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Klon-Fälschungsskandal: "Wissenschaft braucht Zeit"

Vor einem Jahr erschütterte Hwang Woo Suks Betrug mit angeblich geklonten Menschen-Embryonen die Wissenschaftswelt. Im stern.de-Interview spricht ein deutscher Stammzellforscher über die Lehren aus dem Fall.

Der Klon- und Stammzellforscher Hwang Woo Suk galt als Superstar der Szene. Den ersten menschlichen Embryo wollte er geklont, maßgescheiderte Stammzellen angefertigt haben. Vor einem Jahr wurde nach und nach klar: Alles war gefälscht. Wie konnte das passieren?

Leider sind inzwischen keine weiteren genauen Details ans Licht gekommen. Man hätte erwarten können, dass Südkorea alles offenlegt. Zweierlei hat eine Rolle gespielt: Zum einen die hohe Erwartungshaltung der Gesellschaft - in Südkorea als junger aufstrebender Wirtschaftsmacht, der immer vorgeworfen wurde, dass sie nur alles kopiert, war der Druck sehr hoch. Zum anderen sind Fälschungen im digitalen Zeitalter sehr leicht. Eine gewisse Mitschuld hatten auch die Fachzeitschriften, die sensationslüstern reagiert haben. In diesem Fall "Science", aber für "Nature" und die anderen großen Fachmagazine gilt dasselbe.

Wie sehr hat der Skandal um Hwang Woo Suk der Stammzellforschung geschadet?

Er hat die Forschung zurückgeworfen. Wir müssen dafür kämpfen, die Seriosität zurückzugewinnen. Es ist auch schwieriger geworden, Forschungsgelder zu bekommen. Ein Vorteil war aber, dass man sich wieder mehr auf die Grundlagenforschung konzentriert hat. Man ist bestrebt die grundlegenden Prozesse zu verstehen: Wie sich eine Stammzelle in andere Zelltypen differenziert.

In embryonale Stammzellen werden große Hoffnungen gesetzt. Werden wir in Zukunft noch mehr solcher Fälschungsskandale in der Stammzellforschung erleben?

Ich fürchte ja. Nach wie vor sind die Erwartungen enorm groß. In Deutschland haben wir eine besondere Situation: Aufgrund der ethischen Debatte um die Stammzellforschung wird hier vor allem von Politikern Druck gemacht, den Weg über die adulten Stammzellen zu gehen. Forschungsgelder werden leichtfertig an Leute vergeben, die Therapieversprechen mit adulten Stammzellen machen, ohne dass dies wissenschaftlich groß hinterfragt wird.

Forscher wollen mit Stammzellen einmal Krankheiten wie Parkinson, Diabetes oder Querschnittslähmung heilen. Wie realistisch sind diese Hoffnungen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass einmal die großen Volkskrankheiten - Diabetes, Herzinfarkt, Hirnschlag, Parkinson - geheilt werden könnten. Die Sache ist jedoch viel komplexer als herkömmliche Therapien mit Medikamenten. Und es wird zu wenig Geld in die Stammzellforschung investiert. Daher kann man auch nicht erwarten, dass die Dinge schnell vorangehen.

Wie lange wird es dauern, bis man diese Krankheiten mit Stammzellen heilen kann?

Ich habe von Anfang an gesagt, dass das noch Zeit braucht. Es muss noch sehr viel Grundlagenforschung gemacht werden. Für Deutschland würde ich zehn bis zwanzig Jahre veranschlagen, wenn die Forschung hier so weiter geht wie bisher. In Amerika könnte ich mir vorstellen, dass in drei bis fünf Jahren der Durchbruch kommen könnte - dort wird massiv Geld investiert.

Was sind die Gefahren der Stammzellforschung?

Stammzellen selbst sind nicht gefährlich. Bei der Anwendung können sich allerdings embryonale Stammzellen ungehindert vermehren und unter Umständen zu einem speziellen Tumor entwickeln. Wir haben Methoden entwickelt, mit denen man dieses Problem aber relativ gut im Griff hat. Die Gefahren sehe ich eher in den Techniken. Therapeutisches Klonen unterscheidet sich vom reproduktiven Klonen nicht sehr. Beim Menschen ist das für mich tabu. Es besteht die Gefahr, dass Arbeitsgruppen diese Technik unerlaubt am Menschen anwenden könnten.

In Deutschland gibt es seit Jahren Diskussionen um die ethischen Grenzen der embryonalen Stammzellforschung. Vor kurzem hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft kritisiert, deutsche Stammzellforscher würden hierzulande kriminalisiert. Sie fordert, die Forschungsbeschränkungen zu lockern. Muss man alles tun, was man tun könnte?

Die Frage darf sich so nicht stellen. Die Freiheit der Wissenschaft ist - wie die Presse- und Meinungsfreiheit - im Grundgesetz verankert. Aus gutem Grund. Wenn sich die Wissenschaft entwickeln soll, wenn wir neue innovative Strukturen und damit auch neue Arbeitsplätze haben wollen, muss man der Wissenschaft die entsprechenden Freiheiten geben. Jede Restriktion ist tödlich. Ich unterstütze daher mit Nachdruck die Initiative der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Die ethische Grenze sehe ich beim reproduktiven Klonen. Therapeutisches Klonen - ja. Reproduktives Klonen - nein. Für mich ist die Entnahme von Zellen aus dem Vorimplantationsstadium zur Gewinnung von Stammzellen moralisch vertretbar. Für mich gilt das, was in vielen anderen Religionen auch gilt: Ein kleiner Haufen Zellen ist für mich noch kein Leben, das Schutzrechte genießt. Über die Pille und Spirale werden Millionen Embryonen im Vorimplantationsstadium abgestoßen, ohne dass sich darüber irgendjemand aufregt.

Man fürchtet das menschliche Ersatzteillager und das reproduktive Klonen. Was sagen Sie den Leuten, um ihnen diese Ängste zu nehmen?

Ich habe viele Diskussionen in Schulen und kirchlichen Einrichtungen geführt. Wenn man den Leuten die Grundlagen erklärt, ihnen deutlich macht, um was es geht, und auch mal zeigt, was überhaupt im Labor passiert - das ist nämlich viel unspektakulärer als viele glauben - dann trifft man in der Regel auf Verständnis. Wir haben viele Krankheiten, bei denen die Medizin heute machtlos ist - nach einem Herzinfarkt zum Beispiel. Die betroffenen Herzzellen sind tot und Medikamente können sie nicht mehr lebendig machen. Mit Stammzellen könnte man neue Zellen züchten und Menschen so helfen, dass sie nicht nur jahrelang weiter leben, sondern auch eine hohe Lebensqualität haben. Das ist das entscheidende Argument.

Sehen Sie sich als Stammzellforscher in einer besonderen Verantwortung?

Ja. Wir wissen, dass wir mit menschlichen Zellen arbeiten, wissen, dass man keine fragwürdigen Experimente machen darf. Ich habe eine christliche Grundeinstellung und empfinde der Kirche gegenüber eine Verantwortung. Gern würde ich auch mit den Kirchen zusammen Lösungen diskutieren. Die unmoralischste Lösung wäre für mich aber, wenn wir unseren Patienten eine Therapie vorenthalten und sie ihr ganzes Geld darauf verwenden müssten, sich im Ausland behandeln zu lassen. Soweit möchte ich es nicht kommen lassen.

In der Stammzellforschung kann man schnell zu Ruhm kommen. Gibt es viele Forscher, die den schnellen Erfolg suchen und dafür zweifelhafte Arbeit in Kauf nehmen?

Ja, leider. Ich betrachte das mit Sorge. Viele wollen mit unseriösen Experimenten schnell Karriere machen. Aus diesem Grund haben wir die Deutsche Gesellschaft für Stammzellforschung e.V. gegründet: Wir wollten ein Kontrollorgan schaffen; auch jungen Forschern ein Forum bieten, wo sie ihre Daten vorstellen und wir sie kritisch diskutieren können.

Was muss passieren, damit es keinen zweiten Fall Hwang gibt?

Es muss zu einer Normalisierung kommen. Die Erwartungen sollten runtergeschraubt, die Forscher nicht mehr unter Druck gesetzt werden. Die Öffentlichkeit sollte darauf Rücksicht nehmen, dass die Wissenschaft einfach Zeit braucht. Und man sollte mehr Wert auf die Grundlagenforschung legen. Ich denke, wir sind mit der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Stammzellforschung e.V. auf einem guten Weg, auch innerhalb der Wissenschaft zu einem kritischen Dialog zu kommen. Wenn ein Wissenschaftler seine Ergebnisse erst innerhalb der Gruppe vorstellen muss, ist der Druck auf ihn sehr groß. Wenn Herr Hwang damals seine Ergebnisse zunächst vor kritischen Wissenschaftlern präsentiert hätte, wäre er wahrscheinlich viel früher aufgeflogen.

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Interview: Jens Lubbadeh

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