaft folgt. Eltern, die auf sich selbst achten, die Sport treiben und sich auch mal Auszeiten gönnen, sind glaubhafter, wenn sie den Nachwuchs auf Trab bringen wollen.

Die Familie aus Leipzig lebt viele der Empfehlungen der Forscher, ohne es zu ahnen. Zum Beispiel den Rat, regelmäßig gemeinsam zu essen. Da gibt es mal Rote-Bete-Suppe mit Joghurt. Kartoffelrösti mit Apfelmus oder Kartoffelauflauf mit Möhren. Selbst Fischsuppe löffelt die siebenjährige Marie ohne Protest, bis kein Zwiebelchen mehr auf dem Grund zu sehen ist. Nachmittags, wenn Marie vom Hort nach Hause kommt, setzen sich Mutter und Tochter zu Kakao und Kuchen zusammen. Zeit zum Erzählen. Ohne Fernsehen, ohne Termine. Johanna Butenuth kann sich dann allein ihrer Tochter widmen.

Kinder brauchen ungeteilte Aufmerksamkeit

Doch können nicht alle Eltern den ganzen Tag bei ihren Kindern sein. Besonders berufstätigen Frauen und Männern bleibt oft nur wenig Zeit für ihr Kind. Darüber müssen sich die Eltern nicht allzu sehr sorgen, so ergab die aktuelle Untersuchung. Für die emotionale Entwicklung ist nicht die Dauer des Zusammenseins entscheidend. Vielmehr sollten die Kleinen einmal täglich die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Eltern erfahren, auch wenn es nur eine halbe Stunde dauert. Eine Zehnjährige aus der Studie klagte zum Beispiel, dass ihre Mutter zwar jeden Nachmittag zu Hause sei, aber stets mit einkaufen, putzen, kochen beschäftigt sei. "Ich hätte gern mehr Zeit mit ihr", so die Tochter, "egal, wann".

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