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Krankenhausführer: Das gläserne Krankenhaus

Ein gutes Krankenhaus zu finden ist Glückssache, dabei gibt es seit Jahren strenge Qualitätskontrollen an deutschen Kliniken. Bislang wurden die Ergebnisse unter Verschluss gehalten, nun veröffentlichen immer mehr Kliniken sie. Zwar noch auf freiwilliger Basis, aber das könnte sich schon bald ändern.

Von Jens Lubbadeh

Wie gut ist ein Krankenhaus? Dies kann man anhand seiner internen Operations-Statistiken erkennen - doch diese Daten sind meistens nicht öffentlich. Noch nicht

Wie gut ist ein Krankenhaus? Dies kann man anhand seiner internen Operations-Statistiken erkennen - doch diese Daten sind meistens nicht öffentlich. Noch nicht

Ob die Gallenblase raus oder ein neues Hüftgelenk rein muss - Operationen sind meist tiefe Eingriffe in den Körper, bei denen der Patient keine bösen Überraschungen erleben will. Umso wichtiger ist daher die Wahl des richtigen Krankenhauses.

Der Hamburger Krankenhausspiegel ist ein Vorstoß in Sachen Transparenz

Je mehr Erfahrung ein Arzt hat, desto besser die Qualität der Operation. Entscheidend ist, wie oft eine Operation an einem Krankenhaus gemacht wird. Wie oft kam es dabei zu Komplikationen? Wie viele Menschen starben womöglich bei der Operation? Alles Fragen, die Patienten gerne stellen würden - und zwar bevor sie sich für ein Krankenhaus entscheiden.

Antworten erhalten nun zumindest Hamburger Patienten. In der Hansestadt haben sich 20 Kliniken zusammengeschlossen und unter www.hamburger-krankenhausspiegel.de bislang interne Daten über die Qualität ihrer Behandlungen veröffentlicht. Drei weitere Kliniken wollen sich im Laufe des Jahres anschließen - damit sind fast alle Krankenhäuser der Hansestadt im Krankenhausführer vertreten.

"Wir haben uns entschieden, den Patienten Transparenz zu bieten", sagt Marco Tergau, Sprecher des Hamburger Krankenhausspiegels. Dort findet man nach neun Operationen sortiert knallharte Statistiken: Wie viele Patienten wurden wegen Brustkrebs operiert? Wie oft gab es Komplikationen, als die Gallenblase entfernt wurde? Wie viele Leute starben, als der Herzschrittmacher eingesetzt wurde? Der Krankenhausführer liefert die Zahlen für fast alle Hamburger Kliniken - allerdings nur für das Jahr 2005.

Die Qualitätsberichte der Krankenhäuser sind Mogelpackungen

Qualitätskontrollen an deutschen Krankenhäusern gibt es schon lange - und zwar mehrfach. Seit 2005 muss jedes deutsche Krankenhaus alle zwei Jahre einen Qualitätsbericht abliefern. Der Name der oft seitenlangen Dokumente, die vor Tabellen nur so strotzen, ist allerdings eine Mogelpackung. Denn der Qualitätsbericht sagt nichts aus über die Qualität der Operationen und des Krankenhauses selbst. Stattdessen enthält er Basisdaten: Wie viele Betten gibt es, wie viel Personal, wie viele Patienten, was wird behandelt und welche Geräte hat das Krankenhaus. Die Qualitätsberichte aller deutschen Krankenhäuser sind online unter www.g-qb.de abrufbar.

Die wirklich interessanten Daten der Krankenhäuser stehen im BQS-Qualitätsreport - eine Art Zeugnis für das jeweilige Krankenhaus. Da geht es im wahrsten Sinne des Wortes an die Eingeweide: Wie viele Patienten haben sich an einem Krankenhaus die Gallenblase rausnehmen lassen? Bei wie vielen gab es Schwierigkeiten? Wie viele starben bei der Operation?

Nur wenige Krankenhäuser veröffentlichen freiwillig ihre Zeugnisse

Der "BQS-Qualitätsreport" ist eine riesige Sammlung von Daten. Sie enthält die jährlichen internen Statistiken von rund 1500 deutschen Kliniken mit 2,6 Millionen behandelten Patienten und 19 erfassten Krankheiten seit dem Jahr 2001. Doch leider ergibt sich daraus nicht etwa ein Zeugnis für eine einzelne Klinik, sondern nur für Deutschlands Kliniken im allgemeinen - denn die Daten sind anonymisiert und nur bundesweite Durchschnittswerte werden veröffentlicht (www.bqs-outcome.de).

Das aber dürfte eher Statistiker interessieren als den einzelnen Patienten. Der will nicht wissen, ob in Deutschland 2006 weniger Mütter bei der Geburt gestorben sind als 2005, sondern wie viele Mütter in einer bestimmten Klinik gestorben sind. "Diese Daten dienen vorwiegend dazu, dass jede Klinik sehen kann, wo sie im Vergleich steht - und ihre Qualität womöglich verbessern kann", sagt Marco Tergau.

Ein Klinik-Zeugnis kann nur veröffentlicht werden, wenn die Klinik dem zustimmt. Die Veröffentlichung aller Zeugnisse wäre bei der Wahl des Krankenhauses aber eine enorme Orientierungshilfe für die Patienten. Doch die meisten Krankenhäuser lassen sich nicht gerne in die Karten gucken, nur wenige Kliniken geben ihre Zeugnisse freiwillig heraus. Deshalb gibt es in Deutschland neben dem Hamburger auch nur drei weitere regionale Krankenhausspiegel: den Berliner-, den Klinik-Führer Rhein-Ruhr und den Bremer Klinikführer.

Der Klinik-Führer Rhein-Ruhr zeigt auch Patienten-Umfragen

Doch ganz so freiwillig entsteht so ein Klinikführer auch nicht immer. Im Falle des Berliners war der Berliner "Tagesspiegel" die treibende Kraft für die Veröffentlichung der sensiblen Daten. Ingo Bach, Redakteur beim "Tagesspiegel", hatte das Projekt initiiert und traf zunächst auf massiven Widerstand: "Wir mussten viele Kliniken erst überzeugen mitzumachen. Das war nicht ganz einfach. Der Konkurrenzdruck unter den Kliniken in Berlin ist sehr hoch und die Angst war groß, dadurch womöglich Patienten zu verlieren."

Doch letztlich spielten alle Kliniken mit - bis auf die renommierte Charité. Die weigerte sich anfangs, ihre Daten herauszugeben. "Für die zweite Auflage des Klinikführers, die im Juni erscheinen wird, hat die Charité allerdings nun auch voll kooperiert", sagt Bach.

Vorbildlich ist der Klinik-Führer Rhein-Ruhr. 74 Kliniken haben dort mitgemacht - das sind zwar nur die Hälfte der Krankenhäuser der gesamten Region. Dafür aber haben sie noch mehr Zeugnisdaten herausgerückt als die Hamburger Krankenhäuser - und zusätzlich stehen neben diesen Ergebnissen auch noch die Basisdaten der Krankenhäuser aus den Qualitätsberichten. Ganz besonders hilfreich aber sind die Bewertungen der Patienten selber: 40.000 behandelte Patienten gaben ihr Urteil über die jeweilige Klinik ab, in der sie operiert worden waren. Sie durften die Qualität der Behandlung, die Ärzte und die Pflege bewerten. Aber auch die Ärzte kamen zu Wort: Die Klinik-Empfehlungen von insgesamt 2500 Ärzten helfen dem Patienten, sich ein umfassendes Bild der jeweiligen Klinik zu machen.

Ulla Schmidt will mehr Transparenz im Gesundheitswesen

So schön die regionalen Beispiele Hamburg, Berlin und Rhein-Ruhr den Trend zu mehr Transparenz im Gesundheitswesen demonstrieren - für den Patienten wäre ein bundesweiter Krankenhausführer wünschenswert.

Das will auch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt: "Ohne Transparenz wird man auf Dauer Qualität nicht sichern können", sagte sie auf einer Konferenz in Berlin, wo es um Qualitätssicherung im Gesundheitswesen ging.

Erste bundesweite Vorstöße haben die Krankenkassen gemacht. Doch auch sie durften vorerst nur auf die öffentlichen Daten zugreifen. Unter www.klinik-lotse.de kann der Patient aber immerhin die sperrigen Qualitätsberichte besser aufgearbeitet einsehen. Eine Suchfunktion ermöglicht es zudem, Krankenhäuser nach Qualitätskriterien wie Mindestbettenanzahl oder Behandlungsarten herauszusuchen.

"Sofern einzelne Krankenhäuser freiwillig ihre Zeugnisdaten veröffentlicht haben, sind auch diese im Klinik-Lotsen enthalten", sagt Daniela Riese vom Verband der Deutschen Angestellten-Krankenkassen, die für den Klinik-Lotsen verantwortlich ist. Sie glaubt, dass die Veröffentlichung der heiklen Klinik-Zeugnisse bald Vorschrift werden könnte.

Zeugnis-Veröffentlichungen könnten bald Vorschrift werden

Die entscheidende Rolle bei einer Änderung der Vorschriften wird der Gemeinsame Bundesausschuss spielen, der für Transparenz und Qualität im Gesundheitswesen zuständig ist. Sein Vorsitzender, Rainer Hess, sprach sich für eine bundesweite Krankenhaus-Informationsplattform aus. Dabei sollten auch Zertifizierungen und Qualitätssiegel künftig eine zentralere Rolle spielen.

Für Daniela Riese ist die Veröffentlichung der Krankenhaus-Zeugnisse nur noch eine Frage der Zeit. "Demnächst wird es eine Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses geben, ob und wieviele Kriterien in Zukunft verpflichtend veröffentlicht werden müssen", verrät sie.

Doch dass man die Transparenz im Gesundheitswesen so weit treibt wie im Service-Paradies USA ist unwahrscheinlich: Im Bundesstaat New York kann man sogar sehen, wie oft operiert wird - und zwar nicht nach Krankenhaus, sondern nach Arzt.

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