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TV-Kritik

WM-Berichterstattung im ZDF: Högschde Sorglosigkeit im Schnickschnack-Park

Zum Gruppenspiel-Auftakt der deutschen Nationalmannschaft im ZDF hätte es so nett werden können: Rhapsodie in blau mit Katrin Müller-Hohenstein, Kartoffelsalat in Duisburg und ungewaschene Trikots in Berlin. Wenn da nur nicht dieses Spiel gewesen wäre.

Von Ingo Scheel

WM im ZDF

Das ZDF-WM-Team: Holger Stanislawski, Urs Meier, Jochen Breyer und Christoph Kramer (v.l.)

ZDF

Pablo aus Marzahn und Ronny aus Wiesdorf gehen schon vor dem Spiel dahin, wo es wehtut. Wobei - wer seit vier Jahren in ungewaschener Wäsche durchs Leben geht, hat den Schmerz ja sowieso immer dicht bei sich. Die Herren tragen schwarz-rot-gold am Leib, auf dem Kopf aufgeschnittene Lederfußbälle, alles seit dem letzten WM-Turnier ungereinigt. Bis zum nächsten Titel soll das bitteschön auch so bleiben. Ungefähr zwei Stunden später ist klar, dass es bis dahin durchaus noch weitere vier Jahre dauern könnte. Wenn das denn reicht. An der Berliner Fanmeile hören sich die beiden ganz vorn am Zaun ein Lied von Adel Tawil ein. Desensibilisierung nennt man das wohl. Gut, wenn man schon vor jenem Kick, der da folgen sollte, an die eigenen Schmerzgrenzen geht.

Thomas Müller war im Spiel gegen Mexiko kaum zu sehen

Deutschland steigt endlich ins WM-Turnier ein, und das ZDF zieht aus diesem Anlass alle Register. Das Zweite bereitet den Boden für einen potenziell gelungenen Fußballnachmittag an einem jener Orte, wo "ohne Bier gar nichts läuft", in einer Duisburger Schrebergarten-Kolonie. Die Wohlfahrts haben geladen, es gibt Pils und Kurze, dazu Kartoffelsalat. Selbst gemacht? "Ja, irgendwer hat den bestimmt selbstgemacht!". Christa giggelt, Männe stößt mit Reporter Fabian Köster an. Die Laune ist bestens, jeden Moment rechnet man damit, dass Fred Fußbroich mit einem Zentner Grill-Rippchen durch die Buchsbaum-Hecke stößt.

Anders als die Nationalelf: ZDF mit Esprit

Eine Stunde noch bis zum Spiel, und was den Deutschen später beim Kick gegen Mexiko fehlt - die Vorberichterstattung im Zweiten hat davon reichlich: Esprit, Experten. Und Holger Stanislawski. Studio-Rookie Christoph Kramer läuft aus dem Stand auf Betriebstempertatur. Es geht um die Statik des Spiels, "hoch anlaufen" ist die Devise. Spätestens beim dritten Mal möchte man Welke bitten, bei Kramer mal diesen Gehirnerschütterungs-Sofort-Test zu machen, aber Spaß beiseite: Kramer ist on Fire wie einst in Brasilien, unbedingt mit einer Stammplatz-Garantie ausstatten, den Mann.

Katrin Müller-Hohenstein hat sich die natürlich längst verdient. Sie steht auf dem Rasen des, klingt jedenfalls kurz so, "Schnickschnack-Stadions", trägt ein bläuliches Ensemble zwischen OP-Kittel und Nivea-Dose, und lässt sich von Oliver Bierhoff etwas über den "grippalen Effekt" erzählen, der Jonas Hector spielunfähig gemacht hat. Im Hintergrund laufen sich die deutschen Spieler warm, in Trainingshemdchen, die wie verpixelt aussehen. Eine Vorahnung dessen, was da im anschließenden Spiel ahndenswert werden sollte?

Erinnerungen an Heribert Faßbender werden wach

Reporter Oliver Schmidt kann man während der 90 Minuten jedenfalls nichts vorwerfen. Er weiß, dass Manuel Neuer das Torwartspiel "neu erfunden" hat, dass "deutsche Sorglosigkeit" zum 0:1 führte und dass das unterm Strich ganz sicher kein "Auftakt furioso" war. In der Halbzeitpause gibt es "heute Xpress", was klingt wie eine neue Sorte Kaffee-Pads, es folgt ein Infotrailer über Myview, eine ZDF-App, mit der man sich, so man denn möchte, Szenen wie das mexikanische Tor zum Beispiel aus um und bei 120 verschiedenen Perspektiven anschauen kann. Nach der Pause legt Oliver Schmidt noch zwei, drei Scheite nach, lässt den "Kaiser von Michoacán" auflaufen, sieht einen "Tanz auf der Rasierklinge" und zitiert gar - "1000 Mal geflankt, 1000 Mal ist nichts passiert" - den guten Klaus Lage.

"Ich ziehe meinen Sombrero vor den Mexikanern", bekundet er zum Abschied, und das klingt dann fast so schön wie die Gauchos von Heribert Faßbender. Nach dem Spiel schlägt noch kurz die Stunde von Holger Stanislawski. Der Hamburger Supermarkt-Leiter trägt mittlerweile Craft-Bart, seine erhellenden Spiel-Animationen sehen aus, als hätte Scotty von der Enterprise ein paar Subbuteo-Spielfiguren auf den "Kartoffelacker" des Schnickschnack-Stadions gebeamt. Jogi knirscht mit den Zähnen, Mats Hummels brodelt und irgendwo auf dieser Welt macht sich Sandro Wagner ein Bierchen auf. 

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