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Werbung und Übergewicht: Macht Fernsehen dick?

Limo, Kekse, Bonbons - Werbespots im Kinderprogramm preisen oft ungesunde Lebensmittel an. Verbraucherschützer fordern ein Verbot der Spots, sie fürchten um die Gesundheit der Kinder. Dass die Werbung dick macht, ist jedoch umstritten.

Von Andrea Fenner

Zwei Stunden Fernsehzeit pro Tag: "Maßgeblichen Effekt auf die Essgewohnheiten"

Zwei Stunden Fernsehzeit pro Tag: "Maßgeblichen Effekt auf die Essgewohnheiten"

Comicfiguren, eingängige Melodien und knackige Sprüche prasseln auf die Kleinen ein. Bis zu 20 Food-Werbespots laufen pro Stunde im Kinderprogramm im Privatfernsehen. Bei durchschnittlich zwei Stunden Fernsehzeit pro Tag sehen die Kinder eine Menge kleiner Filme, die ihnen Lust auf süße Frühstücksflocken, Schokolade, Eis und Fast Food machen sollen. Die Werbung scheint den Geschmack der Kinder zu treffen: Laut Kids-Verbraucheranalyse 2006 finden zwei Drittel der Sechs- bis 13-Jährigen TV-Werbung gut bis sehr gut. Bereits Grundschüler kennen rund 700 Markennamen.

Gleichzeitig ist jedes siebte Kind zu dick, jedes 15. sogar fettleibig. Als Erwachsene werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit noch immer zu viel wiegen. Ist das Fernsehen dafür verantwortlich, womöglich sogar die Werbung für kalorienreiche Leckereien? Wenn ja, könnte die Epidemie Übergewicht durch Werbebeschränkungen leicht eingedämmt werden.

Essen, was man sieht?

Aber naschen Kinder wirklich mehr, weil sie entsprechende Werbung sehen? Forscher der Universität Liverpool wollten es wissen. "Unsere Untersuchung bestätigt, dass TV-Werbung einen maßgeblichen Effekt auf die Essgewohnheiten von Kindern hat", erklärt Studienleiter Jason Halford.

Das erschreckende Ergebnis: Hatten die Kinder zwischen neun und elf Jahren Lebensmittelwerbung gesehen, dann naschten sie während des folgenden Zeichentrickfilms doppelt so viel wie nach Spots für Spielzeug. Übergewichtige griffen dabei stärker zu als Kinder ohne Gewichtsprobleme. Auch der Gießener Medienpsychologe Jörg Diehl konnte in einer eigenen Studie bestätigen, dass Kinder mehr Lebensmittel aßen, je mehr Werbung sie dafür gesehen hatten.

Werbung für Dickmacher verbieten?

Als Reaktion auf diese und ähnliche Studien fordert der Ernährungsreferent des Verbraucherzentrale Bundesverbandes Thomas Isenberg: "Wir brauchen dringend ein Verbot der kinderbezogenen Werbung für Lebensmittel, die zu zucker- und fetthaltig sind. Dies muss auch und gerade im Umfeld von Kinderfernsehsendungen gelten."

Dieser Ansicht ist auch das European Heart Network. Das Netz europäischer Gesundheitsexperten fordert gar ein europaweites Verbot: Es solle die zusammenhanglose Ansammlung gesetzlicher und freiwilliger Kontrollen für Werbung ersetzen.

Schädliche Wirkung ist wissenschaftlich nicht geklärt

In Deutschland schreibt der Rundfunkstaatsvertrag unter anderem vor, dass der öffentlich-rechtliche Kinderkanal ohne Werbung sendet. Die Privaten dürfen nicht mehr als zwölf Minuten pro Stunde werben. Auch die Richtlinien der deutschen Werbewirtschaft enthalten spezielle Werbevorschriften zum Schutz von Kindern. Werbung für Kinderlebensmittel unterliegt bisher keinen gesonderten Beschränkungen.

"Ein Verbot wäre nicht rational", meint Diehl dennoch. "Denn ob Werbung Kinder dick macht, ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt." Immer wieder gebe es Studien, die den Zusammenhang nicht nachweisen könnten. Auch der Ernährungsbericht 2000 konnte nicht belegen, dass Kinder, die mehr fernsehen und mehr Produkte kennen, tatsächlich auch mehr davon essen. TV-Werbung für Essbares als Ursache für dicke Kinder? "Das kann nicht sein", schlussfolgert Diehl für Deutschland. "Schließlich ist der Anteil übergewichtiger Kinder in den letzten Jahren gestiegen. Kinder unter 13 Jahren sehen aber heute noch genauso viel fern und damit genauso viel Werbung wie 1992."

Keine einfache Gleichung

In der Praxis entstehen Verbote manchmal vorbeugend, auch bei nicht völlig geklärter Datenlage. Ein britischer Forschungsbericht der Food Standard Agency gibt 2003 zu: Unwiderlegbare Beweise gibt es nicht. Dafür sind die Zusammenhänge zu komplex. Den Briten reichten die gefundenen Hinweise dennoch: Seit 1. April darf rund um Kindersendungen für Vier- bis Neunjährige nicht mehr für ungesunde Lebensmittel geworben werden. Ab 2008 sehen auch ältere Kinder keine Spots mehr für Süßes, Salziges und Fettiges.

In der kanadischen Provinz Quebec sehen Kinder schon seit 1980 im Fernsehen keine Werbung mehr. Auch in Schweden gibt es ein solches Verbot seit mehr als zehn Jahren. Allerdings ohne Erfolg: Weniger dicke Kinder gibt es dort trotzdem nicht.

Was tun?

Das europäische Parlament fordert weniger Fernsehwerbung für ungesunde Kinderlebensmittel. Das Ziel will sie zunächst über ein freiwilliges Abkommen zwischen EU-Kommission und Medienindustrie erreichen. Auch Bundesernährungsminister Horst Seehofer spricht in seinem aktuellen Eckpunktepapier nicht von Verboten, sondern von der Eigenverantwortung der Hersteller.

Eines jedoch ist unbestritten: Fernsehen, Computerspiele und Internet sind verlorene Bewegungszeit. Auch nebenher essen ist typisch. Diehl fordert daher Eltern auf, ihre Vorbildfunktion besser wahrzunehmen. "Gerade Väter neigen dazu, die Sofa-Umgebung tüten- und schalenweise mit Knabberartikeln auszustatten - kein gutes Beispiel. Eltern können ihre Kinder stattdessen weniger Werbung sehen lassen und mit ihnen etwas unternehmen, statt fernzusehen." Außerdem: "Keine Hauptmahlzeiten vor dem Fernseher, denn dabei besteht die Gefahr, dass man zu viel isst." Kalorienbomben lassen sich mit etwas Gewöhnung durch schlankere Alternativen ersetzen.

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