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Moderne Behandlungsmethoden: Schläge gegen den Krebs

Erschöpfung, Übelkeit und Schmerzen gehören nun einmal zur Tumortherapie - glauben viele Ärzte und Patienten. Dabei gibt es moderne Behandlungsmethoden, die den Kranken viel Leid ersparen können.

Von Astrid Viciano

Der Kampf gegen den Krebs beginnt heute sehr leise. Verloren steht Arno Lentz in der Mitte des Therapieraums, schließt die Augen und streicht mit zwei Trommelschlegeln sanft über die Membran einer Pauke. Als müsse der Patient erst Kraft sammeln, Mut fassen, schlägt er zunächst nur gedämpft, dann immer lauter, immer schneller auf das Instrument ein. Bald hat er den richtigen Takt gefunden, spielt rhythmisch, unbeirrt und streng. "Ich bin entschlossen, das neue Kapitel in meinem Leben anzugehen", wird der 52-Jährige seinem Musiktherapeuten an der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg später sagen.

Es ist ein neues Kapitel in einer Geschichte, die vor rund zweieinhalb Jahren begann. Damals, in der Adventszeit, litt Arno Lentz manchmal an Krämpfen im Bauch. "Ich dachte, ich hätte einfach zu viel gegessen", erinnert er sich. Er ahnte nicht, dass in seinem Darm ein Tumor heranwuchs. Im März 2005 wurde eine faustgroße Geschwulst in seinem Bauch entdeckt. Sie verschloss bereits den Darm, und in Leber und Bauchfell wucherten Metastasen - Absiedelungen des Tumors.

Lentz, der bis dahin als Polizeidirektor in Mainz Schusswaffen und kugelsichere Westen zum Schutz seiner Kollegen geprüft hatte, musste lernen, sich gegen den Feind im eigenen Körper zu wappnen.

Begleitsymptome deutlich lindern

Nicht nur der modernen Krebstherapie verdankt es Lentz, dass er die Krankheit bis heute bekämpfen konnte. Der Patient profitiert auch von neuen Strategien, mit denen Ärzte die Symptome des Tumors und die Nebenwirkungen der Chemotherapie oder Bestrahlung lindern können.

"Da hat sich in den letzten Jahren enorm viel getan", sagt der Onkologe Hans Helge Bartsch, der Arno Lentz an der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg behandelt. Vorbei seien die Zeiten, in denen sich Krebspatienten schonen mussten, in denen sie der Übelkeit, den Schmerzen, der quälenden Erschöpfung hilflos ausgeliefert waren, sagt Bartsch. Heute verschreiben viele Ärzte Sport gegen Müdigkeit, Medikamente gegen Übelkeit, Psychotherapie gegen Angst und depressive Symptome.

"Wir können nicht versprechen, die Begleitsymptome komplett verschwinden zu lassen. Wir können sie aber deutlich lindern", sagt Carsten Bokemeyer, Leiter der Klinik für Onkologie und Hämatologie an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf.

Vom tödlichen zum chronischen Leiden

Die Lebensqualität der Krebspatienten zu verbessern gewinnt zusehends an Bedeutung. Viele Ärzte erkennen: Je besser die Begleittherapie den Patienten hilft, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Behandlung abbrechen. Und desto schneller erholen sie sich nach der Therapie von ihrem Leiden.

Sogar Kranke mit geringen Chancen auf Heilung können heute langfristig therapiert werden. Bei Patienten mit metastasiertem Darmkrebs zum Beispiel hat sich die Überlebenszeit seit 1990 vervierfacht. "Aus einer tödlichen Krebserkrankung soll ein chronisches Leiden werden", sagt Bokemeyer. Doch sei das Leben der Patienten durch zahlreiche Chemotherapien geprägt. "Ohne fachgerechte Begleitmaßnahmen würden die Krebskranken das nicht überstehen."

Schreckensbild Chemotherapie

Bei Arno Lentz entfernten die Ärzte zunächst den Tumor, dann sollte eine Chemotherapie die Metastasen schrumpfen lassen. Doch er hatte große Angst vor der Behandlung. "Als ich von der Chemo hörte, kamen sogleich Schreckensbilder in mir hoch", sagt Lentz. Ihm würde sicher speiübel werden, fürchtete er. Und er würde an Gewicht und Kraft verlieren.

Tatsächlich empfand ein Drittel von 4600 Krebskranken einer deutschen Studie zufolge die Nebenwirkungen als das größte Problem ihrer Behandlung. 60 Prozent aller Befragten fühlten sich sehr müde und erschöpft, und mehr als die Hälfte litt an Übelkeit. "Bei der Behandlung der Nebenwirkungen liegt noch einiges im Argen", sagt Andreas Lübbe, Leiter der Cecilien-Klinik in Bad Lippspringe.

Quälende Müdigket belastet den Alltag

Vor allem belastet es die Patienten, ständig müde und erschöpft zu sein. Von jenen, die eine Kombination aus Chemotherapie und Bestrahlung überstehen müssen, leiden 60 bis 80 Prozent an der sogenannten Fatigue. Noch fünf Jahre nach Abschluss einer Behandlung gegen Lymphdrüsenkrebs klagen zwei von fünf Patienten über quälende Müdigkeit, ergab eine deutsche Studie. "Darum findet jeder fünfte Krebspatient nicht mehr in den Alltag zurück, kann keinem Beruf mehr nachgehen", sagt Jens Ulrich Rüffer, Vorsitzender der Deutschen Fatigue-Gesellschaft, der die Untersuchung leitete. "Der Rat, sich endlich zusammenzureißen, nützt da wenig."

Denn mit fehlender Selbstdisziplin habe Fatigue nichts zu tun. Manche der Patienten leiden an Blutarmut, andere an einer Depression. "Bei den Übrigen kennen wir die Ursache noch nicht genau." Dennoch können die Ärzte auch vielen dieser Patienten helfen. Früher galt es als ausgemacht, dass sich Krebskranke mit Fatigue schonen müssen - heute verordnen Mediziner ihnen oft das Gegenteil. Sie sollen körperlich aktiv werden: auf dem Laufband gehen, Fahrrad fahren oder im Kraftraum trainieren.

Schwach wie nach einem Herzinfarkt

Arno Lentz nahm sich nach seiner Darmoperation zunächst den Stationsflur seiner Klinik in Landau als Laufstrecke vor. "Ich hatte zehn Kilogramm an Gewicht verloren. Ich musste wieder zu Kräften kommen", sagt er. Erst ging er von seiner Station bis ins Treppenhaus, schließlich aus dem vierten Stock bis ins Erdgeschoss hinunter, und das mehrmals am Tag. "Die Schwestern lachten schon, wenn sie mich wieder vorbeistapfen sahen."

Je stärker die Leistungsfähigkeit des Patienten gesunken ist, desto mehr profitiert er von der Bewegung. "Manche Menschen sind nach ihrer Chemotherapie so schwach wie nach einem Herzinfarkt", sagt Fernando Dimeo, Leiter der Sportmedizin der Charité in Berlin. Manche Krebskranke, die zu Beginn einer Studie nicht weiter als 160 Meter ohne Pause laufen konnten, schafften nach sechs Wochen Training auf dem Laufband mehr als drei Kilometer.

Manchmal haben Krebskranke allerdings so viel Muskelmasse verloren, dass sie es gar nicht aufs Laufband schaffen. "Sie geraten in einen Teufelskreis: Sie sind sehr geschwächt, haben häufig keinen Appetit und magern immer mehr ab", sagt Holger Krakowski- Roosen, Sportwissenschaftler am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Darum wird der Forscher jetzt in einer deutschlandweiten Studie prüfen, welchen Effekt Krafttraining auf die Leistungsfähigkeit von Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs hat.

Sport lässt Ängste schwinden

Allein das Bewusstsein, aktiv gegen die Schwäche anzugehen, hellt auch die Stimmung vieler Patienten auf. "Sie merken, dass sie ihre Leistungsfähigkeit steigern können. Das wirkt sich positiv auf das Selbstwertgefühl aus", sagt Joachim Weis, Leiter der Abteilung Psychoonkologie an der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg. Denn kaum etwas fürchten Kranke so sehr, wie von anderen abhängig zu werden.

Womöglich wirkt der Sport sogar direkt auf die Psyche der Patienten. Der Sportmediziner Dimeo fand heraus, dass größere Mengen des Hormons ANP im Blut schwimmen, wenn Sport getrieben wird. Je mehr ANP gebildet wurde, desto kleiner wurden die Ängste der Probanden.

Manche brauchen eine Psychotherapie

Und die sind oft groß. Die Patienten fürchten sich vor der Therapie und den Folgen ihrer Krankheit. Die Diagnose hat sie aus ihrem Leben gerissen. Alle Pläne, alle Wünsche für die Zukunft sind über den Haufen geworfen. "Nur die Hälfte der Kranken verkraftet das ohne psychologische Hilfe", sagt Weis.

Mehr als ein Drittel entwickelt psychische Störungen. Manche leiden an Ängsten, andere zeigen depressive Symptome, fragen nach dem Sinn, den das Leben jetzt noch habe. "Das verschlechtert die Erfolgsaussichten der Patienten", sagt Weis. Denn je depressiver der Kranke ist, desto mehr zieht er sich zurück, desto seltener geht er zum Arzt, desto weniger achtet er auf seinen Körper.

Darum gilt nicht nur die Bewegung, sondern auch die psychologische Betreuung als wichtig in der Begleittherapie bei Krebs. "Was habe ich falsch gemacht? Warum trifft es ausgerechnet mich?", fragen die Patienten oft. Manche von ihnen brauchen eine Psychotherapie, um ihr Leiden zu verarbeiten, anderen wie zum Beispiel Arno Lentz genügt ein einziges Gespräch mit einem Psychologen.

Paukenschläge für Zielstrebigkeit

Lentz drückt seine Gefühle lieber mit Musik aus als durch Worte. Es ist sein letzter Tag in der Freiburger Klinik, im Raum für Musiktherapie steht links eine Conga, rechts ein Xylofon, hinter ihm eine Gitarre. Schlug er eben noch auf die Pauke, greift er bald zu den Schlegeln des Xylofons, haut mit den Handflächen auf die Conga oder zupft an den Saiten einer Gitarre. Sind es die lauten oder leisen Töne, die ihn ansprechen? Sind es die zarten Klänge der Gitarre oder die harten Schläge auf der Pauke? Er entscheidet sich wieder für die Pauke. "Sie soll für meine Zielstrebigkeit stehen", sagt Lentz.

Er hat die Zeit in Freiburg genutzt, um Energie zu tanken. Für die nächste Chemotherapie, die sein Leben verlängern soll. "Die Musiktherapie hat mir geholfen, meine Stimmungen auszudrücken", sagt er. Auch wenn der Effekt der Behandlung bei Krebskranken bislang kaum untersucht wurde, sind sich die Ärzte weitgehend einig, dass manche von ihr profitieren.

Arno Lentz hat in seiner Therapie noch etwas anderes entdeckt: Wenn er sich nicht wohlfühlt, lehnt er sich jetzt gern zurück, schließt die Augen und versetzt sich gedanklich an einen anderen Ort. Oft an die französische Atlantikküste, wo er mit Frau und Kindern im Urlaub war. Das wird ihm auch helfen, wenn die Chemotherapie wieder ansteht. Wenn die Infusionen mit den Medikamenten über 50 Stunden in seine Venen laufen, wenn er weiß, dass bald die Übelkeit kommt. "Die sogenannte gelenkte Imagination entspannt die Patienten nicht nur. Sie gibt ihnen auch das Gefühl, etwas Kontrolle über sich selbst zu haben", erklärt Psychologe Weis.

Moderne Arzneien gegen die Qual

Aber natürlich wäre es besser, wenn es Arno Lentz erst gar nicht schlecht ginge während und nach der Chemotherapie. Die Übelkeit ist neu bei ihm. Viele Patienten, besonders junge Frauen, begleitet sie hingegen von Anfang an. Und das oft ohne Not. Denn inzwischen gibt es moderne Arzneien gegen die Qual. "Mit diesen Medikamenten können wir 80 Prozent der Krebspatienten helfen, die Chemotherapie ohne belastende Symptome zu überstehen", sagt Petra Feyer, Vorsitzende des Arbeitskreises Supportive Maßnahmen der Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft.

Leider werden sie viel zu wenig angewandt. Drei Tage wird es dauern, bis es Arno Lentz nicht mehr flau im Magen ist. Bei der nächsten Chemo möchte er auch am Tag nach der Therapie noch eine Tablette gegen Übelkeit bekommen. "Dann wird es sicher besser", sagt er. Lentz ist entschlossen, den Kampf gegen den Krebs weiterzuführen. Nur manchmal, wenn er sich alte Urlaubsfotos ansieht, denkt er wehmütig: "Es wäre schön, mal wieder so unbeschwert zu sein."

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