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Tatsache oder Trugschluss: Macht Milch die Knochen stark?

Milch gilt schon seit Jahrhunderten als gesundes Lebensmittel - nicht nur für Kälber. Dank ihres hohen Kalziumgehalts soll Milch die Knochen stärken. Doch schützt sie tatsächlich vor Brüchen?

Von Lydia Klöckner und Mirja Hammer

Milch ist lecker. Aber macht sie auch unsere Knochen stark?

Milch ist lecker. Aber macht sie auch unsere Knochen stark?

Macht abends essen dick? Ist es schädlich, den Deckel des Joghurtbechers abzulecken? Gibt es süßes Blut? Der stern nimmt in loser Reihenfolge Alltagsmythen unter die Lupe.

Schützt Milch vor Knochenbrüchen?

Die Auflösung

Echte Hardcore-Veganer zu provozieren, ist einfach: Ein herzhafter Biss ins Käsebrötchen oder ein genüsslicher Schluck Latte Macchiato genügen, um sie zu Schimpftiraden zu bewegen: Muttermilch von Tieren zu trinken, sei widernatürlich! Massentierhaltung sei grausam! Die armen Kühe dürften nie auf die Weide! Mischköstler antworten darauf gerne mit ihrem Lieblingsargument: Milch sei gesund.

Tatsächlich liefert kaum ein andere Lebensmittel so große Mengen des Mineralstoffs Kalzium, der unsere Knochen und Zähne stark hält. Daher sollten vor allem Kinder und Jugendliche genug davon zu sich nehmen, heißt es in den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Regelmäßiges Milch-Trinken schütze vor Osteoporose und Knochenbrüchen, so eine verbreitete Annahme. Doch stimmt das wirklich? Brechen sich Milchtrinker wirklich seltener die Knochen als Veganer?

Die Theorie klingt plausibel: Knochen bestehen zu etwa einem Viertel aus Mineralien, vor allem aus Kalzium. Wenn ausreichend Kalzium verfügbar ist, profitiert davon also auch die Knochensubstanz. Gut versorgte, stabile Knochen sollten Belastungen besser aushalten als schwache, also auch nicht so schnell brechen.

Viel Milch erhöht Osteoporose-Risiko

Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass Menschen, die viel Milch trinken, eine höhere Knochendichte haben, als Milchmuffel. Dass ihre Knochen dadurch auch stabiler - also bruchfester - sind, ist allerdings nicht erwiesen. Sogar das Gegenteil könnte der Fall sein: In einer großen Übersichtsstudie fanden schwedische Forscher jetzt heraus, dass ein hoher Milchkonsum bei Frauen sogar mit einem größeren Bruchrisiko im Alter verbunden ist.

Frauen, die mehr als ein Glas Milch am Tag tranken, bekamen häufiger Bruchverletzungen als jene, die sich weniger als 200 Milliliter pro Tag zuführten. Zudem vergrößerte sich für Frauen wie für Männer mit hohem Milchkonsum die Sterbewahrscheinlichkeit, berichten die Forscher um Karl Michaelsson von der Universität Uppsala im "British Medical Journal".

Die Wissenschaftler werteten zwei Langzeitstudien mit insgesamt mehr als 10.000 Schweden und Schwedinnen aus. Die weiblichen Teilnehmer waren zu Beginn der Studie 39 bis 74 Jahre alt. Im Zeitraum von durchschnittlich 20 Jahren starben von den 61.433 Frauen etwa 15.500 und 17.252 hatten einen Knochenbruch - bei jeder Vierten war es das Becken. Von den 45.339 Männern der anderen Studie, zu Beginn im Alter von 45 bis 79 Jahren, starben in 11 Jahren etwa 10.100 und 5.066 erlitten Bruchverletzungen. Sowohl die weiblichen, als auch die männlichen Teilnehmer wurden zu ihrer Lebens- und Ernährungsweise befragt. Bei einem Teil der Probanden wurden zudem Urin- und Blutproben untersucht.

Käse und Joghurt bewirken das Gegenteil

Bei keinem der Teilnehmer der beiden Studien konnte ein hoher Milchkonsum mit verringertem Knochenbruchrisiko in Verbindung gebracht werden. Im Gegenteil: Frauen die, viel Milch tranken, erlitten deutlich häufiger Brüche. Jene, die mehr als 600 Milliliter, also drei Gläser Milch pro Tag tranken, hatten ein 90 Prozent höheres Sterberisiko und ein 60 Prozent höheres Bruchrisiko, als jene, die weniger als ein Glas pro Tag konsumierten. Bei Männern ließ sich nur ein Zusammenhang zwischen Milchkonsum und früher Sterblichkeit beobachten - wenngleich schwächer ausgeprägt.

Beim Verzehr von Käse und Joghurt dagegen verhielt es sich genau andersrum: Je mehr die untersuchten Personen davon gegessen hatten, desto geringer war das Bruch- und Sterberisiko. Im Blut und Urin jener Probanden, die viel Milch konsumierten, ließen sich außerdem Anzeichen von oxidativem Stress und Entzündungsreaktionen nachweisen.

Aus diesem Zusammenhang leiten die Forscher folgende Erklärung ab: Milch ist das Lebensmittel mit dem höchsten Laktosegehalt. In weiterverarbeiteten Produkten wie Käse oder Joghurt ist der Milchzucker dagegen nur noch in geringen Mengen vorhanden. Die meisten Menschen europäischer Abstammung können bis ins Erwachsenenalter Milchzucker mithilfe des körpereigenen Enzyms Laktase spalten. Bei der Spaltung entsteht der Einfachzucker Galaktose, der, wie in Tierversuchen nachgewiesen wurde, chronische Entzündungen verursacht, das Nerven- und Immunsystem schädigt und die Alterung beschleunigt. Ob sich dies auf den menschlichen Organismus übertragen lässt, ist allerdings nicht geklärt.

Ergebnisse stellen Empfehlungen in Frage

Die Forscher merken zudem an, dass die Ursache für das Zusammenspiel auch daher rühren könnte, dass Menschen mit Neigung zu Osteoporose vielleicht einfach mehr Milch tränken. Damit wäre jedoch nicht erklärt, warum Menschen mit hohem Milchkonsum auch früher sterben. Von frühzeitigem Ableben waren schließlich auch jene betroffen, die keine Osteoporose hatten.

Der Deutsche trinkt laut Milchindustrieverband im Schnitt rund 250 Milliliter Milch am Tag. Laut der schwedischen Studie erhöht sich das Risiko an Osteoporose zu erkranken oder frühzeitig zu sterben mit jedem Glas (200 Milliliter) für Frauen um 15 Prozent, für Männer um drei Prozent. Der Fettgehalt der Milch blieb bei der Studie unberücksichtigt.

Die Übersichtsarbeit stellt lediglich statistische Zusammenhänge dar. Dass Milch die Ursache für ein erhöhtes Knochenbruch- und Sterberisiko ist, kann sie nicht belegen. Doch die Ergebnisse könnten die Gültigkeit von Empfehlungen in Frage stellen, in denen es heißt, Milch schütze vor Osteoporose, sind die Forscher überzeugt.

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Von:

und Lydia Klöckner