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Neurobiologie: Gefühle machen Gedanken

Der freie Wille ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen eine Illusion. Aber eine wichtige: Sie verschafft uns Ordnung im Meer der Emotionen, erlaubt uns ein geregeltes Miteinander - und gibt uns Sinn.

Bestimmt die Evolution, als ewiger Richter, wollen, fühlen oder denken?

Würde die Wissenschaft Reliquien sammeln, dann zählte ein alter Eimer dazu. Gefüllt mit kaltem Wasser, wurde er 1978 auf einer Tagung in Washington dem Bostoner Biologen Edward O. Wilson über den Kopf geschüttet. Wilson, als Ameisenforscher zu Weltruhm gelangt, sollte gestraft werden: Er hatte die eitelste Spezies des bekannten Universums beleidigt.

Denn in seinem monumentalen Werk »Sociobiology« und dem Buch »On Human Nature« stellte der Harvard-Professor, so fanden seine Gegner, Homo sapiens auf eine Stufe mit Gewürm und Gekreuch. Wilson wollte eine Theorie des Verhaltens aller Lebewesen formulieren. Sie musste ohne Gott auskommen, sollte pur darwinistisch sein - die Evolution, als ewiger Richter, bestimmte, was ihre Kreaturen tun, wollen, fühlen oder denken. Und sie schrieb es fest in ihren Genen ein.

Damit ging Wilson uns Menschen an unser Allerheiligstes: das Gehirn. Dort, wo die Liebe als Molekülsüppchen ebenso angerichtet wird wie vernichtender Hass, sollten die großen Weichensteller nicht mehr Kultur und soziale Umwelt sein, sondern der Millionen Jahre alte Überlebenskampf. Wilson wollte dem pädagogischen Optimismus, der die siebziger Jahre beherrschte, den Garaus machen. Zu tief eingegraben ins menschliche Denken und Fühlen wären womöglich Gewalt und Aggression, Vorurteil und Lüge, um sie aus der Welt erziehen zu können. Das Oberstübchen gleiche keineswegs einem leeren, lernenden Datenspeicher, der durch die rechten Vorbilder und guten Intentionen aufgefüllt werden wolle. »Das Gehirn ist«, sagte Wilson, »wie ein belichtetes Filmnegativ, das darauf wartet, in den Entwickler getaucht zu werden.«

Die Furore um Wilson ist heute verebbt. Sie wich Verehrung. »Genetik bestimmt nicht nur Dinge wie Temperament, Rollenpräferenzen und Aggressionspegel«, schwärmt etwa der New Yorker Großschriftsteller Tom Wolfe, »sondern auch viele unserer sehr verehrten moralischen Entscheidungen, die gar keine Entscheidungen im Sinne eines freien Willens sind, sondern nur Tendenzen, eingeschrieben im Hypothalamus und im limbischen System.« Hämisch ruft er seinen Artgenossen zu: »Entschuldigung, aber Ihre Seele ist soeben verstorben.«

Nicht das Ich - das Es hat die Macht

Seine gewachsene Glaubwürdigkeit verdankt Wilson auch Durchbrüchen in Gen- und Hirnforschung. Mit neuen Techniken, dank deren die Forscher erstmals dem lebenden Gehirn beim Denken zuschauen können, haben sie zahllose Indizien angesammelt, die Wilson Recht geben. Seine fast robotische Vorstellung vom menschlichen Handeln, die Kritikern einst so ameisenhaft und erniedrigend erschien, spiegelt sich im Hirn wider. Und der bewusste freie Wille, die Vorstellung, wir bestimmten aus Willenskraft, was wir tun wollen, ist begraben. So kommt auch Sigmund Freud, abgewandelt und modernisiert, zu neuen Ehren: Das Unbewusste ist zurück. Nicht das Ich - das Es hat die Macht.

Die Zeitenwende begann mit einem unscheinbaren Experiment. Der amerikanische Neurobiologe Benjamim Libet zeigte, dass der elektrische Impuls, eine Handbewegung auszuführen, in unbewussten Hirnteilen fast eine halbe Sekunde früher auftritt als die Empfindung, die Hand bewegen zu »wollen« (siehe »Der freie Wille ist eine Illusion«) Das lässt sich auf einigermaßen groteske Weise belegen: Reizt man das Hirn von Versuchspersonen mit Elektroden so, dass sie eine Bewegung wie Marionetten auf Knopfdruck des Versuchsleiters hin vollführen, so werden sie danach ihr unwillkürliches Tun sogleich als gewollt deklarieren, werden »vernünftig« erklären, warum sie sich bewegt haben: »Ich wollte nach dem Wasserglas greifen, weil ich Durst hatte.«

Ständig ist unser Verstand bemüht, das, was uns umtreibt, für vernünftig zu erklären. Dramatisch äußert sich das bei Patienten, deren Großhirnhälften, die Hemisphären, chirurgisch voneinander getrennt wurden (»split brain«): In einem Versuch wurde der linken Hemisphäre ein Hahnenfuß gezeigt, und sie sollte über die von ihr gesteuerte rechte Hand ein passendes Bild dazu auswählen. Das klappte: Die Hand griff zum Hahnenkopf. Die rechte Hemisphäre sah derweil über ihr Auge eine Schneelandschaft und zeigte mit »ihrer« - der linken - Hand richtig auf eine Schneeschaufel. Das bekam nun wieder die sprachlich denkende linke Hälfte mit - doch hatte sie keine Ahnung vom Sinn der Sache, weil sie keine Meldungen vom Geschehen in der anderen Hälfte erhielt.

Das Gehirn will immer Ursache und Wirkung zusammenbringen

Dennoch: Selbstsicher erklärten die Probanden, sie hätten willentlich nach der Schneeschaufel gegriffen, weil sie nämlich die Absicht hätten, einen Hühnerstall auszumisten. Unser bewusstes Ich, sagt der US-Neurobiologe Michael Gazzaniga, »ist die letzte Instanz, die erfährt, was in uns wirklich los ist«. Und Gerhard Roth, Hirnforscher und Philosoph aus Bremen, konstatiert: »Da wir all unser Fühlen, Denken und Handeln vor uns selbst und vor den anderen sprachlich-logisch rechtfertigen müssen, erfinden wir ständig Geschichten. Wir glauben auch in aller Regel an sie und versuchen, unsere Mitmenschen von ihnen zu überzeugen.«

Diese Pseudo-Rationalität ist eine nützliche Erfindung der Natur. Sie hat uns zur erfolgreichsten Säugetierspezies des Planeten gemacht. Weil das Gehirn immer Ursache und Wirkung zusammenbringen will, können wir vorhersehen, was andere wohl als Nächstes tun werden. Der Sinn-Such-Mechanismus des Verstandes macht die Welt berechenbar. So stark ist er, dass Kinder eine Zeit lang überall Absicht und Willen am Werke sehen - selbst in Steinen, Wasser, Mond und Sternen.

Jean Piaget, der Begründer der Entwicklungspsychologie, beobachtete das eingehend bei seinen Kindern: Eines der Sechsjährigen war überzeugt, die Sonne gehe morgens auf, um nach seinem Befinden zu sehen, ein anderes, die Sonne, vom Wind angetrieben, folge ihm überall hin, weil der Wind wisse, wo es hingehen wolle.

Was uns bei Kindern originell erscheint, betrifft erwachsene Menschen ebenso, nur fällt es im Alltag meist nicht auf. Dennoch ist das Gehirn höchstens imstande, sich intellektuell von Sinn-Illusionen zu lösen - intuitiv ist das kaum möglich. So wird auch der gelehrteste Rationalist für einen Augenblick die Macht des Schicksals, die Hand Gottes oder Ähnliches zu spüren glauben, wenn er vom zentnerschweren Fels um Millimeter verfehlt wird.

Leidenschaft, nicht der Verstand

Denn im Kern war es immer Leidenschaft, nicht Verstand, die uns auf unbekannte Meere ausfahren und nach den Sternen greifen ließ. Das gilt genauso im kleinen, alltäglichen Leben. Kaum einer hat es besser ausgedrückt als der Berliner Autor Bernhard Schlink in seinem Roman »Der Vorleser«: »Oft genug habe ich im Lauf meines Lebens getan, wofür ich mich nicht entschieden hatte, und nicht getan, wofür ich mich entschieden hatte. Es, was immer es sein mag, handelt; es fährt zu der Frau, die ich nicht mehr sehen will, macht gegenüber dem Vorgesetzten die Bemerkung, mit der ich mich um Kopf und Kragen rede, raucht weiter, obwohl ich mich entschlossen habe, das Rauchen aufzugeben, und gibt das Rauchen auf, nachdem ich eingesehen habe, dass ich Raucher bin und bleiben werde. Ich meine nicht, dass Denken und Entscheiden keinen Einfluss auf das Handeln hätten. Aber das Handeln vollzieht nicht einfach, was davor gedacht und entschieden wurde. Es hat seine eigene Quelle.«

»Es« nennt Schlinks Erzähler das Unbestimmbare, »Idee« nannte es Platon, und von der »Seele« sprechen die meisten heute - sei es, dass sie ihren Frieden in einem Gotteshaus oder in der Praxis eines Psychologen suchen. Das Dilemma ist ein alltägliches: Da sind wir uns selbst das Zentrum des Kosmos, und doch sagt uns der Verstand, dass wir nicht bedeutender sind als Staubkörner im Universum. Aber selbst diese Sinnkluft vermag das Gehirn zu überbrücken - wenn auch nicht in dieser Welt. Da sich deren Realität unseren Wünschen und Sehnsüchten nicht bereitwillig beugt, schuf es sich eine zweite, gefügigere, bessere, einen virtuellen Kosmos, ein Reich der rankenden Fantasien: den Himmel. Doch auch dieser hat eine materielle Basis, braucht ein Neuronennetz, um darin zu leben.

Das Gehirn ist ein Organ mit Geschichte

Hirnforscher versuchen zu verstehen, wie das Gefühl von Transzendenz, bei vielen gar die Gewissheit, dass es ein Mehr und nach dem Tod sogar ein Danach gebe, im Kopf entsteht. Der kanadische Psychologe Michael Persinger etwa manipulierte die Schläfenlappen seines Großhirns mit Magnetspulen. An die richtige Stelle des Kopfes gehalten, kann man damit Stotterern für eine kurze Zeit das flüssige Sprechen erleichtern. Persinger schaltete mit dem gleichen Gerät Gott an und aus: Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er religiöse Gefühle.

Seine Erfahrungen weckten die Neugier des aus Indien stammenden US-Hirnforschers Vilayanur Ramachandran. Er stellte fest, dass Epileptiker, die seit alter Zeit in vielen Kulturen als mit einer »heiligen Krankheit« gesegnete Menschen angesehen werden, oft ein reicheres spirituelles Leben haben als Normalsterbliche - sofern ihre Anfälle in der Schläfenregion ausgelöst wurden.

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Unser Gehirn, das so komplex gebaut ist, dass es uns planen, leiden, lieben, Gott erfahren lässt, ist ein Organ mit Geschichte. Es ist eigentlich ein System von Organen, das während der Evolution von einfachen Nervenknötchen über eine zentrale Steuerungsinstanz für körperliche Funktionen, einem fühlenden Verhaltens-Thermostaten bis hin zur sprachverarbeitenden Denkmaschine in unseren Köpfen herangewachsen ist.

Das limbische System regiert noch immer mit beinah ungebrochener Macht

Immer hat die Evolution Neues auf Bestehendes getürmt. Unsere tief emotionalen, unterbewussten Verhaltensprogramme blieben erhalten, sie wurden nur mit rationaleren Gegenspielern ausgestattet, um sie zu zähmen. Das gelingt nur beschränkt: Besonders das von Tom Wolfe so verehrte limbische System regiert noch immer mit beinah ungebrochener Macht. Eingebettet zwischen den Hälften des Großhirns, mit dessen Denkregionen fest verdrahtet, hat es die Aufgabe, jede Absicht, jede Erkenntnis, jedes Erlebnis mit Emotionen einzufärben. Über Nervenbahnen sendet es seine Botenstoffe zu den bewussten Hirnteilen in der Rinde und manipuliert sie unentwegt.

Eine vergleichsweise banale Störung des Stoffwechsels dieser Botenstoffe hat dramatische Folgen. Serotonin-Mangel zwingt Menschen, sich Hunderte Male am Tag die Hände zu schrubben, bis Blut kommt. Andere können nicht anders, als sich unentwegt Katastrophen auszumalen: In ihrer Fantasie rasen Verwandte in grausliche Unfälle, werden unter Ruinen begraben, von Verrückten erschossen. Die Kranken wissen, dass das absurd ist, aber sie können von den Gedanken und Zwängen aus eigener Kraft nicht lassen. Fehlfunktionen der emotionalen Stellwerke des Denkens und Fühlens können tödliche Folgen haben: Anhaltendes Serotonin-Defizit kann Menschen in tiefste Depression werfen, ihre Antriebe zerstören, sämtliche Gedanken auf die völlige Sinnlosigkeit des Daseins konzentrieren und schließlich Selbstmord als einzigen Ausweg erscheinen lassen.

In seiner Theorie des Denkens und Fühlens kommt der US-Neurologe Antonio Damasio zu dem Schluss, dass Gefühle und Gedanken untrennbar miteinander verwoben sind. Ein Satz wie: »Nun reden wir doch mal sachlich und lassen die Emotionen außen vor!« ist nach Damasios Ansicht völlig sinnlos. Eine ganze Reihe von Untersuchungen hat seine Abteilung vorgelegt, die zeigen, wie das Gehirn uns dazu bringt »aus dem Bauch heraus«, emotional geprägt, richtige oder völlig abwegige Entscheidungen zu treffen.

Soziale Intelligenz ist vorn auf der Großhirnrinde zuhause

Das größte Aufsehen erregte die Arbeitsgruppe Damasios mit ihren Arbeiten zu Anstand und Moral. Die Forscher fragten sich, wie ethisches Verhalten entsteht. Denn die Botschaften des limbischen Systems können keine langfristigen Strategien entwickeln. Wenn das emotionale Gehirn den Organismus auf Nahrungssuche geschaltet hat, interessiert es sich nicht dafür, ob es eine dumme Idee wäre, dem Sohn des Berufsboxers aus der Nachbarschaft den Lolli zu entreißen. Es will alles, und zwar sofort. Doch wer sich so benimmt, hat Rache zu befürchten. Auf lange Sicht gerät der Lollidieb also unter die Räder der natürlichen Selektion, in diesem Fall in Gestalt des Faustkämpfers. Besser ist es, anständig zu sein.

Das so genannte Gute beruht auf der Fähigkeit, den kurzfristig orientierten Einflüsterungen aus limbischen Tiefen zu widerstehen. Den Versuchungen á la »Stiehl den Braten, und ich will dich mit einem Schub Glückshormonen belohnen« zu trotzen ist Aufgabe der Großhirnrinde. Soziale Intelligenz ist vorn auf ihr zu Hause, und sie bestimmt, ob wir kooperativ, verträglich und von anderen akzeptiert oder ein egoistischer Widerling sind.

Diese Erkenntnis erweiterte den Reliquienschrein der Naturwissenschaft um ein weiteres Ausstellungsstück: eine angespitzte, massive Eisenstange, mehrere Zentimeter dick und anderthalb Meter lang. Eine Explosion hat sie vor gut 150 Jahren durch den Vorderschädel des amerikanischen Bahnarbeiters Phineas Gage gesprengt. Gage überlebte, war aber ein anderer Mensch: Zuvor umgänglich und freundlich, gab er keinen Pfifferling mehr darauf, was die Leute von ihm dachten. Er log und scherte sich nicht darum, ob sein Betragen negative Folgen für ihn hatte.

Das Frontalhirn braucht für seine Fertigstellung ungewöhnlich lange

Mit Computerhilfe konnte Damasios Arbeitsgruppe das Hirn des Phineas Gage rekonstruieren. Sein Frontalhirn, besonders der vordere Bereich der Großhirnrinde nahe den Augenhöhlen, war von der Eisenstange aus dem Schädel gerissen worden. Mit der grauen Masse war sein Gefühl für Sitte und Moral entwichen. Wiewohl Gage intellektuell wusste, dass sein Benehmen, gelinde gesagt, unkonventionell war, vermochte er nichts daran zu ändern. Er starb als ungehobelter Geselle.

Mit wachsendem Unbehagen mussten weltverbessernde Wohltäter in den vergangenen Jahrzehnten zusehen, wie das Wissen über eine kartierbare, messbare und mitunter mit Sicherheit heute nicht therapierbare biologische Grundlage sozialer Verhaltensweisen zunahm. Derzeit sieht es so aus, dass andere Hirnteile die Aufgabe der für intuitiv angemessenes Sozialverhalten zuständigen Bereiche nach einer Verletzung nicht übernehmen können. Menschen wie Gage können kaum lernen, wieder verträgliche Mitmenschen zu werden, wie etwa ein Schlaganfallpatient die Sprache aufs Neue lernt und auf unverletzte Hirnteile umlenkt.

Auch beim gesunden Menschen reifen die Zentren der sozialen Intelligenz spät. Sind die Grundzüge der Persönlichkeit in der Kindheit schon festgeschrieben worden (siehe »So entsteht das Ich«), braucht das Frontalhirn für seine Fertigstellung ungewöhnlich lange. Es reift in der Pubertät und über sie hinaus. Unter dem Einfluss der auf Befehl des Gehirns selbst von den Keimdrüsen bereitgestellten Sexualhormone taucht das menschliche Zentralorgan jetzt zum letzten Mal tief in sein Entwicklerbad ein. Überschüssige Verbindungen im Vorderhirn schmelzen dahin.

In der Pubertät prallen Anstandszentren und limbisches System aufeinander

Millionen bislang unisolierter Nervenbahnen werden mit einer Zellschicht umkleidet, die ihre Kurzschlüsse aufhebt und sie aktiv werden lässt. In der Pubertät prallen nun die reifenden Anstandszentren und die limbischen Impulse, zu allem Überfluss auch noch erweitert um das ganze Repertoire der Liebe, Leidenschaft und des Sex, mit Getöse aufeinander. Die Unausgewogenheit dieses Machtkampfes erlebt dessen Opfer als verwirrendes Wechselbad der Gefühle, die reifere Umwelt mitunter als temporären Irrsinn. Kaum je etwa leben männliche Artgenossen so gefährlich wie in der Zeit der heftigsten Testosteronwallungen um das 19. Lebensjahr herum. Sie bilden einen einsamen Gipfel in der Kriminalstatistik, fahren sich in heilloser Selbstüberschätzung die Hälse ab und bilden für die Kriegsherren dieser Welt das geeignetste, weil sinnlos-kühnste Kanonenfutter.

Das reifende Gehirn gibt vieles auf - Spontaneität, Unbefangenheit, Impulsivität. Doch dabei wird gewonnen, was uns erst ganz zu sozialen Wesen macht. Das Frontalhirn sorgt dafür, dass wir Trieb- und Bedürfnisverzicht leisten können, um auf andere Rücksicht zu nehmen. Es lehrt Geduld, fordert keinen sofortigen Lohn. »Mutter Teresa«, sagt Hirnforscher Gerhard Roth, »konnte sich durch den Himmel motivieren, in den sie einst eingehen würde. Oder durch die Vorstellung, einmal heilig gesprochen und von der Nachwelt als Vorbild verehrt zu werden.« Sofortiger, irdischer, essbarer Lohn war für Teresa kein Wert, die frontale Hirnrinde bezwang das kurzsichtige limbische Verlangen.

Die Welt im Kopf ist ein Film

Allerdings, sagt Roth, bilanziere das Frontalhirn sehr genau, ob auf lange Sicht auch etwas zu gewinnen sei - will sagen: Ohne Anreiz, ohne Himmel und Zeremonie auf dem Petersplatz könnten seine Rechenroutinen keine Barmherzigkeit produzieren. Auch die hehrsten menschlichen Antriebe führt die Hirnforschung letztlich auf ihren materiellen Ursprung zurück: auf die Logik der Neuronen.

Am Anfang des 21. Jahrhunderts müssen wir einsehen: Die Welt im Kopf, die unser Gehirn uns bewusst erleben lässt, gleicht nicht nur einem Film, sie ist einer. Und es gibt keine objektive Möglichkeit, seinen Realitätsgehalt zu messen.

Gleichen wir Neo, dem Hacker aus »Matrix«, der erkennen muss, dass alles Illusion ist, ein Blendwerk, hergestellt von einem riesenhaften Computernetz?

Harvard-Psychologe Daniel M. Wegner tröstet, nachdem er in seinem neuen Buch 340 Seiten lang die Vorstellung, wir besäßen einen freien Willen, vollständig demontiert hat: »Jedem von uns erscheint es so, als ob wir bewussten Willen besäßen. Es scheint, wir hätten ein Selbst. Es scheint, wir hätten Verstand. Es scheint wir seien Handelnde. Es scheint, wir bewirkten, was wir tun. Obwohl es ernüchternd - aber letztlich korrekt - ist, das eine Illusion zu nennen, ist es ein Fehler, das Illusionäre für trivial zu halten. Im Gegenteil: Die Illusionen, übereinander gestapelt auf ihre mentalen Ursachen, sind der Baustoff der menschlichen Psychologie und des sozialen Lebens. Nur durch das Gefühl des bewussten Willens können wir Probleme lösen, wie die Frage, wer wir als Individuum sind, was wir tun können und was nicht, und moralisch über uns selbst urteilen, ob das, was wir getan haben, richtig war oder falsch.«

Christoph Koch

Wissenscommunity