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Kosmetikprodukte: Das steckt wirklich hinter Slogans wie "klinisch getestet"

"Klinisch getestete" Cremes sind gut verträglich? Das stimmt leider nicht immer. Unsere Übersicht enttarnt Werbeversprechen der Hersteller – auf Shampoos, Make-Up-Entfernern und Baby-Cremes.

"Dermatologisch bestätigt" oder "Hautverträglichkeit bestätigt": Bei diesen Slogans handelt es sich um Werbeaussagen der Kosmetikfirmen

"Dermatologisch bestätigt" oder "Hautverträglichkeit bestätigt": Bei diesen Slogans handelt es sich um Werbeaussagen der Kosmetikfirmen

Labels auf Kosmetikprodukten schenken Vertrauen. Sie suggerieren Qualität und strenge Testverfahren. Doch was kaufen Verbraucher tatsächlich, wenn sie zu "klinisch getesteten" Cremes greifen oder sich ein Shampoo kaufen, dessen "Wirksamkeit bewiesen" ist? Eine kurze Nachrecherche des stern ergab: Geschützt sind diese vermeintlichen Qualitätssiegel nicht – und sie liefern auch keine Hinweise auf die Verträglichkeit des Produkts.

Aussagen wie "Dermatologisch bestätigt" werden auch als Claims bezeichnet. Übersetzt bedeutet das so viel wie "Behauptung" oder "Anspruch". Sie sind in der EU-Verordnung mit der Nummer 655/2013 geregelt. Laut dem Verbraucherschützerportal Label online handelt es sich dabei um nichts anderes als "Werbeaussagen". Aus ihnen lasse sich daher keine "garantierte Qualitätseigenschaft der Produkte" ableiten.

Laut EU-Richtlinie müssen Claims lediglich belegbar sein. Verwendet ein Hersteller etwa den Slogan "Klinisch getestet", muss dieser mindestens eine klinische Studie zu dem Produkt vorlegen können. Nur: Ob das Produkt an zehn, 20 oder 1000 Personen getestet wurde, bleibt Ermessensache der Hersteller. Und auch, ob das Ergebnis positiv oder negativ ausfiel, ist für den Verbraucher zunächst unklar. Der Begriff "getestet" besagt lediglich, dass das Produkt getestet wurde – nicht zwingend, wie.

Ein "dermatologisch getesteter" Badezusatz. Klar ist: Das Produkt wurde unter Aufsicht eines Dermatologen geprüft. Doch Probandenanzahl und Testergebnis werden nicht genannt.

Ein "dermatologisch getesteter" Badezusatz. Klar ist: Das Produkt wurde unter Aufsicht eines Dermatologen geprüft. Doch Probandenanzahl und Testergebnis werden nicht genannt.

"Slogans wie 'Dermatologisch getestet' oder 'Klinisch getestet' sagen sehr wenig über das Produkt aus“, bestätigt auch Torsten Zuberbier, Leiter der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie an der Berliner Charité, auf Nachfrage. "Dasselbe gilt für Aussagen wie 'Hautverträglichkeit bestätigt'. Nirgends ist hinterlegt, welche Anforderungen diese Tests erfüllen müssen. Hier fehlt ein klarer Kriterienkatalog.“

Prinzipiell könne jeder Hersteller nach Belieben Kosmetikprodukte auf den Markt bringen – "vorausgesetzt, sie enthalten zugelassene Inhaltsstoffe", erklärt der Dermatologe und Allergie-Experte. Getestet werden müssen diese Produkte nicht zwingend, doch insbesondere große Markenfirmen würden aufwendige Tests durchführen, um die Sicherheit der Produkte zu gewährleisten. Das soll das Risiko für Rückrufaktionen möglichst gering halten, so Zuberbier. Nicht zuletzt haften Hersteller für ihre Produkte, sie müssen also Sorge dafür tragen, dass die Kosmetika keine Fehler enthalten.

Dieses Shampoo besitzt eine "bewiesene Wirksamkeit". Offen bleibt, wie die Wirksamkeit nachgewiesen wurde und auch, was konkret damit gemeint ist.

Dieses Shampoo besitzt eine "bewiesene Wirksamkeit". Offen bleibt, wie die Wirksamkeit nachgewiesen wurde und auch, was konkret damit gemeint ist.

Ein Make-Up-Entferner, der "augenärztlich getestet" wurde. Offen bleibt, ob der Test tatsächlich eine gute Verträglichkeit ergeben hat.

Ein Make-Up-Entferner, der "augenärztlich getestet" wurde. Offen bleibt, ob der Test tatsächlich eine gute Verträglichkeit ergeben hat.

Der Arzt rät Menschen mit empfindlicher Haut, auf das Siegel der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) zu achten. Zuberbier selbst leitet die Stiftung. Das Label zeichnet unter anderem allergikerfreundliche Cremes, Shampoos und Kosmetik aus. Die Produkte werden von unabhängigen Wissenschaftlern anhand festgelegter Kriterien bewertet. Die Onlineseite der Stiftung listet eine Übersicht der ausgezeichneten Produkte.

Laut Zuberbier ist es sinnvoll, neue Produkte zunächst auf der Haut der Ellenbeuge zu testen und drei bis vier Tage abzuwarten. Dies gilt insbesondere dann, wenn bereits in der Vergangenheit eine sogenannte Kontaktallergie aufgetreten ist. Dabei handelt es sich um eine allergische Reaktion der Haut , die sich durch Rötung, Juckreiz und Schwellungen äußern kann. Meist zeigen sich die Symptome 24 bis 72 Stunden nach Kontakt mit dem Allergen.

Eine Körpercreme für Kleinkinder, die "klinisch bestätigt" wurde: Spielt der Slogan auf nicht enthaltene Farbstoffe und Parabene an oder wurde die Hautverträglichkeit getestet? Für Verbraucher ist das schwer zu beurteilen.

Eine Körpercreme für Kleinkinder, die "klinisch bestätigt" wurde: Spielt der Slogan auf nicht enthaltene Farbstoffe und Parabene an oder wurde die Hautverträglichkeit getestet? Für Verbraucher ist das schwer zu beurteilen.

Bei diesem Duschgel wurde die "Hautverträglichkeit dermatologisch bestätigt": Offen bleibt, wie getestet wurde und wie viele Studienteilnehmer miteinbezogen wurden.

Bei diesem Duschgel wurde die "Hautverträglichkeit dermatologisch bestätigt": Offen bleibt, wie getestet wurde und wie viele Studienteilnehmer miteinbezogen wurden.

"Sobald man merkt, dass ein Produkt die Haut irritiert, reizt oder rot werden lässt, ist es sinnvoll, das Mittel abzusetzen“, erklärt Torsten Zuberbier. In diesem Fall ist auch eine Beratung beim Hautarzt sinnvoll. "Er hilft, die Bedürfnisse der eigenen Haut einzuschätzen und diagnostiziert mögliche Allergien."

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