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Intensiv- und Notfallpflege "Mit der Flucht aus der Pflege verlieren die Krankenhäuser ihre Zukunft"

Pflege: Intensivpflegerinnen versorgen einen an Covid-19 erkrankten Patienten
Intensivpflegerinnen versorgen einen an Covid-19 erkrankten Patienten (Aufnahme aus April)
© Ole Spata / DPA
Die Corona-Pandemie hat die Pflegekräfte in Deutschland massiv gefordert. Eine Initiative mehrerer medizinischer Organisationen zeichnet nun ein düsteres Bild für die Zukunft – und richtet einen eindringlichen Appell an die Politik.

Die Corona-Belastung der Kliniken flaut ab – was bleibt, sind Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte auf den Intensivstationen und in den Notaufnahmen. Eine Initiative, an der sich unter anderem die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) beteiligt, fordert nun mehr politische Unterstützung für Pflegende: "Es drohen existenzielle Probleme in der Intensivmedizin, wenn die Intensivpflege nicht maßgeblich unterstützt wird und Zukunftsperspektiven geschaffen werden", sagt Felix Walcher, Präsident elect der Divi und Klinikdirektor der Unfallchirurgie der Uniklinik in Magdeburg.

Die Divi verweist auf eine aktuelle Umfrage der intensivmedizinischen Gesellschaft DGIIN aus dem April 2021, wonach mehr als 30 Prozent der Pflegenden mit dem Gedanken spielen, in den kommenden zwölf Monaten aus dem Beruf auszusteigen. Die Intensivmediziner-Vereinigung warnt vor einem Personalmangel und einer damit einhergehenden Reduktion der Intensivbetten. Die Pandemie habe die bereits seit Jahrzehnten kritische Situation der Intensivpflege "in dramatischer Weise verschärft", so Walcher weiter.

Dabei habe sich gerade jetzt erneut gezeigt, wie unverzichtbar exzellente Pflegekräfte bei der Behandlung von schwerstkranken Patienten seien. "Sie sind in der Behandlung von Covid-Patienten einer der wichtigste Faktoren - sie sind täglich 24 Stunden am Bett, ihre medizinische Einschätzung der Patienten ist für die gesamte Behandlung von entscheidender Bedeutung." Zwar sei die Zahl der Covid-Fälle jetzt deutlich gesunken, doch nun werde die Routinearbeit zügig wieder aufgenommen, wegen der Pandemie verschobene, große Operationen würden aktuell nachgeholt. "Es gibt keinerlei Verschnaufpause für die Pflegekräfte", so Walcher.

Forderung nach "deutlichem Signal"

Schon zu Beginn der Pandemie im April 2020 und erneut im März dieses Jahres hatte die Divi sehr konkrete Forderungen an die Politik gerichtet, passiert sei nichts, sagt Walcher. "Selbst die in wenigen Wochen umsetzbaren Vorschläge, die ein klares Signal an die Pflegenden senden würden, wurden noch nicht konkret umgesetzt." Deshalb holten sich die Divi und die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste e.V. (DGF) diesmal Verstärkung mit ins Boot  – an der "Initiative zur Stärkung und Zukunft der Intensiv- und Notfallpflege in Deutschland" beteiligen sich 15 weitere Fachgesellschaften, Kammern und Berufsverbände. Die Organisationen fordern unter anderem eine psychosoziale Unterstützung der Pflegenden, mehr politischen Einfluss für Pflegende und bessere berufliche Perspektiven .

Darunter versteht die Intensivpflegefachkraft Sabrina Pelz, die an dem Papier mitwirkte, dass diejenigen, die entsprechende Weiterbildungen absolviert haben, endlich mehr Handlungsautonomie bekommen. "Wir übernehmen viele Tätigkeiten, die hohe Qualifikationen erfordern und für die eigentlich Ärztinnen und Ärzte zuständig sind", sagt sie. Dafür müsse ein rechtlicher Rahmen geschaffen werden. Auch müsse sich der Personalschlüssel am echten Bedarf orientieren. "Bei der Feuerwehr ist es auch nicht so, dass man sagt, heute brennt es nicht, deswegen brauche ich weniger Leute."

"Wir brauchen jetzt ein deutliches Signal: bessere Arbeitsbedingungen, rechtssichere Handlungsautonomie und wertschätzende Entlohnung", sagt Lothar Ullrich, Vorsitzender der DGF. Die Gesellschaft vertritt 1600 Fachpflegende. DGIIN-Präsident Christian Karagiannidis betont: "Mit der Flucht aus der (Intensiv-)Pflege verlieren die Krankenhäuser ihre Zukunft. Die Pflegekräfte werden unter den momentanen Bedingungen auch nicht mehr zurückkehren."

Bundestagspetition sammelte mehr als 350.000 Unterschriften

Die Initiative unterstützt ausdrücklich die stern-Bundestagspetition "Pflege braucht Würde", die sich für bessere Arbeitsbedingungen in dem Bereich einsetzt. Mehr als 350.000 Menschen haben die Petition unterzeichnet, die Anhörung im Petitionsausschuss des Bundestages fand am 1. März statt. Mit ihrer Unterstützung wollen die Organisationen dazu beitragen, "dass die stern-Petition im Petitionsausschuss des Bundestages ein hohes Votum erhält", heißt es in der Stellungnahme.

Bleiben oder gehen? Diskussion unter Pflegekräften wird immer lauter – wann reagiert die Politik?

Wünschenswert wäre ein "Berücksichtigungsvotum", weil sich die Regierung dann innerhalb von sechs Wochen schriftlich dazu äußern muss, ob sie aufgrund der Petition Maßnahmen veranlasst hat – oder aber begründen muss, warum sie solche nicht veranlasst. Ob der Petitionsausschuss noch vor der Wahl ein Votum abgibt, ist derzeit ungewiss, Ende Juni beginnt für den Bundestag die Sommerpause. So könnte es passieren, dass die Petition in den Wahlkampf getragen wird. Der stern wird in den kommenden Monaten die Entwicklungen in der Pflege- und Gesundheitspolitik weiterhin intensiv mit Berichten, Kommentaren und Analysen begleiten.

Quelle: Divi - Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin

ikr / bac

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