Crime Story
Der Trieb

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Niemand sei zum Mörder geboren, heißt es. Aber was ist dann mit Volker Eckert?
Der Trieb

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Die Tür des Chefarztbüros öffnet sich, zwei Polizisten führen einen Mann in Gefängniskleidung in das Zimmer. Der Mann ist schmächtig, trägt Vollbart, sein Gesicht ist hager und blass, die Haare wirken etwas ungepflegt. Er schaut traurig.

Nehmen Sie doch bitte Platz, Herr Eckert, sagt der Pro­fessor mit weicher Stimme und zeigt auf den Stuhl auf der anderen Seite seines großen Schreibtischs. Die beiden Polizisten, die im Raum warten, winkt er hinaus.

Sie schließen die Tür. Es ist der 5. März 2007 in der forensischen Psychiatrie der Universität München. Das Licht strahlt durch die großzügigen Fenster auf den Tisch zwischen den beiden Männern.

Professor Norbert Nedopil war gespannt auf diesen Montagmorgen. Das ist er also. Volker Eckert, 47 Jahre alt, mehrfacher Mörder.

Nedopil hat viel über den Mann gehört, über den er in den kommenden Tagen ein forensisches Gutachten verfassen soll. Dinge, die selbst für einen erfahrenen Psychiater wie ihn außergewöhnlich waren. Seit 40 Jahren schaut er in menschliche Abgründe. Sein Spezialgebiet sind sadistische Mörder, er saß unzähligen gegenüber, doch dieser Eckert, das hatte Nedopil schon geahnt, würde sein extremster Fall werden.

Wie geht es Ihnen körperlich? Irgendwelche Beschwerden?, fragt der Professor. Er beginnt gern so wie ein Hausarzt.

Hoher Blutdruck, antwortet Eckert leise. 155 zu 100. Und Herzrhythmusstörungen. Am Wochenende sei er von einem Gefängnis ins andere verlegt worden, da habe er vergessen, seine Tabletten zu schlucken. Nun fühle er einen leichten Druck in der Brust. 

Eckert spricht schnell. Mit einem nuschelnden sächsischen Dialekt. Nedopil hat einen Stuhl an die Seite seines Schreibtischs gestellt, damit er ihn Eckert in den Weg werfen kann, falls der ihn angreift. Aber Eckert wirkt schüchtern, harmlos.

Liegen denn ernste Vorerkrankungen vor? Seine Wirbelsäule sei abgenutzt, erzählt Eckert, deswegen habe er keine Arbeit mehr als Maler annehmen können, und so sei er zum Lkw-Fahren gekommen. Körperlich sei er aber sonst völlig gesund. Drogen konsumiere er auch keine. Nur die Zigaretten.

Es ist nie einfach. Es gibt nicht diese eine Ursache, die Professor Nedopil finden muss, damit er erklären kann, was anderen Menschen unerklärlich erscheint. Schon gar nicht im Fall Eckert.

Volker Eckert der LKW Mörder
Volker Eckert fuhr mit dem Lkw durch Europa. Suchte Frauen, an denen er seine Fantasien ausleben konnte

Nedopil hat sich wie immer akribisch vorbereitet. Die Staatsanwaltschaft in Hof ließ ihm die Akte zukommen. Eckert hatte bei der Polizei ein umfangreiches Geständnis abgelegt.

Er hat über die Jahrzehnte eine typische Vorgehensweise entwickelt, seinen eigenen Modus Operandi. Während seiner Auslandstouren durch Europa lockte er Prostituierte mit Geld in seinen Lkw und fiel dort über sie her. Würgte sie bewusstlos, zog sie aus, nahm dann einen Strick und hängte sie an der Decke seines Führerhauses auf. "Ich freute mich auf ihren Todeskampf", schrieb er einmal in einer Art Chronik seiner Morde, die er im Lastwagen verwahrte, um sich mit diesen niedergeschriebenen Erinnerungen wie mit einer Porno­zeitschrift zu befriedigen.

Er beschrieb darin, wie sehr es ihn erregte, die Frauen am Strick zappeln zu sehen. Wie sie langsam die Kontrolle über ihre Bewegungen verloren. Wie sie dann nur noch zuckten. Wie das Leben aus ihnen verschwand. "Ihr Gesicht wird dick, die Augen laufen rot an, die Lippen werden blau, Speichel läuft aus ihrem Hurenmaul", schrieb er und schwärmte von dieser "geilen Macht über Leben und Tod". Während sie starben, verging er sich an ihnen. Erlebte die schönsten Orgasmen, wie er schrieb. Filmte und fotografierte die röchelnden Frauen und sammelte "Trophäen", wie er es nannte. So konnte er sich immer wieder befriedigen, auch wenn er die Leichen längst aus seinem Lkw geworfen hatte.

Eckerts Tanklaster
Im Führerhaus seines Tanklasters zog Eckert die Gardinen zu. Die Prostituierten dachten, er wolle nur Sex. Doch dann begann er sein Ritual
© ZDF

Das Ausmaß von Eckerts grausamer Lust ließ Nedopil erschauern. Es gibt zwar Sadisten, die noch brutaler vorgehen, Täter, die den Opfern ihre Organe entreißen. Erschütternd war aber schon die schiere Zahl von Eckerts Taten: Sechs Morde hatte er gestanden, doch wahrscheinlich waren es etliche mehr. Dazu kamen Dutzende Frauen, die er nachts in Parks würgte und missbrauchte, aber am Leben ließ. Sein Verlangen schien so stark ausgeprägt, wie es Nedopil bisher bei keinem anderen Mörder begegnet war.

Zugleich fand der Psychiater in den Akten keine Hinweise auf die üblichen Probleme in der Biografie eines Sexualtäters, keine Berichte von Missbrauch oder überbordender häuslicher Gewalt.

Aber es gab etwas anderes, das noch viel interessanter war: Alle Opfer hatten langes Haar. Es schien vor allem eines zu sein, was Eckert wieder und wieder morden ließ. Er wollte, wie er selbst geschrieben hatte, immer und überall dieses "unglaublich weiche Haar" spüren können.

Die Ermittlung, die in diesen kalten Märztagen im Büro des Chefarztes stattfindet, führt nicht an Tatorte und Seziertische. Sie führt in Eckerts Kopf. Es ist die Suche nach dem Warum. Wie wurde Volker Eckert zu einem der schlimmsten Serienmörder Europas? Nedopil wird mit ihm über die Taten sprechen, über Sexualität, über seine Kindheit. Er wird zwischen den Themen springen. Jedes Detail wird in sein Gutachten einfließen. Aus ihm und den Erinnerungen von Nedopil an diese Tage lässt sich die Erkundung von Eckerts Psyche heute rekonstruieren.

Prof. Dr. Norbert Nedopil
In seinem Chefarztzimmer begutachtete der Psychiater Norbert Nedopil den Serienmörder. „Herr Eckert, wir brauchen keinen Eiertanz zu machen“, sagte er ihm. „Ich bin ein Profi auf meiner Seite, und Sie sind ein Profi auf Ihrer“
© Robert Fischer

"Ich will Sie kennenlernen", sagt der Professor. "Und, Herr Eckert, wir brauchen keinen Eiertanz zu machen. Ich bin ein Profi auf meiner Seite, und Sie sind ein Profi auf Ihrer."

Für Nedopil ist Eckert auch eine seltene Chance. Denn Eckert schreckt vor dieser Ermittlung nicht zurück. Er hätte sich auch weigern können, herzukommen. Aber er sagt, er wisse selbst, dass etwas mit ihm nicht stimme. Er wolle dazu beitragen, dass man ihn endlich versteht. Er wolle sich selbst endlich verstehen.

Eckert schämt sich in Nedopils Büro nur ein wenig, weil er am Wochenende im Gefängnis weder duschen noch die Kleidung wechseln durfte. Er wäre dem Professor an diesen besonderen Tagen gern gepflegter gegenübergetreten, sagt er. Er mustert den Psychiater. Nedopil ist noch ein bisschen kleiner als er. Er wirkt erfahren, mit dem weißen Bart. Und viel unaufgeregter als die Polizisten. Mit ihm würde man vielleicht über alles reden können.

Nedopil hat in der Akte einige Fotos aus Eckerts Trophäensammlung gesehen. Ein Polaroid fiel ihm besonders auf: dunkler Hintergrund, angeblitzt im Zentrum ein nackter Frauenkörper. Schlaff. Und blass. Am Hals Würgemale. Der Kopf hängt an einem Strick, die langen Haare fallen über das erstarrte Gesicht. Auf den unteren Rand des Polaroids hatte Eckert mit Kuli etwas geschrieben: "Miglena, 20 Jahre. Ich musste sie einfach erwürgen." Das Wort "musste" hatte Eckert unterstrichen.

Handschriftliche Notiz
Eckert hatte notiert: "Miglena 20 Jahre. Ich musste sie einfach erwürgen"

Miglena. Die Letzte. Der Professor schaut fragend. Wie war das?

Eckert erzählt, dass er bei dieser Tat aggressiver gewesen sei, weil die Tat davor ihn nicht genügend befriedigt habe. Und bei Miglena? "Ich habe mich richtig ausgelassen", sagt er. Als aber "die Kleine tot war", habe er auf einmal Mitleid mit ihr gespürt. Das erste Mal bei einem Opfer. Er habe sich gefragt, ob er da die Falsche erwischt habe, weil sie möglicherweise ein guter Mensch gewesen und nur durch unglückliche Umstände zur Prostitution gekommen sei. Üblicherweise sei eine Frau, die sich auf die Straße stelle, ein Mensch, der sich aufgegeben habe und den er verachte. Diese Letzte aber habe er als "Unglückliche" gesehen.

Nedopil fragt ihn, wie lange es bis zur nächsten Tat gedauert hätte, wenn er nicht festgenommen worden wäre. Oh, die nächste Tat, sagt Eckert, die wäre schneller passiert. Und sie wäre schlimmer gewesen als die Taten davor. Es sei mit jedem Mal schlimmer geworden. Er wäre vielleicht auch an den Punkt gekommen, dass ihn das Töten nicht mehr befriedigt hätte, er habe aber nicht gewusst, wie es zu steigern sei. Im Prinzip sei ihm aber, so schreibt es Nedopil später auch in seinem Gutachten, immer etwas Neues eingefallen. Ein anderer Strick. Eine neue Kameraperspektive. Irgendwas. "Ich habe mich immer wieder verbessert."

Polaroidfotos der Opfer
Polaroidfotos der Opfer
Diese Polaroidfotos fand die Polizei nach Eckerts Festnahme in seinem Lkw. Wären sie nicht verdeckt, sähe man seine Opfer mit Strick um den Hals. Die Polaroids und seine Worte darauf dienten ihm zur Befriedigung

Eckert redet. Nach Jahrzehnten hat endlich jemand die richtigen Fragen an ihn. Auch sein Verteidiger hatte ihn darum gebeten, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben, vielleicht würde es vor Gericht helfen, wenn er sich öffne. Eckert hatte mit diesen Sätzen begonnen:

Am 1. Juli 1959, morgens, wurde ich auf eine Reise geschickt, die ich am liebsten rückgängig machen würde. Es war der Tag meiner Geburt. … Mein Vater, ein Malermeister, der in Plauen arbeitete, und meine Mutter, Krankenschwester in Oelsnitz, hatten ihr Wunschkind zur Welt gebracht. Christian und Christel hatten einen Teufel gezeugt.

Nedopil spricht nie von einem Teufel, von einem Monster oder vom Bösen. Dies sind nicht die Kategorien eines Psychiaters. Für ihn ist Volker Eckert ein Proband, der ihn neugierig macht, weil er trotz allem gar nicht so weit weg ist von jenen, die nicht töten. Eckerts Verhalten erscheint unmenschlich. Doch für Nedopil ist auch das Monströse menschlich. Triebmörder haben Bedürfnisse wie andere Menschen, auch sie wünschen sich Nähe. Doch aus irgendeinem Grund, den Nedopil finden muss, erfüllte sich Eckert diesen Wunsch auf eine Art, die abnorm ist, kriminell und tödlich. Weil irgendetwas in seiner Psyche fehlgeschaltet ist, in dem komplexen System aus Bedürfnissen und deren Befriedigung. Und es muss eine zweite Fehlschaltung geben: Auch die Bremse ist defekt, die Empathie, die Menschen darin hemmt, anderen Leid zuzufügen. Das Mitgefühl mit den Opfern.

Nach außen hin hatte sich Eckert perfekt angepasst. Er hatte die letzten Jahre in einer kleinen Wohnung im fränkischen Hof gelebt. Die Nachbarn erinnern sich an einen freundlichen und zuverlässigen Mann. In den Augen seiner Kollegen führte er ein völlig normales Single-Leben, in dem der Beruf und die Beziehung zu seiner sieben Jahre jüngeren Schwester und seinem besten Freund als das Wichtigste erschienen. Selbst ein Mordermittler, der ihn vernahm, sagte, dass Eckert ein Typ sei, mit dem man abends ein Bier trinken würde.

In der Münchner Psychiatrie lässt er in diesen Tagen alle Tests über sich ergehen. Als die Ärzte seinen Körper begutachten, fällt das leichte Untergewicht auf, außerdem der eintätowierte Bundesadler auf der linken Schulter. Organe in Ordnung. Die neurologischen Tests der Reflexe ergeben nicht eine einzige Auffälligkeit, auch die Messung der Hirnströme liefert keinen besonderen Befund. Die Ärzte wollen noch einen Hirnscan machen, vielleicht finden sie dort etwas. Doch den Termin für den Kernspintomografen bekommen sie erst in zehn Tagen.

Beim Intelligenztest erreicht Eckert einen Quotienten von 109, das liegt deutlich über dem Durchschnitt. Und er bearbeitet die Aufgaben extrem schnell. Im Gespräch beweist er eine gute soziale Kompetenz. Auch Kreativität. Doch sein Einfühlungsvermögen scheint schwach ausgeprägt. Außerdem besitzt er eine leicht abschätzige Haltung gegenüber Frauen, die er aber zu verbergen versucht. Es fällt bei den Tests auch auf, dass er unter hohem emotionalem Druck die Fähigkeit verliert, kontrolliert und vernünftig zu handeln. Andererseits schafft er es aber, ungerührt und kühl über heftige Gewaltdarstellungen zu sprechen. Er erscheint überdurchschnittlich aggressiv.

Thematischer Apperzeptionstest
Das Bild legten ihm Psychologen vor. Sie wollten, dass er sich eine Geschichte dazu ausdenkt. Sie waren schockiert von seiner Fantasie

Es wird ihm die Kopie einer rätselhaften Zeichnung vor­gelegt, zu sehen ist darauf eine junge Frau in einem Bett, vielleicht ist sie schwer krank, vielleicht ist sie aber auch tot. Vor dem Bett steht abgewandt ein Mann, der mit dem Arm sein Gesicht verdeckt. Manche Probanden sehen in ihm einen Trauernden, doch Eckert assoziiert einen Auftragsmörder. Er denkt sich eine Geschichte aus. Der Täter, sagt Eckert, "wollte keinen Lärm machen, also konnte er nicht schießen. Er setzte sich auf ihren Oberkörper und legte seine Hände um ihren Hals. Dann drückte er zu. Nach wenigen Minuten war alles vorbei. Er schwitzte und freute sich auf ein kaltes Bier."

Die Psychologen sind schockiert, wie fantasievoll Eckert seine Idee ausschmückt. Mit welcher Hingabe er sich in den Kopf des würgenden Mörders versetzt.

Ihm gehe es in Haft eigentlich sehr gut, sagt Eckert, als sie sich nach seinem Befinden erkundigen. Er fühle sich seit der Festnahme geradezu befreit.

Das passt zu dem, was Professor Nedopil in der Akte über die Umstände seiner Ergreifung gelesen hatte. Die Polizei fasste Eckert knapp vier Monate zuvor auf einem Speditionsgelände in Wesseling bei Köln. Er wehrte sich nicht. Er sagte nur: "Ich bin froh, dass es endlich vorbei ist!"

Es war eher ein Zufall, dass sie ihn erwischten. Eckert war zwei Wochen vor seiner Festnahme wieder einmal in Spanien unterwegs, er steuerte einen Tanklastzug, dessen Ladung er in einem katalanischen Städtchen löschen sollte. In diesen Tagen war wieder dieses Gefühl in ihm, das, wie er sagte, wohl nur Epileptiker nachempfinden könnten. Die Betroffenen nennen es Aura, sie spüren, dass der Anfall kommt, dass er nicht mehr abzuwenden ist. Bei Eckert war es dieser unstillbare Durst, dieser Durst, sich einer langhaarigen Frau zu bemächtigen.

Aus Eckerts Aufzeichnungen:

Meine Fantasie hatte tausend verschiedene Versionen, die sich wie ein Film in meinem Kopf abspielten. Oft hatte ich Tagträume, konnte tagelang nichts essen, die Arbeit war hundertmal schwerer, und ich konnte mich nicht auf die einfachste Sache konzentrieren. So hatte ich manchmal Schwierigkeiten, einen Schlüssel für das passende Schloss zu erkennen, oder war nicht in der Lage, meine Schuhe zu binden.

Eckert fuhr gerade eine Landstraße südwärts Richtung Barcelona, es war gegen elf Uhr am Vormittag, da erblickte er nahe dem Ort Figueres eine junge Prostituierte, die am Straßenrand auf Kunden wartete. Miglena R., gerade 20 Jahre alt. Sie fiel ihm wegen der langen dunklen Haare auf.

Sie stieg die Stufen zur Beifahrertür hoch, gemeinsam fuhren sie weiter Richtung Süden bis zu einem verlassenen Parkplatz. Er zog die Vorhänge zu. Ob er sie gegen Aufpreis auch fesseln dürfe? Sí, sí. 50 Euro.

Danach war sie chancenlos. Er kniete sich auf sie und presste mit seinen beiden Daumen ihre Kehle zu. Dann zog er ein Seil fest um ihren Hals, um wirklich sicherzugehen. Er hatte schon mal eine unangenehme Überraschung erlebt, als eine der Frauen plötzlich wieder zu sich kam und er sie noch mal würgen musste. Er hängte Miglena R. auf, verging sich an ihr. Nebenbei schoss er Fotos für seine Trophäensammlung, benutzte diesmal auch den Selbstauslöser, weil er sich beim Würgen fotografieren wollte. Als er fertig war, ließ er ihre Leiche hinter dem Vorhang der Schlafkabine im Führerhaus liegen. Auch noch, als er 70 Kilometer weiter pünktlich die Ladung löschte. Er suchte sich eine geeignete Gegend etwas südlicher. Bog ab in ein Gewerbegebiet und wartete dort. Es wurde Abend, die Parkplätze vor den Industriehallen leerten sich. Er verharrte dort, bis es dunkel wurde, erst nach Mitternacht schleifte er die nackte Miglena durch den Sand und ließ sie hinter einem Erdhügel liegen. "Wie Müll lag sie da", sagte die Spaziergängerin, deren Hund am Tag darauf Miglena R. fand.

An Miglenas Schulter klebten noch Reste von abgeschnittenem Haar.

Ausgerechnet in diesem Gewerbegebiet installierte ein spanischer Sicherheitsmann am Tag des Mordes eine neue Videoanlage. Er wollte testen, wie gut die Kamera Objekte in der Ferne fokussieren konnte. Weit weg entdeckte er diesen weißen Tanklaster, er zoomte ran, die Aufnahme lief.

Tage später erkannte die spanische Polizei darauf das Logo von Eckerts Spedition. Interpol erließ einen internationalen Haftbefehl. Zwei Wochen nach dem Mord hatten sie ihn. Im Führerhaus fanden die Polizisten neben den Polaroids auch das Seil und das Haar. Es war nicht nur Miglenas Haar.

Nedopil hat in der Akte die Liste der Opfer gelesen. 2001, die dunkelhäutige Sandra O. bei Bordeaux. Da hatte Eckert noch kein Seil, sondern nahm einen Damenstrumpf. Im selben Jahr die Spanierin Isabel M., ihr kämmte er, als sie schon tot war, die Haare. Nach ihr legte er zwangsläufig eine Pause ein, denn er fand keine Opfer mehr. Die Frauen standen nur noch in Gruppen am Straßenrand, und keine ging mehr auf sein Angebot ein, sich gegen Aufpreis fesseln zu lassen. Offenbar, so schrieb er einmal, musste es in Europa so viele Prostituiertenmörder geben, dass die Frauen alarmiert waren. Erst 2005 beging er nach eigener Aussage den nächsten Mord, Mariy V. aus Russland, sie war es, die wieder zu sich kam. Bei der nächsten, Angnieszka B., beugte er sich daher noch einmal über sie, horchte nach einem Herzschlag, aber diesmal war da wirklich nichts mehr. Schließlich starb Miglena R.

Haare der Opfer
Wenn Eckert fertig war mit seinen Opfern, schnitt er ihnen die Haare ab und sammelte die Strähnen in Tüten. Es waren seine „Trophäen“, wie er sagte
© ZDF

Bei jeder Einzelnen war es der Höhepunkt für Eckert, "endlich ihr Haar zu durchwühlen", wie er schrieb. Danach schnitt er den Leichen einige Büschel ab, um sie in Tüten zu verwahren. Neue Trophäen. Später wühlte er in den gesammelten Strähnen. Die Fotos der Aufgehängten lagen dabei vor ihm. Er befriedigte sich selbst, bis ihm das nicht mehr genügte und er die Nächste suchte.

Professor Nedopil staunte beim Lesen, wie nah die Morde an den Prostituierten zeitlich beieinanderlagen, wie machtvoll Eckerts Trieb war. Und dass er so sehr auf diesen einen Teil eines Menschen fixiert war.

Im Chefarztbüro achtet er bei Eckert auf jede Regung. Kein Mensch kann sich über Stunden kontrollieren, seine Stimmlage, Hände, Füße. Bisher wirkte Eckert sehr ruhig. Emotionslos zählte er seine Taten auf, aber nun, da er dem Professor schildert, was er genau mit den Frauen tat, ist es anders. Seine Sprache ändert sich. Keine wohlgewählten Worte mehr. Die Frauen sind nun "Nutten" oder "geile Luder". Er atmet schneller, sein Gesicht wird rot. Ob er das richtig deute, fragt der Professor, und ihn das Thema errege? Ja, sagt Eckert. Er spricht von der "Vorfreude" vor jedem Überfall, "wie vor Weihnachten". Das freiwillige Fesseln sei die Lösung gewesen, um einen Kampf zu vermeiden, schließlich sei er nicht mehr der Jüngste gewesen.

Nedopil erfährt, dass Eckert eines der Polaroids sogar manipuliert hatte. Neben dem Hals der Frau hatte er zwei kleine Löcher in das Bild gestochen und eine Kordel hindurchgeführt. Er zog an der Kordel, und vor seinen Augen lief wieder ein Film, die strampelnde Frau, ihr langes Haar.

Der Psychiater weiß, dass Triebtäter sich an ihren Erinnerungen berauschen. Aber Eckert ging noch einen Schritt weiter: Er wollte das Würgen mit der Kordel in seinen Fingern wiederholen. Die Haare reichten ihm nicht, auch nach dem Würgen war er süchtig.

Der Professor würde einem Probanden niemals seinen Abscheu zeigen. Es würde nicht helfen bei der Suche nach dem Warum.

An dieser Stelle des Gesprächs freut sich Nedopil sogar. Eckerts Erregung zeigt ihm, dass er auf der richtigen Fährte ist. "Was wäre, wenn ich nun eine Frau wäre?", fragt er ihn. Eckert stutzt. "Sie wären mir zu alt!" Beide müssen lachen.

Eckert ist nun so offen, dass er von Nedopils Kollegin aus der Radiologie erzählt, die ihn zuvor untersuchte. "Wenn ich alleine mit ihr in einem dunklen Wald gewesen wäre…", sagt er. "Diese langen Haare."

Ein derartig mächtiges Verlangen kennt Nedopil nur von manchen Pädophilen. Doch woher rührt es bei Eckert?

Nedopil muss mehr erfahren über den Anfang. Über den jungen Eckert.

Alles begann, als ich zehn Jahre alt war. Bis dahin habe ich das männliche Geschlechtsteil immer nur als Organ zum Wasserlassen gesehen. Aber eines Tages waren da plötzlich ganz andere Gefühle. Angenehm, aber auch unheimlich. … In meiner Schulzeit saß ich meistens in der letzten Reihe. Und wir hatten mehrere langhaarige Mädchen in der Klasse, die sich in jeder Pause die Haare kämmten. … Ich begann, die Geeignete auszusuchen. Sylvia sollte es sein. Sie hatte schulter­lange dunkelblonde weiche Haare und schöne Brüste.

Eckert wuchs in Oelsnitz im Vogtland auf, in der DDR. Eine große, dunkle Wohnung, Altbau. Den "ekligen Mottenkugelgeruch" aus dem Treppenhaus habe er noch heute in der Nase, erzählt er Nedopil. In der Wohnung hatten sie kein eigenes Bad, auch keine Toilette, es gab nur ein Plumpsklo im Treppenhaus. Sein Vater war ein fleißiger, sanftmütiger Mann, der penibel die Hausaufgaben von Eckert und seinen beiden jüngeren Geschwistern kontrollierte. Gelegentlich habe der Vater den Kindern mit einem Hausschuh den Hintern versohlt. Die Mutter sei aggressiver gewesen. Sie habe auch den Teppichklopfer benutzt. Sie war ein Hausfrauentyp, hatte aber das Sagen. Beim Kochen habe sie gern gesungen. Zärtlichkeiten gab es kaum, aber er habe als Kind, wenn er Albträume bekam, zum Kuscheln in das Bett der Eltern steigen dürfen. An die Albträume könne er sich noch erinnern, seine Hände wuchsen darin zu riesengroßen Pranken an. Angsterfüllt wachte er dann auf.

Wie war das Verhältnis zu den Mitschülern?, fragt Nedopil.

Er sei eher ein Mitläufer gewesen. "Unter vielen Menschen fühlte ich mich nicht wohl."

Sein Einzelgängertum ist auffällig, es passt auch zu den psychologischen Tests.

Wie war das Verhältnis zu den Geschwistern?, will Nedopil wissen.

Seine kleine Schwester sei sein bester Kumpel gewesen, sagt Eckert. Er teilte sich ein enges Zimmer mit ihr, bis er 22 wurde. Er habe sie immer beschützt.

Und der Bruder?

"Mein Bruder war da, das war alles. Da waren meine Schwester und ich, wir kamen gut aus, was sollte der da noch?"

Kannte denn die Schwester seine Fantasien?

Nein, das habe er ihr nicht verraten.

Gefiel sie ihm?

Sie habe sich geschmeidig wie eine Katze bewegt, erinnert sich Eckert. Und sie sei hübsch gewesen, die Haare, lang und schwarz, wie die seiner Mutter. Die großen Augen. "Wenn ich das jetzt so erzähle, kommen mir die Tränen", sagt er. Aber sie sei immer unberührbar für ihn gewesen.

Als er 14 war, trennten sich seine Eltern. Der Vater sei aus der Wohnung geflogen und in ein Zimmer unter dem Dach gezogen. Eckert ist aufgebracht, als er dem Professor davon erzählt. "Das wird mir nie passieren", ruft er und hebt die Hand. "Da schuftet man sein Leben lang, tut alles, kümmert sich, gibt sein Geld ab, und dann wird man einfach so vor die Tür gesetzt. Einfach so. Das passiert mir nie. Das habe ich mir geschworen. Niemals!" Der arme Vater. Von da an hatte er Wut auf seine Mutter. Sie habe ihre Freundinnen als Schlampen bezeichnet. Ausgerechnet sie.

Zu dieser Zeit etwa fing der Teufel in mir mit ganzer Kraft an zu arbeiten. Immer öfter dachte ich daran, wie ich eine langhaarige Frau würgte. Ich sträubte mich dagegen, aber umso schlimmer wurde es. Ich hatte einfach keine Erklärung, warum das so war. Es machte mich wahnsinnig.

Im Klassenzimmer sei Sylvia das Mädchen gewesen, das am nächsten zu ihm saß. Sie sei genauso eingebildet gewesen wie die anderen, sagt Eckert, "von oben herab", und wie sie mit den anderen kicherte, ihn auslachte.

Nedopil lässt Eckert mit seinen Fragen wieder in die Erinnerung springen. Die Erregung kommt zurück.

Der erste Mord eines Probanden ist für den Professor immer der wichtigste. Oft wird er für den Täter zu einer Vorlage, die seine spätere Vorgehensweise prägt. Die Abläufe sind noch nicht so geschliffen wie bei den Taten danach, der Mörder hat noch keinen Erfahrungsschatz, noch keine Masche. Er verlässt sich ein Stück weit auf seine Instinkte. Das verrät viel über ihn und seine Motive. Vor allem wenn der Täter noch so jung ist, wie es Eckert damals war.

Es war der 7. Mai 1974. Sylvia wohnte nur drei Türen weiter, das Dachgeschoss der Mehrfamilienhäuser war verbunden, und so konnte er ungesehen von seinem Treppenhaus hinüber in das von Sylvia schleichen. Es war nach der Schule, er war schnell nach Hause gerannt. Konnte von oben die Straße beobachten. "Als ich sie kommen sah, klopfte mein Herz wie ein riesiger Stahlhammer." Er hörte, wie sie die Wohnungstür aufschließen musste. Es war wohl keiner zu Hause, der ihr aufmachen konnte.

Ich war aufgeregt wie noch nie in meinem Leben. Aber ich zögerte nur kurz und klingelte an ihrer Wohnungstür. Sie öffnete, in Jeans und grünem Pullover. Ihre großen Brüste fielen mir sofort auf. Ihre Haare waren frisch gekämmt. Ich entschuldigte mich wegen der Störung und fragte nach der Hausaufgabe in Chemie. Sie ging ins Wohnzimmer, um das Chemiebuch zu holen, und ich betrat die Wohnung und schloss die Tür.

Als sie wieder mit dem Buch vor ihm stand, zählte er in Gedanken bis drei, dann stürzte er sich auf sie und legte seine Hände um ihren Hals. "Das Würgen war viel schwerer, als ich dachte." Seine Finger schmerzten bald. Doch dann sackte sie bewusstlos zusammen, lag im Türrahmen, die Beine im Kinderzimmer, der Oberkörper im Flur. Er war wütend auf Sylvia. "Sie spielen mit ihren Haaren, machen dich verrückt, und wenn du in ihre Nähe kommst, dann bleiben sie kalt und lassen dich nicht hin." Aber nun hatte er sie endlich, konnte mit beiden Händen in ihren Haaren wühlen. Es erregte ihn. Aber er wusste auch, dass er ein Verbrechen begangen hatte und die einzige Zeugin noch atmend vor ihm lag. Also brachte er es mit einer Wäscheleine, die er hinter einem Vorhang fand, zu Ende. Er schlich denselben Weg zurück. Zu Hause sei er endlich ruhig und zufrieden gewesen, er habe auch keine Angst gehabt, im Gegenteil, er habe endlich wieder Appetit verspürt, sogar einen richtigen Heißhunger bekommen. Er dachte: "Ich habe es geschafft, ich bin ganz toll." Kein schlechtes Gewissen, stattdessen ein gottgleiches Gefühl. Nach dem Essen befriedigte er sich selbst.

Nedopil fällt in dem Gespräch die zeitliche Nähe der Tat zur Trennung der Eltern auf, er erinnert sich an die Wut Eckerts auf die Mutter.

Der Professor erklärt Eckert die Theorie des chiffrierten Matrizids. Der symbolische Muttermord. Bei ihm wird die Wut auf die meist dominante Mutter an einer anderen Frau ausgelassen.

Ja, sagt Eckert, das habe schon was für sich. Doch Nedopil bleibt skeptisch. Es erklärt nicht genug. Da waren zwar Frustration und Wut, aber woher kam die gleichgültige Hemmungslosigkeit, mit der er seine Aggression an Sylvia austoben konnte? Und warum waren ihm die Haare so wichtig, dass er dafür zu töten begann?

Eckert sagt, er habe nach diesem ersten Mord gehofft, dass damit Ruhe einkehren würde. Er habe gedacht, wenn er es einmal in die Tat umsetzt, einmal "die Spitze" erreicht, würde dies sein Verlangen stillen.

In den Tagen nach dem Mord hörte er verwundert das Gerede der Mitschüler und Nachbarn. Sylvia habe sich nach einem Streit mit ihrer besten Freundin zu Hause selbst erhängt. Das hatte die Volkspolizei so festgestellt. Sylvias Eltern, der Stiefvater war selbst Polizist, blieb nichts anderes, als den schlampigen Ermittlern zu glauben. Die Wahrheit würde die Mutter erst 30 Jahre später erfahren.

Haare

Eckert war damals erleichtert und stolz, dass er "etwas geschafft hat, was niemand kann". Vor den Klassenkameraden heuchelte er Trauer. Er lebte weiterhin das scheinbar unbeschwerte Leben eines Jungen, der langsam zum Mann wird. Fahrradtouren. Kinoabende. Disco.

Er erzählt Nedopil, dass er einige Monate nach dem Mord mit seiner ersten Freundin zusammenkam. Marlies.

Haben Sie mit ihr geschlafen?, fragt Nedopil.

Ja. Marlies habe ihm gezeigt, wie es funktioniert. Sie wollte ständig. Aber der Sex in seinen Fantasien sei ein anderer gewesen, viel befriedigender als der mit Marlies. Er fing an, sich das Würgen vorzustellen, während er mit ihr schlief. Dann klappte es besser. Als sie nach ein oder zwei Jahren Schluss machte, verlor er kurz die Beherrschung, stürzte sich auf sie und legte seine Hände um ihren Hals, ließ aber nach einigen Sekunden ab.

Damals dachte ich, das Töten von Sylvia würde meinen Qualen ein Ende setzen. Anfangs war das auch so. Aber Ende 1977 war ich wieder an einem Punkt angekommen, an dem ich fast Tag und Nacht nur an eines denken konnte. … Ich brauchte alle Kraft, um für andere Menschen normal zu wirken. Damals wurde mir langsam klar, dass ich ein Leben lang anders sein werde.

Die Unersättlichkeit ist das typische Merkmal eines perversen Triebtäters, weiß Nedopil. Ein Sadist will sich immer weiter steigern. Das Abflauen des Drucks nach jeder Tat ist charakteristisch, aber die Ruhephase hält im Laufe der Zeit immer kürzer an. Das Gespräch der beiden Männer hangelt sich nun in sachlichem Ton von einem Frauennamen zum nächsten. Hier und da zeigt Eckert Erregung, aber sonst sind seine Mimik und Gestik spärlich.

Die nächste Tat beging er 1978, er war 18 und gerade im zweiten Lehrjahr als Maler. Er überfiel eine Frau, die er den Abend über in der Disco beobachtet hatte. Er glaubte, sie erwürgt zu haben, aber sie überlebte und konnte ihn identifizieren. Er wurde lediglich wegen "Nötigung und Missbrauch zu sexuellen Handlungen" verurteilt. 18 Monate saß er in Haft.

Danach folgten Jahre, in denen er tagsüber im Krankenhaus die Böden wischte, um Geld zu verdienen, und nachts durch die Parks und dunklen Straßen seiner Heimatstadt Plauen streifte, auf der Suche nach einer Frau. Es war immer das Gleiche: Er näherte sich von hinten, würgte, bis sie bewusstlos war. Weil er sich sicher war, dass sie ihn nicht erkannte, ließ er von ihr ab, bevor ihr Herz aufhörte zu schlagen. Jahrelang blieb er unerkannt.

Wie viele waren es?

30 vielleicht, sagt Eckert. Verteilt über etwa fünf Jahre. Nach jeder Tat habe er sich zu Hause befriedigt.

Welche Frauen?

Immer mit langen Haaren, sagt er. Die Haarfarbe sei egal gewesen.

Doch ausgerechnet als er Ende der 80er Jahre seinen Reisepass im Polizeipräsidium abholen wollte, um in die Bundesrepublik ausreisen zu können, erkannte ihn ein Ermittler in der Menschenschlange. Er hatte dieselben Klamotten an wie beim letzten Überfall, das Opfer hatte sie der Polizei beschrieben.

Wieder Gefängnis. Draußen fiel die Republik in sich zusammen, und es interessierte sich kaum noch jemand für die Häftlinge. 1994, als er sechs der zehn Jahre wegen versuchten Mordes abgesessen hatte, kam er frei. Die Therapeuten, die eine Prognose stellten, fragten nur oberflächlich. Der Drang habe nachgelassen, log Eckert. Er wurde Lkw-Fahrer. Er hatte von den neuen Möglichkeiten der DNA-Analyse gehört und war überzeugt, dass die Polizei in Deutschland seine DNA hatte. Und so kam er Ende der 90er Jahre auf die Idee mit den Auslandsfahrten.

Zwischen der Haft und dem ersten Prostituiertenmord liegen sieben Jahre. Was passierte dazwischen?, will Nedopil wissen.

Da war nichts, sagt Eckert. Er zog nach der Haft in den Westen, nach Franken, dort lebte inzwischen seine Schwester mit ihrem Sohn, den Eckert sehr mochte. Und im Westen gab es Beate Uhse. Er habe sich eine lebensgroße Gummipuppe gekauft, der er verschiedene Perücken überzog.

Wurden Sie eigentlich aufgeklärt, Herr Eckert?, fragt der Professor irgendwann.

Nein, antwortet Eckert. Er habe gar nicht gewusst, wie Sexualität überhaupt funktioniere. Bis Marlies es ihm zeigte. Er dachte, er müsse sein Glied an ihr reiben. Wie damals am Bettkasten.

Damals? Was war damals?

Vielleicht sei er zehn gewesen, vielleicht auch erst neun.

Nedopil ist überrascht, denn so früh kommen Jungen selten in die Pubertät.

Eckert spielte mit der Puppe seiner Schwester. Sie war etwa einen Meter groß, die Arme und Beine waren beweglich. Ihre langen schwarzen Haare hatten ihm schon immer gefallen. So lang und schwarz wie die seiner Mutter und der Schwester.

Die Puppe lag damals bäuchlings neben ihm auf dem Bett, während er sich an der Matratze rieb. Der Orgasmus machte ihm Angst. Er überlegte kurz, ob er mit seiner Mutter darüber sprechen sollte. Aber es gefiel ihm auch, also behielt er es für sich. So würde er es nun wieder machen, in den Haaren der auf dem Bauch liegenden Puppe wühlen und sich dabei befriedigen.

Ob er mit jemandem darüber gesprochen habe, will Nedopil wissen.

Nein. Er sei noch so jung gewesen, sagt Eckert. Es habe damals niemanden in seiner Klasse gegeben, mit dem er das teilen konnte. Er ahnte, dass es vielleicht nicht normal war, aber er hatte auch einmal davon gehört, dass jeder Junge verschiedene Phasen durchmache. Er müsste es nur hinter sich bringen.

Diese Phase der beginnenden Pubertät interessiert Nedopil. Jeder Junge probiert aus, wie er Sexualität für sich als richtig empfindet. Er entwickelt seine eigene Fantasien, probt in seinen Gedanken das, was er später tatsächlich erleben will. Die meisten orientieren sich an Vorbildern, an Freunden, an Filmen, Pornozeitschriften. Sie küssen, weil andere küssen. Entwickeln auf diese Weise ähnliche, akzeptierte Vorlieben, die sie ein Leben lang behalten.

Warum die Puppe?, fragt Nedopil.

Eckert kann sich nicht erinnern. Ob es nur ein Zufall war oder ob sie ihn reizte, weil sie so schöne Haare hatte wie seine Mutter und seine Schwester. Er weiß nur, sagt er dem Professor, dass seine Schwester auch eine Puppe mit kurzen Haaren hatte. Die habe ihn nicht interessiert.

Haben Sie als Kind mit den Haaren Ihrer Mutter gespielt?

Ja, er glaube schon, sagt Eckert. Da gab es später auch dieses Haarteil der Mutter, das er auf dem Dachboden gefunden hatte. Es war wohl gefertigt aus den Haaren, die sie sich abgeschnitten hatte, als er noch ein kleiner Junge war. Als sie damals zur Schere griff, sei er sehr schockiert gewesen, weil "ein Stück Mutter verloren ging". Nun hatte er es wieder. Er habe heimlich damit gespielt, und auch das habe ihn sexuell erregt. Er habe sich daran befriedigt.

Die Haare wurden zu seinem Fetisch. Psychologen definieren damit ein meist lebloses Ersatzobjekt, das der sexuellen Befriedigung dient. Auch Körperteile können zum Fetisch werden, Füße zum Beispiel. Bei Eckert wurden die Haare wichtiger als alles andere, das zu einer Frau gehört. Einen Mund fand Eckert nie anziehend. Er habe auch später nicht gern geküsst, auch nicht seine Freundinnen.

Anders als andere Menschen mit einem Fetisch, die sich an Schuhen oder Unterwäsche befriedigen, hatte er das Problem, dass man sich Haare nicht so einfach beschaffen kann.

Warum blieben Sie nicht bei der Puppe?, fragt der Professor.

Die sei langweilig geworden. Bei Menschen gebe es eine Geschichte dazu, sagt Eckert.

Er stellte sich vor, in den Haaren seiner Mitschülerinnen zu wühlen. Aber keines der Mädchen würde ihm das gestatten. Er musste sie in seinen Gedanken "ruhigmachen", ohnmächtig, nur so erschien es ihm realistisch genug. Das Würgen wurde Teil eines Skripts, eines Films, den er sich vorstellte und in dem er die Macht besaß, sein Verlangen zu stillen. Und an dieser Vorstellung befriedigte er sich immer wieder selbst.

Nun erklärte sich vieles für Nedopil. Der Orgasmus ist einer der wichtigsten Verstärker, um ein Verhaltensmuster zu festigen. Mit jedem, den Eckert erlebte, setzte sich ein sadistisches Ritual in seinem Gehirn fest, wie ein Trampelpfad, aus dem irgendwann eine rauschende Autobahn wird. Und der Mord an Sylvia wurde eben nicht, wie er sich das erhoffte, die Tat, die seinen Durst stillen würde. Sie wurde zum Gegenteil, zu der Tat, die sein Verlangen nur noch größer machte. Er wollte immer mehr davon, immer häufiger, immer heftiger.

Ich weiß, dass ich ein Monster bin. Ich habe diesen Trieb, Frauen zu erwürgen, nicht mehr unter Kontrolle. Es ist, als wäre eine zweite Person in mir.

Wie ein Puzzle fügt sich das Bild von Eckert. Es passt alles zusammen, denkt Nedopil, auch die Wut, die Eckert beschreibt, als er den Mord an der dunkelhäutigen Frau aus Bordeaux schildert. Er hatte sie schon am Strick, da sah er erst, dass sie eine Perücke trug. Wie er tobte. Voller Zorn über diesen Betrug an ihm warf er die Leiche später aus dem Lkw.

Das Gericht hat den Professor darum gebeten, das Risiko eines Rückfalls zu beziffern. Er schätze es auf 70 bis 80 Prozent, wird Nedopil nach den Gesprächen in sein Gutachten schreiben. Es gibt kaum eine Sucht, die stärker ist als die eines sadistischen Fetischisten. Eckert verliere bei seinen Überfällen auf die Frauen die Kontrolle über sich selbst, der Trieb sei zu stark. Getötet aber habe er wohl nicht wegen seines Triebs, sondern weil er verhindern wollte, dass die Frauen zur Polizei gehen. Das Töten an sich habe ihn nach eigener Aussage weniger gereizt, es ging ihm vor allem um das Würgen, später das Aufhängen.

Eckert leide an einer Paraphilie, einer psychisch bedingten sexuellen Abweichung. Er gehöre nicht ins Gefängnis, sondern in die Psychiatrie, obwohl es wenig Hoffnung gebe, ihn therapieren zu können.

Volker Eckert ahnte, schon bevor er in dieses Zimmer trat, dass er wohl nie mehr freikommen würde.

Sie sind nun fast am Ende ihres Gesprächs.

Wie fühlen Sie sich nun?, fragt der Professor.

"Es ist toll, dass ich hier sein durfte", antwortet er. "Ich habe mich wohlgefühlt, das erste Mal seit langer Zeit konnte ich wieder lachen. Endlich habe ich mit jemandem geredet, vor dem ich mich nicht verstecken musste."

Und die Haft?

Er wünsche sich nur ein paar Dinge, sagt er dem Pro­fessor. Eine Einzelzelle, eine halbwegs vernünftige Arbeit, Bücher und einen Fernseher.

Vielleicht sollte er über eine Kastration nachdenken, sagt Nedopil. "Sie werden unter den Qualen Ihrer Sexualität leiden, wenn Sie nichts dagegen unternehmen."

Eckert reagiert darauf nicht.

Er verlässt das Zimmer des Professors wieder mit trauriger Miene, er wäre gern länger geblieben.

Nedopil ist zufrieden. Er hat verstanden, wie die Haare und das Würgen zu Eckerts wichtigstem Lebensinhalt wurden. Aber eine Frage ist noch offen: Warum wurde Eckerts Verlangen schon so früh so unfassbar stark? Wie konnte er schon als 14-Jähriger seine Mitschülerin so kaltblütig ermorden? Er selbst hatte zuvor keine schwere Gewalt erfahren. Seine Kindheit war zwar nicht unbeschwert, doch was er darüber berichtet hatte, klang vergleichsweise harmlos.

Prof. Dr. Norbert Nedopil
Prof. Dr. Norbert Nedopil
© Robert Fischer

Knapp zwei Wochen später erreicht den Professor das letzte Puzzleteil. Man hatte Eckert inzwischen in den Kernspintomografen geschoben. Im vorderen Bereich seines Gehirns fiel dem Radiologen etwas auf. Helle Flecken in der Hirnregion, in der man die Steuerung der Emotionen und die Impulskontrolle eines Menschen vermutet. Könnten daher die Unkontrollierbarkeit seines Verlangens und auch die Kälte, die fehlende Empathie während seiner Taten kommen? Professor Nedopil konsultiert einen Neurologen. Der vermutet, dass es sich um Narben handelt, die durch Entzündungen der kleinen Blutgefäße entstanden sind. Vielleicht die Folge einer Vaskulitis, einer autoimmunologischen Gefäßerkrankung, die unbemerkt blieb. Eckert selbst konnte sich an keine Erkrankung erinnern, auch nicht an einen Unfall, bei dem er sich am Kopf verletzt hätte.

In einem der Fachaufsätze, die Nedopil später über Eckert publizieren wird, äußert er den Verdacht, dass durch eine Erkrankung im Gehirn eine Persönlichkeitsveränderung stattgefunden habe. Dies war womöglich die Voraussetzung für Eckerts spätere Perversion und seine Brutalität. Bei einem Gesunden hätten das Erleben der ersten Sexualität und die Frustrationen im Elternhaus wohl nicht eine solch heftige Prägung hervorgerufen.

Im Sommer 2007 steht die Gerichtsverhandlung kurz bevor. Eckert hat Angst vor den Zuschauern. Er berät sich mit seinem Verteidiger Alexander Schmidtgall. Der nimmt sich vor, einen Neurologen als Zeugen laden zu lassen. Er will sich dieser fast rechtsphilosophischen Frage nähern: Welche Verantwortung trägt Eckert? Und welche der Teufel in seinem Gehirn?

Die Polizei ermittelt unter Hochdruck weitere ungelöste Mordfälle in Europa. Eckert bereiste mit seinem Lkw auch England, Griechenland, Italien, Polen, Tschechien und Skandinavien. Überall gab es ungeklärte Prostituiertenmorde. Sie prüfen Handydaten, Tankbelege und Mautquittungen. In Frankreich hob er 2002 einmal an einem Automaten Geld ab, in der Nähe wurde in diesen Tagen Benedicta E. ermordet. Die Ermittler finden heraus, dass er in Tschechien und Norditalien war, als dort Frauen starben. Und in Plauen ist seit 1987 der Mord an Heike W. ungelöst, auch sie war erdrosselt worden.

In seinen eigenen Aufzeichnungen erwähnt Eckert zehn Opfer. Einige habe er sich aber nur ausgedacht, um sich daran zu erregen. Sechs habe er tatsächlich getötet.

Nedopil hat ihm im Gespräch signalisiert, dass er davon ausgehe, nicht alles zu erfahren, dass es wohl Geheimnisse geben werde, die Eckert für sich behalte. Das macht Nedopil gern, um Vertrauen aufzubauen. Eckert entspannte sich daraufhin sichtlich. Sein Lächeln zeugte von Dankbarkeit.

Am 1. Juli 2007, kurz vor Prozessbeginn, wird Eckert im Gefängnis 48 Jahre alt. In den acht Monaten seit seiner Festnahme hat ihn seine Schwester nur ein einziges Mal besucht. Ihr Bruder und sie hätten früher eine sehr enge Bindung gehabt, hat die Schwester der Polizei gesagt. Aber das ist vorbei. Sie hat mit ihm gebrochen. Sie kommt nicht mehr wieder, auch nicht an seinem Geburtstag.

In seiner Zelle wartet Eckert, bis es Nacht wird, dann bindet er aus einer Gardine seinen letzten Strick und erhängt sich.

Hören Sie auch die Podcast-Episode zu diesem Fall

Im stern-Crime-Podcast "Wahre Verbrechen" zu diesem Fall erzählt der forensische Psychiater Norbert Nedopil über den extremsten Mörder, den er je begutachtet hat. Christian Redl liest dazu Passagen aus der Geschichte. 

Mit Recherchen von Helmut Reister. Erschienen in stern Crime 12/2017