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Organtransplantationen in Berlin: "Der Manipulations-Skandal überrascht mich nicht"

Am Berliner Herzzentrum soll die Warteliste für Spenderherzen manipuliert worden sein. Transplantationschirurg Burckhardt Ringe erklärt, warum Ärzte sich zu Herren über Leben und Tod aufschwingen.

Professor Ringe, hat Sie der Manipulations-Skandal am Deutschen Herzzentrum Berlin überrascht?
Nein, überhaupt nicht. Es wundert mich eher, dass dieser Betrug erst jetzt bekannt wird. Bereits vor zwei Jahren hatten die Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer 119 Fälle in deutschen Transplantationszentren untersucht und dabei 32 Verstöße festgestellt. Besonders oft in der Herzchirurgie. Im Juni berichteten Medien über Unregelmäßigkeiten in Berlin. Doch erst jetzt kommt die Selbstanzeige. Die Beteiligten hofften wohl, dass sie so davonkommen könnten.

Sie glauben also nicht, dass es sich um eine einzelne Oberärztin handelt, die sich falsch verhalten hat?
Es wird gern so dargestellt, dass es sich um Einzeltäter handelt. Für mich ist das schwer vorstellbar. Die Kriterien dafür, welche Dringlichkeitsstufe ein Patient erhält, werden in Teams und in interdisziplinären Konferenzen besprochen und überprüft. Das entscheidet kein Arzt allein. Offenbar wurden in Berlin rund 30 Patienten hochdosierte Catecholamine gegeben, das sind herzstärkende Medikamente. Wer sie erhält, gilt als hochdringlich und hat bessere Chancen auf ein Spenderorgan. Wenn die Vorwürfe zuträfen, wäre das eine Manipulation, die unter normalen Umständen hätte auffallen müssen. Und das Deutsche Herzzentrum Berlin ist eine renommierte Institution.

Warum machen Ärzte so etwas?
Es gibt verschiedene Gründe, etwa, dass Ärzte ein besonderes Verhältnis zu ihren Patienten entwickelten und sie bevorzugen. Ich empfinde das als unethisch, wenn dabei allgemein gültige Regeln verletzt werden. Ein Arzt darf niemandem auf Kosten anderer Vorteile verschaffen, insbesondere nicht auf der Warteliste zur Transplantation. Da es grundsätzlich viel zu wenige Spenderorgane in Deutschland gibt, ist der Vorteil des einen, der Nachteil des anderen Patienten, womöglich führt die Manipulation sogar zum Tod. Laut Pressemitteilungen ermittelt die Staatsanwaltschaft Berlin wegen "fahrlässiger Tötung". Das mag juristisch schwer nachzuweisen sein, aber im Kern trifft es die Sache. Ich glaube aber nicht, dass das alleinige Motiv in diesem emotionalen Bereich liegt.

Sondern?
In Deutschland gibt es 22 Herzzentren, denen im vergangenen Jahr 313 Herzspenden gegenüberstanden und rund 12.000 Patienten. Das heißt die Kliniken konkurrieren miteinander um die knappe Ressource Spenderorgan. Dadurch entsteht ein immenser Druck. Jeder will einen möglichst großen Teil vom Kuchen. Zum einen aus Prestigegründen - Chirurgen, die viel transplantieren, genießen eine hohe Reputation. Aber noch viel wichtiger, ist das Geld. Transplantationen sind lukrativ, die Kassen zahlen Fallpauschalen in sechsstelliger Höhe. Gerade die kleineren Zentren stehen unter einem ökonomischen Druck. Wenn sie nicht eine bestimmte Zahl von Transplantationen pro Jahr schaffen, können sie teure Spezialisten nicht halten oder ihnen droht gar die Schließung. So war es zumindest in der Transplantationschirurgie in Göttingen.

Brauchen wir all diese Transplantationszentren?
Man muss sich zumindest ernsthaft die Frage stellen. Ein Beispiel nur, 100 Kilometer entfernt von Göttingen existiert in Hannover ein sehr großes Transplantationszentrum. Wie sinnvoll war es wirklich, seinerzeit ein zweites Zentrum in demselben Bundesland einzurichten?

Warum sind in Deutschland immer weniger Menschen bereit zu spenden?
Das Vertrauen ist aufgrund der Skandale tief erschüttert. Es wäre Zeit für die Ärzte einzuräumen: Ja, wir haben Fehler gemacht. Wir brauchen eine Kehrtwende. Und: Wir brauchen deutlich mehr Spender. Das ist der Kern des Problems. Ländern wie Spanien oder Großbritannien ist diese Trendwende tatsächlich gelungen. In Großbritannien wurde eine breite gesellschaftliche Debatte geführt: Wollen wir Transplantationsmedizin? Wenn ja, dann müssen wir die Organspende auch ernster nehmen, dann kann sie nicht allein die Entscheidung eines einzelnen sein. In Österreich existiert die sogenannte Widerspruchsregelung: Wer nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widerspricht, gilt prinzipiell als Organspender. In Deutschland ist es genau umgekehrt. Man muss ausdrücklich zu Lebzeiten einer Organspende zustimmen. Über diese grundsätzlichen Fragen sollten wir mal wieder diskutieren, statt auf den nächsten Manipulations-Skandal zu warten.

Sie glauben also, dass der Fall in Berlin nicht der letzte sein wird?
Ich fürchte nein.

Sind Sie Organspender?
Selbstverständlich! Ich habe länger in den USA gelebt. Dort ist es ganz einfach: Man lässt auf seinem Führerschein ankreuzen, dass man im Todesfall spenden möchte. Ein Organspendeausweis ist überflüssig.

Professor Burckhardt Ringe leitete in den Jahren 1994-2002 die Klinik für Transplantationschirurgie an der Universitätsklinik Göttingen

Interview: Doris Schneyink

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