Nach Arbeitsunfall Ärzte nähen abgetrennte Hand wieder an

Um das Handgelenk zieht sich eine breite, blutverkrustete Narbe; im Handrücken stecken zwei Drähte: Vor knapp drei Wochen verlor Thomas Wedemeyer bei einem Arbeitsunfall seine rechte Hand. Im Bremer Klinikum-Mitte nähten Ärzte sie in einer Marathon-Operation wieder an.

Der 22. Oktober verlief eigentlich wieder jeder andere Arbeitstag in der Molkerei. Kurz vor Feierabend wollte Thomas Wedemeyer noch die Luftschleuse für das Milchpulver reinigen. "Das habe ich ungefähr tausendmal schon gemacht." Doch diesmal schloss sich dabei plötzlich die Schleuse und klemmte Wedemeyers Hand ein: "Ich stand auf der Leiter und konnte zusehen, wie die Hand immer kleiner wurde." Der 37-Jährige schrie wie verrückt vor Schmerzen, bis ihn ein Kollege schließlich befreite. Und dann ging alles ganz schnell: Innerhalb weniger Minuten war der Rettungswagen da, kurze Zeit später der Hubschrauber.

Er flog den Schwerverletzten ins Bremer Klinikum-Mitte, wo er operiert wurde. Heute kann Wedemeyer schon wieder leicht mit den Fingern wackeln. "Er wird sicherlich nicht mehr das Gefühl wie vorher haben, aber er wird eine funktionierende Hand haben, die beruflich und privat voll einsetzbar ist", sagte Can Cedidi. Seit zwei Jahren leitet er die Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie. Fünf Hände haben er und seine Kollegen seitdem retransplantiert. In Deutschland seien es jährlich fünf bis zehn, schätzt Cedidi.

14 Stunden Schwerstarbeit

Die Ärzte gehen davon aus, dass Wedemeyer in etwa sechs Wochen wieder Dinge mit der Hand greifen und sogar schreiben kann. Seine Fingerspitzen kann er noch nicht spüren - was aber völlig normal sei, beruhigen die Chirurgen.

Nach der Operation war Wedemeyer einfach nur glücklich, dass die Hand überhaupt noch dran war. "Ich habe fest damit gerechnet, dass die Hand weg ist, wenn ich wieder aufwache."

"Man hat ein Zeitfenster von wenigen Stunden, um Amputationen wieder anzunähen", erklärt Cedidi. "Sonst ist der Schaden nicht mehr umkehrbar." Für die Chirurgen bedeute die Operation 14 Stunden Schwerstarbeit: Zuerst stabilisierten sie den Unterarmknochen des Patienten, dann nähten sie nach und nach zwei Arterien, 25 Sehnen, drei große Nerven und drei Venen im Gelenk zusammen. "Man ist so auf Adrenalin, man merkt die Zeit nicht", beschreibt Oberärztin Siri Hollenberg die Anspannung im OP. "Ich habe einmal für zehn Minuten eine Pause gemacht, um was zu trinken, mehr nicht."

Für den Patienten fängt dagegen die Arbeit jetzt erst an. In den nächsten Monaten wird Wedemeyer täglich zur Krankengymnastik müssen. "Das ist harte Arbeit", meint Ute Sieler. "Es ist gar nicht so einfach, die Finger wieder richtig in Bewegung zu bekommen." Die 48-Jährige spricht aus Erfahrung: Vor einem Jahr durchtrennte eine Säge ihr linkes Handgelenk. Wedemeyer bleibt jedoch zuversichtlich: "Ich möchte so schnell wie möglich ins Leben zurückkehren, wieder arbeiten und richtig Gas geben."

DPA DPA

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