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Populäre Rücken-Irrtümer: Die Mär vom richtigen Bücken und Heben

Vier von fünf Menschen werden mindestens einmal im Leben von Rückenschmerzen geplagt. Dennoch kursieren über den Schmerz im Kreuz teilweise haarsträubende Irrtümer. Wir haben uns die populärsten vorgenommen.

Von Angelika Unger

Fast jeder kennt das Gefühl, dass es im Rücken zieht, sticht oder hämmert. Dennoch wissen die meisten Menschen wenig darüber, wie der Schmerz im Kreuz entsteht und was ihn wieder verschwinden lässt. Zudem gilt inzwischen vieles als überholt, was man früher für gut und richtig hielt.

Für stern.de räumt der Orthopäde Dr. Gerd Müller auf mit den am weitesten verbreiteten Irrtümern. Er arbeitet im "Rückenzentrum am Michel" in Hamburg und hat die "Europäischen Leitlinien für den Umgang mit unspezifischen Kreuzschmerzen" mitentwickelt.

1. Wer sich falsch bückt oder falsch hebt, bekommt einen Bandscheibenvorfall.

Falsch heben, darunter verstehen die meisten Menschen: sich bücken, während man die Knie gerade hält. Denn in der Rückenschule haben viele gelernt, dass man stattdessen mit geradem Rücken in die Knie gehen soll. Es gibt jedoch keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass diese Technik tatsächlich rückenschonender ist. "Heben Sie einfach, wie Sie wollen", sagt der Orthopäde Gerd Müller, "und achten Sie dabei auf die Grenzen Ihres Körpers."

Mal ist die eine, mal die andere Bück- und Hebetechnik sinnvoller: So müssen beispielsweise Gewichtheber in die Knie gehen, um die schweren Gewichte an der langen Stange überhaupt nach oben stemmen zu können. "Wenn Sie aber längere Zeit so hocken, beim Wäschesortieren oder beim Spargelstechen, dann tun ihnen danach die Knie weh." In diesem Fall ist es besser, sich mit gestreckten Beinen aus dem Kreuz nach unten beugen. Dass dabei die Bandscheibe herausspringen könne, ist laut Müller ein Märchen: "Das ist überhaupt nicht nachgewiesen." Die Bewegung könne zwar der Moment sein, bei dem es zum ersten Mal weh tut, ist aber nicht die Ursache.

2. Rückenschmerzen sind immer ein Signal dafür, dass mit der Wirbelsäule oder den Bandscheiben etwas nicht stimmt.

Ganz und gar nicht. "Viele Patienten haben Rückenschmerzen, obwohl ihre Wirbelsäule völlig in Ordnung ist", sagt Gerd Müller. Bei Schmerzen, die ins Bein ausstrahlen, dem so genannten Ischias-Schmerz, kann aber tatsächlich eine kaputte Bandscheibe dahinterstecken.

Manchmal hingegen sind auf dem Röntgenbild sichtbare Abnutzungen zu erkennen, dennoch spüren die Betroffenen keine Schmerzen. Für Müller keine Überraschung: "Das Röntgenbild zeigt in den seltensten Fällen die Ursache von Kreuzschmerzen. Es kann höchstens helfen, ernsthafte strukturelle Ursachen auszuschließen."

3. Rückenschmerzen sind immer ein rein körperliches Problem.

Der Einfluss der Psyche auf Rückenschmerzen wird von den meisten Menschen unterschätzt; dabei hat beispielsweise die Zufriedenheit am Arbeitsplatz mehr Einfluss auf Rückenschmerzen als der Grad der körperlichen Belastung, wie zahlreiche Studien belegen.

"Man kann aber nicht sagen: Jemand hat im Kopf ein Problem, darum tut's ihm im Kreuz weh", schränkt Gerd Müller ein. Stress und Depressionen sind sehr wahrscheinlich nämlich nicht der direkte Auslöser für die Schmerzen. Kommen aber Rückenschmerzen und Stress zusammen, können sie sich gegenseitig verstärken: Einerseits verkrampft man sich bei Stress, was die Schmerzen fördert. Andererseits können die Schmerzen selbst zur psychischen Belastung werden - etwa, weil man schlechter schläft.

Ein weiterer Einflussfaktor ist die Einstellungen des Patienten zu den Schmerzen, erklärt Müller: "In der Regel sind Rückenschmerzen nichts Schlimmes und kein Grund, Angst zu kriegen. Denn von der Angst werden die Schmerzen nur schlimmer."

4. Körperliche Belastung macht den Rücken kaputt.

Gerd Müller hält diese Theorie für ein Märchen: "Warum soll Belastung im Fitness-Studio gut sein und bei der Arbeit schlecht?" Untersuchungen zufolge sind Abnutzungserscheinungen zu nur fünf Prozent auf körperliche Belastung zurückzuführen, 70 Prozent des Verschleißes sind genetisch bedingt.

Und wenn es nach harter Arbeit mal zwackt, ist das laut Müller kein Signal, dass etwas kaputt geht, sondern ganz normal: "Wenn Sie den ganzen Winter nichts gemacht haben und dann graben Sie den Garten um, brauchen Sie sich nicht wundern, wenn danach der Rücken weh tut."

5. Wer öfter Probleme mit dem Rücken hat, sollte sich lieber schonen.

Ganz im Gegenteil, sagt Gerd Müller: "Wenn Sie schlechte Zähne haben, müssen Sie mehr putzen. Wenn Sie ein weniger stabiles Kreuz haben, müssen Sie das über ihre Muskulatur kompensieren und mehr Übungen machen." Statt sich in Watte zu packen, solle man die Rückenmuskeln lieber mit maßvollem Sport kräftigen, empfiehlt er.

6. Rückenschmerzen sind immer ein Fall für den Arzt.

Nein! Vielmehr sind Rückenschmerzen in 90 Prozent aller Fälle gutmütig und verschwinden von selbst. "Man kann Rückenschmerzen mit Schnupfen vergleichen", sagt Gerd Müller. "Fast jeder Mensch leidet mal unter ihnen. Sie gehören eben zum Leben dazu."

Wenn die Schmerzen länger anhalten, ist ein Besuch beim Arzt jedoch dringend zu empfehlen. Das gilt insbesondere, wenn bei dem Patienten bereits einmal bösartige Tumore festgestellt wurden. Unerklärliche starke Gewichtsabnahme, Fieber, Nachtschweiß oder Schwäche in Armen und Beinen sind im Zusammenhang mit Rückenschmerzen ebenfalls Warnsignale, die man ernst nehmen sollte.

7. Bei Rückenschmerzen sollte man sich am besten ins Bett legen.

Sicher: Wer sich schlecht fühlt, kann sich gern ein paar Stunden hinlegen und entspannen. Aber tagelang das Bett hüten wegen Rückenschmerzen? Bloß nicht! Denn wenn man das tut, beginnen die Rückenmuskeln sich zurückzubilden. "Je eher man wieder zu seinem Alltag zurückkehrt, desto besser", sagt Gerd Müller. "Aber lassen Sie es ruhig langsam angehen - Sie müssen ja nicht gleich den Garten umgraben." Und sollten die Schmerzen allzu schlimm werden, wirken die richtigen Schmerzmittel Wunder.

Etwas mehr Vorsicht ist geboten bei rückenbedingten Beinschmerzen. In diesem Fall sollte man den Rücken schonen und rechtzeitig zum Arzt gehen.

8. Mein Rücken braucht ein spezielles Rückentraining, um den Belastungen gewachsen zu sein.

Sport ist die beste Prävention: Er steigert die Belastbarkeit des Rückens. Ob Sie aber Fahrrad fahren, Fußball spielen oder zum Rückentraining gehen wollen, bleibt ganz Ihrem eigenen Geschmack überlassen. "Es gibt keine Studie, die gezeigt hat, dass eine bestimmte Übungsform einer anderen überlegen ist", sagt Gerd Müller. "Machen Sie das, was Ihnen Spaß macht. Wenn sich die Beschwerden dann nicht bessern, sollten Sie gezielte Übungen machen, z. B. unter Anleitung eines Physiotherapeuten. Und wenn das nicht hilft, können Sie immer noch ein Rückentraining ausprobieren."

Geeignet für Rückenschmerz-Patienten ist übrigens prinzipiell jede Sportart, so lange sie in Maßen betrieben wird.

9. Mein Bürostuhl macht meinen Rücken kaputt.

Hartnäckig hält sich die Theorie, dass langes Sitzen dem Rücken dauerhaft schadet. Mit wissenschaftlichen Daten lässt sich das nicht belegen: "Der Standard-Bürostuhl ist für den Rücken völlig in Ordnung", sagt Gerd Müller.

Wahrscheinlich ist es eher so: Wer den ganzen Tag regungslos im Büro sitzt, bewegt sich einfach nicht genug. Er verkrampft sich und bekommt Rückenschmerzen. Statt einen superteuren ergonomischen Wunderstuhl anzuschaffen, sollte man deshalb lieber ab und an die Sitzposition wechseln, einseitige Belastungen vermeiden - und regelmäßig die netten Kollegen aus dem Büro im dritten Stock besuchen gehen. Nehmen Sie die Treppe, nicht den Lift.

10. Mir kann nur noch eine Operation helfen.

"Nur die wenigsten Menschen mit Rückenschmerzen brauchen eine OP", sagt Gerd Müller. Schmerzstillende Spritzen und Medikamente oder alternative Behandlungsansätze wie Akupunktur helfen, die Beschwerden erträglich zu machen. Danach versucht man mit Muskelaufbau-Training und Entspannungstechniken, künftige Schmerzattacken zu vermeiden.

Operative Methoden helfen eher bei rückenbedingten Beinschmerzen, wenn die Verbindung zwischen Schmerz und Ursache geklärt ist.

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