Luftschadstoffe Ozon-Alarm in Deutschland


Wer unter Kopfschmerzen und Atembeschwerden leidet, muss keine Sommergrippe befürchten: Schuld ist das heiße Wetter, das die Ozonwerte in ganz Deutschland in alarmierende Höhen schnellen lässt. Umweltschützer fordern Fahrverbote.

"Deutschland hat Fieber", sagt Wetterexperte Jörg Kachelmann. Der Sommer liefere sich "im Augenblick ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Rekordsommer 2003". Der intensive Sonnenschein, hohe Lufttemperaturen, geringe Windgeschwindigkeiten und niedrige Luftfeuchtigkeit lassen die Ozon-Konzentration rasant ansteigen: Auch für diesen Donnerstag erwartet das Umweltbundesamt (UBA) in Dessau hohe Ozonwerte in weiten Teilen Deutschlands.

Nachdem am Mittwoch vor allem in Baden-Württemberg sehr hohe Werte gemessen wurden, falle eine Prognose über besonders belastete Regionen am Donnerstag schwer, sagte der UBA-Ozonexperte Berndt Kahra. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass am Donnerstag die Marke von 240 Mikrogramm überschritten wird." Erreicht die Ozon-Konzentration diesen Wert, werden die Bürger gewarnt.

Der höchste Wert am Mittwoch wurde in Freiburg im Breisgau mit 239 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft festgestellt. Auf dem Fichtelberg in Sachsen seien 230 Mikrogramm ermittelt worden, ebenso hoch war die Belastung in Wesel/Feldmark in Nordrhein-Westfalen. Der Schwellenwert liegt bei 180 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Atembeschwerden, Bronchitis, Kopf- und Brustschmerzen

Ozon reizt die Augen und die Schleimhäute, die schlimmsten Schäden verursacht es jedoch in den Atemwegen. Es kann tief in die Lunge eindringen und dort Zellmembranen schädigen. Das je nach Konzentration nach Nelken, Heu oder Chlor riechende Gas kann zu Atembeschwerden, Nasenbluten, Bronchitis und Flüssigkeitsansammlungen in der Lunge führen. Schon in geringen Konzentrationen kann Ozon Kopf- und Brustschmerzen sowie Schwindel auslösen.

Deutlich unter dem Niveau der Neunziger Jahre

Der Stoff entsteht, wenn Luftschadstoffe wie Stickstoffdioxid (NO2) durch Sonnenlicht zersetzt werden: Frei werdende Sauerstoffatome reagieren dabei mit dem Luftsauerstoff zu Ozon. Da Stickstoffdioxid vor allem durch Auto-Abgase in die Luft gelangt, appellierte das UBA an die Autofahrer, den Wagen stehen zu lassen. Bürger könnten so dabei helfen, dass die Ozon-Gefahr nicht größer wird, sagte UBA-Präsident Andreas Troge der "Neuen Presse" in Hannover. Für eine besondere Belastung sorgten Dieselfahrzeuge, da ihre Abgase wesentlich mehr Stickstoffoxide enthalten als Autos mit Benzinmotor.

Generell bestehe aber "kein Grund zur Panik", sagte Troge weiter. "Die Ozonwerte liegen deutlich unter dem Niveau der 90er Jahre." Damals habe die Belastung in fast ganz Deutschland im für die Gesundheit kritischen Bereich von 220 bis 240 Mikrogramm pro Kubikmeter gelegen.

Greenpeace fordert Fahrverbote

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte konsequente Fahrverbote, um die Ozonbelastung zu senken. "Das Sommersmog-Problem wird seit Jahren verschleppt. Ursache sind eine verfehlte Verkehrspolitik und eine krasse Fehleinschätzung der Umweltminister der vergangenen Jahre bei der Entwicklung der bodennahen Ozonkonzentrationen", kritisierte der Greenpeace-Klima-Experte Karsten Smid.

Greenpeace schlägt ein Zwei-Stufen-Konzept vor: Wenn eine Ozonbelastung absehbar wird, müssten in einer ersten Phase frühzeitig alle Fahrzeuge ohne Katalysator stehen gelassen werden. Bei anhaltender Ozonbelastung muss dann in einer zweiten Phase das Fahrverbot auch auf alle anderen Fahrzeuge ausgeweitet werden.

Luftschadstoffe fliegen hunderte Kilometer weit

UBA-Expertin Ute Dauert hält solch kurzfristige Maßnahmen nur dann für sinnvoll, wenn sie überregional durchgesetzt werden: "Regionale Fahrverbote für Autos ohne Katalysator, Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen sind oft wenig effektiv, um die Belastungsspitzen in der Region zu senken", sagte Dauert.

Die so genannten "Ozon-Vorläufersubstanzen", Luftschadstoffe wie Stickstoff- und Kohlenstoffverbindungen, könnten je nach Wetterlage pro Tag mehrere hundert Kilometer durch die Luft transportiert werden und weit von ihrem Entstehungsort entfernt zur Ozonbildung beitragen. Um die Ozon-Konzentrationen spürbar zu reduzieren, müsse man den Anteil der Schadstoffe in der Luft großräumig und dauerhaft verringern. Denkbar seien beispielsweise überregionale Geschwindigkeitsbeschränkungen.

aun/DPA DPA

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