Palliativmedizin "Schwerstkranke sollen in Frieden sterben"


Die Zahl der alten Menschen in Deutschland steigt. Damit nehmen schwere Krankheiten und Pflegefälle zu. Umso wichtiger wird nach Ansicht von Ärzten eine flächendeckende Palliativmedizin zur Betreuung von Krebskranken, deren Leiden im Endstadium mit großen Schmerzen verbunden ist.

Die Zahl der alten Menschen in Deutschland steigt. Damit nehmen schwere Krankheiten und Pflegefälle zu. Umso wichtiger wird nach Ansicht von Ärzten eine flächendeckende Palliativmedizin zur Betreuung von Krebskranken, deren Leiden im Endstadium mit großen Schmerzen verbunden ist. "Es gilt, das Tabu über das Thema Sterben zu brechen", fordert die Präsidentin der Deutschen Krebshilfe, Dagmar Schipanski: "Schwerstkranke sollen nicht leiden, sondern in Frieden sterben."

Vorbild Mutter Teresa

Für Palliativmediziner und Hilfsorganisationen ist die 1997 verstorbene albanische Nonne Mutter Teresa ein Vorbild. Die spätere Friedensnobelpreisträgerin hatte bereits vor 50 Jahren in Kalkutta Todkranke auf den Straßen gesammelt und in ihr Sterbehaus am Kali-Tempel gebracht. Die Idee der Hilfe für Schwerstkranke liegt auch der Palliativ- und Hospiz-Bewegung zu Grunde.

Die Deutsche Krebshilfe wie die Krebshilfeorganisationen in der Schweiz und Österreich fördern mit Hilfe von Spenden aus der Bevölkerung gemeinsam die Palliativmedizin mit dem Ziel, das Leiden durch Schmerztherapien zu lindern und ein Sterben in Geborgenheit zu ermöglichen. Betreuung in Palliativstationen heiße keineswegs, Menschen abzuschieben, sagt Schipanski: "Für viele bedeutet Palliativmedizin leider noch immer, dass die Ärzte den Patienten aufgeben. Dieses Bild hat mit der Realität nichts zu tun."

Eine qualitativ hochwertige Palliativmedizin lasse den Ruf nach aktiver Sterbehilfe verhallen. Sie sei eine wirkliche Alternative. "Denn im Rahmen dieses Therapiekonzeptes werden selbst stärkste Schmerzen in den meisten Fällen erfolgreich behandelt", betont die Präsidentin der Krebshilfe. Ein Sterben in Würde sei möglich.

"Ein Quantensprung zur Versorgung Unheilbarer"

Die Ärztin Ingeborg Jonen-Thielemann von der Palliativstation des Dr.-Mildred-Scheel-Hauses in Köln berichtet, viele Krebspatienten im finalen Stadium seien von ihrem Wunsch nach aktiver Sterbehilfe abgekommen: "Nachdem sie palliative medizinische Behandlungen erfahren haben, spielt die Angst vor dem Sterben und vor starken Schmerzen kaum noch eine Rolle."

Das vor 25 Jahren errichtete Mildred-Scheel-Haus beherbergt die erste moderne Palliativstation Deutschlands. "Sie galt Anfang der 80er Jahre als Quantensprung für die Versorgung unheilbar kranker Krebspatienten in der Bundesrepublik", erinnert sich Krebshilfe-Geschäftsführer Gerd Nettekoven, der bereits als junger Mitarbeiter zu Frau Scheel kam.

Auch die Mildred-Scheel-Akademie in Köln, die erste Einrichtung dieser Art, ist heute ein Kristallisationspunkt für die Palliativmedizin. Die Akademie hat eine wichtige Multiplikatorenfunktion: Die Seminarteilnehmer tragen ihr neues Wissen in die Kliniken und onkologischen Abteilungen. So kann auch dort Palliativmedizin praktiziert werden, wo gar keine speziellen Stationen ausgewiesen sind. Ärzte aller Fachdisziplinen brauchen eine Ausbildung in Palliativmedizin; aber auch Krankenschwestern, Alten- und Krankenpfleger, Sozialarbeiter, Psychologen, Leiter und Leiterinnen von Selbsthilfegruppen, die beruflich oder ehrenamtlich mit sterbenden Menschen zu tun haben.

Um die Arbeit der Akademie auf eine breitere Basis zu stellen, kooperiert sie seit einigen Jahren erfolgreich mit dem Aus- und Fortbildungszentrum für Palliativmedizin am Malteserkrankenhaus in Bonn und mit der Akademie für Palliativmedizin vom Christophorus Hospiz Verein in München. Darüber hinaus werde Köln auch für die in Dresden entstehende Akademie für Palliativmedizin Vorbild und Kooperationspartner sein, sagt Nettekoven.

Joe F. Bodenstein


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