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Neue Ansätze in der Krebstherapie: Sanft und sinnvoll?

Mistel-Extrakte, Akupunktur oder Ingwer-Tabletten - viele Krebskranke suchen Hilfe in Mitteln und Methoden der alternativen Medizin. Zwei Ärzte fordern nun, die Erkenntnisse in die Schulmedizin zu integrieren.

Von Lea Wolz

In Essen werden die Krebspatienten ergänzend zur traditionellen Therapie auch mit Akupunktur behandelt

In Essen werden die Krebspatienten ergänzend zur traditionellen Therapie auch mit Akupunktur behandelt

Der Essener Mediziner Gustav Dobos trommelt gerne. Das legt jedenfalls ein selbst verfasster Zeitungsbeitrag nahe. In diesem kündigt er seine Erkenntnisse, die er ausführlich in einem gemeinsam mit seinem Kollegen Sherko Kümmel verfassten Buch darlegt, als ein "Manifest einer Medizinrevolution" an. "Wir haben verstanden", heißt es da am Anfang. Das klingt nach Umsturz und großen Würfen. Doch um was genau geht es?

Dobos ist Professor für Naturheilkunde an den Kliniken Essen-Mitte. Sein Kollege ist Gynäkologe. Zusammen haben sie das Buch "Gemeinsam gegen Krebs geschrieben", das nun erscheint. Ihr Ziel: Naturheilkunde soll im Kampf gegen Krebs zum Verbündeten der Schulmedizin werden. "Beide Verfahren müssen miteinander verschmolzen und die Vorteile für die Patienten kombiniert werden", sagt Dobos, der unter Naturheilkunde nicht nur Kräuter-Extrakte, sondern auch andere Methoden der komplementären Medizin wie Akupunktur, Meditation oder Massage versteht.

Angst vor Unverständnis

Wie das aussehen kann, zeigt ein laut Dobos in Deutschland einzigartiges Modellprojekt an den Kliniken in Essen-Mitte. Seit einem Jahr werden dort Patientinnen mit Brustkrebs nach den Prinzipien der integrativen Onkologie behandelt. Was sperrig klingt, bedeutet, dass sich Krebsärzte und in der Naturheilkunde ausgebildete Internisten gemeinsam mit anderen Therapeuten zum Beispiel aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) um die Erkrankten kümmern. "Neben gängigen Behandlungen wie der Chemo- oder Strahlentherapie erhalten die Patienten zum Beispiel auch Akupunktur gegen die Nebenwirkungen einer Therapie wie Übelkeit und Erbrechen oder Ringelblumensalbe gegen Strahlenschäden", sagt Dobos. Auch Bewegung, Achtsamkeitsmeditation und Ernährungsberatung spielen in dem Konzept eine wichtige Rolle. "Die Patienten können selbst aktiv werden und zu ihrer Heilung beitragen", sagt Dobos. Damit, ist sich der Internist sicher, nehme man den Wunsch vieler Krebskranker ernst.

Tatsächlich greifen viele Patienten während ihrer Erkrankung zu Mitteln und Methoden der komplementären Medizin. Wie viele es genau sind, darüber schwanken die Angaben. Dobos spricht von 70 bis 90 Prozent. Anderen Medizinern zufolge sind es um die 50 Prozent. Ihrem behandelnden Arzt verschweigen die Krebskranken allerdings häufig, dass sie Naturheilmittel einnehmen. "Aus Angst vor Unverständnis", sagt Dobos.

Gefährliche Funkstille

Die Funkstille zwischen Arzt und Patient kann wiederum den Erfolg einer Therapie beeinträchtigen. "Grapefruitsaft, hoch dosiertes Vitamin C, Echinacea oder Johanniskraut beeinflussen zum Beispiel die Wirkung einer Chemotherapie", sagt Dobos. Aus gut gemeint wird dann schnell ein handfester Nachteil. Und der Essener Mediziner sieht noch weitere Gefahren dieser Behandlung auf eigene Faust: "Es gibt viele unseriöse, teure Verfahren, deren Wirksamkeit nicht belegt ist und die sogar schaden." Vor allem, wenn Patienten dafür die herkömmliche Therapie abbrechen würden. Denn allein durch ‘sanfte' Medizin, das macht auch Dobos klar, ist eine Krankheit wie Krebs nicht zu besiegen.

Doch es geht auch anders. "Sinnvoll eingesetzt, helfen komplementäre Heilmethoden, die Belastungen der Diagnose, die Folgen einer Chemo- oder Strahlentherapie zu senken und die Psyche zu stärken", sagt Dobos. Beispiel Akupunktur: Diese könne nachweislich die Gelenkschmerzen bei einer Antihormontherapie mindern. "Was wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Brustkrebspatientin die Behandlung abschließt."

In ihrem Buch nehmen Dobos und Kümmel noch weitere Präparate wie Mistelmedikamente und Verfahren wie Massage, Mind-Body-Medicine oder die TCM unter die Lupe. Das ist zwar weitgehend hilfreich für Patienten aufgeschlüsselt, doch viel Neues findet sich dazu nicht. Einen Überblick gibt zum Beispiel auch der Patientenratgeber des Uniklinikums Freiburg. Neben allgemeinen Infos zur Krankheit, zu Strategien gegen die Angst und zur Rolle von Sport und Ernährung bei Krebs wirbt das Buch lautstark für den Essener Ansatz. "Integrative Onkologie", wie sie in Essener Kliniken nach dem Vorbild amerikanischer Einrichtungen praktiziert wird, bedeute "eine riesige Evolution der Krebsmedizin", schreiben Dobos und Kümmel.

Mehr Zeit

Der Leiter der Arbeitsgruppe Biologische Krebstherapie am Klinikum Nürnberg, Markus Horneber, rät zu mehr Bescheidenheit. "Die riesigen Evolutionen passieren in der Onkologie", sagt er. "Einige komplementäre Verfahren können Nebenwirkungen der Krebstherapien mindern, die Lebensqualität verbessern und die Psyche stärken. Den Tumor direkt beeinflussen sie, wenn überhaupt, nur gering."

In sogenannten Cochrane-Analysen, die als besonders zuverlässig gelten und die vorhandenen Studien zu einem Thema auswerten, untersuchen die Nürnberger Ärzte und Wissenschaftler ebenfalls Wirksamkeit und Sicherheit von komplementären Mitteln, darunter Mistel- und Thymusextrakte sowie Grüner Tee. Das Projekt läuft schon seit einigen Jahren und wird von der Deutschen Krebshilfe gefördert. "Eine Misteltherapie zum Beispiel ist nicht generell jedem zu empfehlen, sie gehört mit einem Arzt abgesprochen", sagt Horneber.

Auch er hält es für sinnvoll, Komplementärmedizin bei der Behandlung von Krebserkrankungen zu berücksichtigen. "Dies ist aber keine neue Erfindung", sagt Horneber. "Darum wird sich in einigen Zentren in Deutschland seit vielen Jahren bemüht." Allerdings weise der Wunsch der Patienten nach Komplementärmedizin auch auf eines hin: "Wir brauchen mehr Zeit für die Menschen."

Auch die Naturheilkunde muss Nutzen nachweisen

Dass die Onkologie schon seit einigen Jahren in Bewegung ist, glaubt auch Jutta Hübner, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft "Prävention und Integrative Onkologie" der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG). "Es gibt vieles, was die Schulmedizin längst anerkennt", sagt sie. So sei die Komplementärmedizin bereits in einzelnen Leitlinien zu Krebsarten enthalten. Zudem untersuche die Arbeitsgruppe der DKG Pflanzenstoffe wie den aus der Wurzel des Ingwergewächses Kurkuma. Er könnte bei der Krebsvorbeugung helfen und das Wachstum von Tumoren hemmen. "Eine gute naturheilkundliche Begleitung gibt es bis jetzt allerdings nur an wenigen Kliniken in Deutschland", räumt sie ein.

Nötig seien auch noch mehr sinnvolle klinische Studien zu dem Thema. So sei es nur schwer möglich, chinesische Akupunkturstudien oder Abhandlungen über Heilpilze zu verallgemeinern. "Das müssen wir unter westlichen Maßstäben testen", sagt Hübner. Auch für die Modeströmung TCM hält sie die Hinweise für eine Wirksamkeit noch nicht für ausreichend. "Eine Physiotherapie hilft mitunter genauso gut." Generell seien Krebsärzte allerdings offen für solche Wünsche ihrer Patienten, meint die Medizinerin.

Rennen die Essener also mit ihrem "Manifest einer Medizinrevolution" bereits offene Türen ein? "Es gibt tatsächlich ein Umdenken in der Krebsbehandlung", sagt Dobos. "Doch beim Patienten ist bis jetzt wenig angekommen."

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