HOME

Körper & Psyche: Spurensuche im Kopf

Woher kommt Depression? Auf die Dauer kann sie Veränderungen im Hirn bewirken. Doch die Ursachen der Krankheit liegen noch weitgehend im Dunkeln.

Gewisse Hirnregionen schrumpfen bei chronischer Depression

Woher kommt Depression? Auf die Dauer kann sie Veränderungen im Hirn bewirken. Doch die Ursachen der Krankheit liegen noch weitgehend im Dunkeln.

Selbst eine einzelne Hirnzelle können Forscher inzwischen in Aktion beobachten und ihren oft tausendfachen Verzweigungen folgen. Warum jedoch das immense biologische Netzwerk im Kopf manche Menschen in die Melancholie zieht, ist trotz jahrzehntelanger Forschung kaum verstanden. Sicher scheint nur, dass mehrere Ursachen gemeinsam ins seelische Elend der Depression führen.

Im Gehirn der betroffenen Patienten treten zumindest am Anfang ihres Leidensweges normalerweise keine anatomischen Veränderungen auf. Wenn überhaupt, hinterlassen erst mehrere durchlittene Dunkelphasen der Seele sichtbare Spuren. Vor zwei Jahren fand beispielsweise ein Team der Washington University in St. Louis bei chronisch Depressiven ein verringertes Volumen des so genannten Hippocampus. Das ist eine Hirnregion, die als Gedächtnisverstärker wirkt, indem sie Ereignissen eine emotionale Bedeutung verleiht und ihre Abspeicherung vorantreibt. Und auch das Zentrum eines anderen wichtigen Teils des Gefühlsapparates, der »Amygdala« (Mandelkern), schrumpft offenbar durch wiederholte Depressionen.

Es scheint, dass für Depression eine genetische Belastung vorhanden sein muss

Doch alle Befunde lassen solche Veränderungen der Hirnstruktur als Folge, nicht aber Ursache der krankhaften Melancholie erscheinen. Ausgangspunkt für die quälende Schwärze im Netz der bis zu 100 Milliarden Neuronen ist offenbar ein gestörtes chemisches Gleichgewicht. Durch fehlgesteuerte Botenstoffe - so genannte Neurotransmitter wie Serotonin und Noradrenalin - werden nach Meinung vieler Wissenschaftler Signale zwischen den Nervenzellen verzerrt, der Stoffwechsel im Kopf gerät durcheinander. Mehr noch: Durch die komplexe Verbindung der Hirnregionen untereinander werden auch Bereiche beeinträchtigt, die nicht direkt auf die Seelenstimmung wirken. So sind die Bewegungen depressiver Patienten oft auffallend langsam, ihre intellektuellen Leistungen lassen nach, Schlafstörungen, mangelnder Appetit und sexuelle Lustlosigkeit verschlimmern das Krankheitsbild zusätzlich.

Schwerwiegende Erfahrungen wie der Tod des Partners oder eine eigene lebensbedrohliche Erkrankung können das Tor zur Finsternis öffnen. Aber längst nicht alle Menschen müssen auch hindurch. Wie es scheint, braucht die Depression zumindest in vielen Fällen eine genetische Voraussetzung. Kranke haben häufig Verwandte, die von gleichen Seelenqualen geplagt werden wie sie selbst. Aber welche Erbanlagen die Basis für das oft lebenslange Leiden bilden, ist noch völlig ungeklärt. Sicher bereitet nicht ein einzelnes Gen der Schwermut den Boden, sondern ein Geflecht von Erbanlagen.

Verständnis der Depression noch sehr vage

Seit einigen Jahren hegen vor allem deutsche Forscher noch einen anderen Verdacht: Ein Virus scheint bei bis zur Hälfte aller Depressionen eine wichtige Rolle zu spielen. Die Berliner Liv Bode vom Robert-Koch-Institut und Hanns Ludwig vom veterinärmedizinischen Institut für Virologie der Freien Universität halten den Erreger der vor allem bei Pferden verbreiteten »Borna-Krankheit« für einen Schlüssel zum Verständnis der Depression. Das Borna-Virus wurde inzwischen auch bei Menschen gefunden. Zudem besserte sich deren Depression, wenn der Erreger mit Amantadin - ursprünglich ein Grippemittel - unterdrückt wurde.

Trotz solcher Fortschritte ist das Verständnis des komplizierten Geschehens in einem depressiven Gehirn aber noch vage. Und entsprechend unsicher sind auch manche Behandlungsversuche. Neueste Verfahren wie die ohne Operation mögliche magnetische Stimulierung des für die Stimmung wichtigen linken Stirnlappens bringen einem Teil der Patienten zumindest für einige Zeit Erleichterung. An die Wurzeln des Leidens aber reichen sie noch nicht.

Frank Ochmann

Antidepressiva auf dem Markt

Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

Seit den 90er Jahren gibt es in Deutschland die so genannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Prozac. Da sie nur den Serotoninstoffwechsel beeinflussen, haben sie relativ wenig Nebenwirkungen.

Trizyklische Antidepressiva

werden hierzulande seit den 50er Jahren verabreicht. Wegen teils störender Nebenwirkungen wie Verstopfung, Mundtrockenheit und Schwindel verringern manche Patienten die verordnete Tablettendosis oder setzen das Medikament heimlich ab.

Johanniskrautextrakt

mit dem Hauptwirkstoff Hyperforin wirkt bei leichten bis mittelschweren depressiven Symptomen wie synthetische Antidepressiva. Allerdings müssen die Patienten am Tag 500 bis 1000 Milligramm des Heilpflanzenextraktes zu sich nehmen - Billigprodukte aus dem Supermarkt reichen für eine effektive Behandlung nicht aus.

Lithium

Seit 50 Jahren ist das Mineral ein Klassiker zur Vorbeugung vor Rückfällen. Eine der Nebenwirkungen: 20 Prozent der Patienten nehmen zu.

Für alle Antidepressiva gilt: Sie helfen nicht sofort. Frühestens 14 Tage nach Behandlungsbeginn kann sich die Stimmung aufhellen. Und selbst dann dauert es vielleicht noch Monate, bis die Seele wieder frei ist.

Wissenscommunity