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ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein Knallhart nachgefragt


Sie trifft derzeit jedes Fettnäpfchen: Katrin Müller-Hohenstein. Der "innere Reichsparteitag" und die falsche Österreich-Flagge waren peinlich, ihre Werbung für eine Molkerei brenzlig. Die ZDF-Moderatorin setzt ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Ist sie wirklich so naiv?
Von Jens Maier

Erinnern Sie sich noch an Eva Herman? Bis 2006 war sie Nachrichtensprecherin bei der "Tagesschau", außerdem moderierte sie bei der ARD mehrere Talkshows. Ins Gedächtnis eingebrannt haben sich jedoch ihre fragwürdigen und missverständlichen Äußerungen zum Frauenbild. In der ZDF-Talkshow von Johannes B. Kerner wollte sie im Oktober 2007 alles richtigstellen - und hat es noch viel schlimmer gemacht. Als Herman dann auch noch anfing, vor laufenden Kameras über Hitlers Autobahnen zu faseln ("Es sind auch Autobahnen damals gebaut worden, und wir fahren heute drauf"), wurde sie zur Witzfigur. Mit dem Spruch "Autobahn geht gar nicht!" machte sich eine ganze Nation über sie lustig und fragte sich: Ist die so naiv oder so dumm?

Die gleiche Frage stellen sich viele Fernsehzuschauer derzeit bei Katrin Müller-Hohenstein. Die Sportmoderatorin, zusammen mit Oli Kahn für das ZDF bei der Live-Berichterstattung zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika im Einsatz, hat in den vergangenen Tagen mit ihrer Äußerung vom "inneren Reichsparteitag" für viel Wirbel gesorgt. "Das ist eine verbale Entgleisung, die ihr und uns leidtut. Sie ist im Eifer der Situation entstanden. Wir bedauern das, und das wird so auch nicht mehr vorkommen", versuchte das ZDF sich anschließend in Schadensbegrenzung. Schwamm drüber, war die Devise. Und das hätte auch beinahe geklappt, würde Müller-Hohenstein nicht von einem ins andere Fettnäpfchen treten.

Einfach bärig, die Österreich-Flagge

Jüngster Fauxpas: Sie verwechselte die Berliner mit der Österreich-Flagge. Nach dem Deutschland-Spiel gegen Argentinien zeigten die Kameras eine rot-weiß-rote Fahne zwischen den jubelnden Fans im Kapstadter Stadion. Darauf war deutlich ein großer, schwarzer Bär zu erkennen - das Wappentier der Bundeshauptstadt. Umso verwunderter waren die Zuschauer als Müller-Hohenstein zu Oli Kahn gewandt plötzlich fragte: "Oli, siehst du die Österreich-Fahne? Das ist ja interessant." Ein peinlicher Irrtum für die 44-Jährige. Doch auch für diesen hatte sie die passende Entschuldigung parat: "Ich habe nur das Rot-weiß-rot gesehen. Ich wollte die österreichischen Zuschauer nicht kränken", erklärte sie hinterher.

Dass sie den dicken, bräsigen Berliner Bären nicht gesehen hat, "was soll's?", werden jetzt viele sagen. Beim ZDF sind zwar schon Sportmoderatorinnen in Ungnade gefallen, weil sie das Gründungsjahr des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 verwechselt hatten (Sportstudio-Moderatorin Carmen Thomas sagte 1973 "FC Schalke 05"), doch der Fahnenpatzer, er ist im Vergleich zum "inneren Reichsparteitag" harmlos. Da aber niemand Müller-Hohenstein ernsthaft unterstellen würde, braunes Gedankengut verbreiten zu wollen, wäre inzwischen selbst dieser nicht mehr der Rede wert, wenn am Wochenende nicht Entschuldigung Nummer drei hätte folgen müssen. Und dieses Mal für etwas, das sie vielleicht wirklich ihren Moderatorenjob beim ZDF kosten könnte.

Anlass ist dieses Mal eine Werbung im Internet für die bayrische Molkerei Weihenstephan . Für das Unternehmen tritt Müller-Hohenstein als sogenannte "Schirmherrin des Qualitätsbeirats" auf. Zu ihren Aufgaben gehöre es, mit ihrem "journalistischen Wissen" und ihrer "natürlichen Neugier" diesen zu unterstützen, sagt sie in einem Kurzinterview auf der Unternehmenshomepage. In einem Video ist sie zu sehen, wie sie vier ausgewählte Verbraucher bei einem Betriebsrundgang begleitet. "Ich glaube, es ist wichtig, dass es kritische Verbraucher gibt, die auch mal genauer hinschauen", sagt sie, "und dann gehen wir der Sache einfach mal auf den Grund." Und ihr kritisches Fazit lautet am Schluss: "Also ich fand's ganz toll."

Horst Schlämmer lässt grüßen

Unfreiwillig komisch, fast wie eine Parodie auf Hape Kerkelings Horst Schlämmer, den "knallhart nachfragenden" Stellvertrenden Chefredakteur des Grevenbroicher Tagesblattes, wirkt das ganze und hat Ende vergangener Woche ZDF-Chefredakteur Peter Frey höchst persönlich auf den Plan gerufen. "Der Internet-Auftritt ist nicht glücklich und kann so nicht bleiben", sagte Frey dem Branchenblatt "Medium Magazin". Der Vertrag entspreche "nicht den Vorstellungen des ZDF von Auftritten seiner journalistischen Köpfe". Die so gescholtene Moderatorin, die um die Unzulässigkeit der Vermischung von Journalismus und Werbung weiß, reagierte prompt und wie gewohnt: mit einer Entschuldigung. "Das Engagement war ein Fehler, den ich bedaure", sagte Müller-Hohenstein. Sie beende die Arbeit als Schirmherrin des Beirats und wolle ihre Gage spenden, erklärte sie.

Hätte sie es mit diesen Worten gut sein lassen, ihr Image als kompetente und unabhängige Journalistin wäre zwar lädiert worden, aber den Vorwurf naiv oder gar dumm zu sein, hätte sie sich wahrscheinlich nicht gefallen lassen müssen. Doch Müller-Hohenstein behauptete gegenüber dem Nachrichtenmagazin "Spiegel": "Es war nie meine Absicht zu werben." Ihr Management tut sogar so, als sei der Auftritt keine Werbung. Der Grund: Sie halte schließlich kein Produkt in die Kamera oder preise die Vorzüge der Marke. Im Video klingt das dann so: "Ich habe noch nie eine Molkerei von innen gesehen. (…) Das finde ich das Bemerkenswerte an diesem Tag, dass die Transparenz so da war. Gerade in Zeiten von Analogkäse und Klebeschinken, wo einem so viel vorgegaukelt wird, ist es, finde ich, nicht selbstverständlich, dass man dem Verbraucher alles zeigt."

Dass eine gestandene Journalistin offenbar glaubt, dass sie bei einem Besuchstag in einer Molkerei, für den sie auch noch bezahlt wird, kritischen Einblick in die Produktionsprozesse nehmen kann und ihr "alles gezeigt" wird, darüber kann sich jeder Zuschauer selbst ein Urteil bilden. Die ist naiv, werden manche denken. Dass sie dann aber auch noch glaubt, mit ihrem bezahlten Auftritt solle nicht geworben werden, ist dumm. Er gehe davon aus, dass Müller-Hohenstein selbst nicht klar war, dass mit ihr geworben werden sollte, sagt ZDF-Chefredakteur Peter Frey dazu. Das muss er auch. Denn andernfalls bliebe nur die Möglichkeit, dass Müller-Hohenstein ihre Zuschauer für dumm hält. Und dann bliebe Frey nichts anderes übrig, als seine Sportmoderatorin sofort freizustellen.


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