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Interview

Fußballmannschaft eingeschlossen: Psychiater über Drama in Thailand - das kommt jetzt auf die Kinder zu

Schlamm, Dunkelheit, Kälte: Ein Fußballteam aus Thailand sitzt seit elf Tagen in einer Höhle fest - eine psychische Zerreißprobe für alle Betroffenen. Wie geht es den Kindern in der Höhle? Und was kommt in den nächsten Wochen auf sie zu?

Die Kinder in der thailändischen Höhle brauchen nun vor allem eines, sagt Angstforscher Borwin Bandelow: "Zuversicht"

Die Kinder in der thailändischen Höhle brauchen nun vor allem eines, sagt Angstforscher Borwin Bandelow: "Zuversicht"

Zwölf und ihr Betreuer sind seit fast zwei Wochen in einer thailändischen Höhle eingeschlossen. Der Fall sorgt weltweit für Schlagzeilen – und löst bei vielen Menschen Ängste aus. Warum ist das so?

Menschen haben eine natürliche Höhlenangst. Die stammt noch aus der Urzeit. Wenn man da keine Angst hatte und nicht vorsichtig in Höhlen war, dann wurde man von Bären gefressen oder verschüttet. Menschen haben zwar versucht, in Höhlen zu wohnen, aber sie waren sich dieser Gefahren bewusst und viele sind in Höhlen umgekommen. Deswegen haben wir auch heute noch eine genetisch verankerte Angst vor diesen Orten. Die macht sich zum Beispiel bei Leuten bemerkbar, die unter Angst in Tunneln oder Fahrstühlen leiden.

Wie belastend ist die Situation, in der sich die Kinder befinden?

Sehr belastend - vor allem die ersten Tage, in denen noch keine Retter bei ihnen waren. Das liegt an der Kälte und der Dunkelheit, wenn die Taschenlampenbatterien leer sind. Hinzu kommen der Hunger und die Angst, vielleicht nie gefunden zu werden. Das löst Todesangst aus. Ich war zufällig letztes Jahr in der Gegend von  auch in einer Höhle. Zwar nicht in dieser, aber nicht weit davon entfernt. Obwohl es draußen warm ist, ist es in diesen Höhlen sehr kalt. Da fliegen Fledermäuse. Das sind schon sehr furchterregende Orte, wenn man die Hoffnung aufgibt, überhaupt jemals wieder lebend rauszukommen. 

Ein Rettungsteam hat die Fußballmannschaft glücklicherweise gefunden. Sie können derzeit aber nicht aus der Höhle, weil das Wasser den Weg versperrt. Was bedeutet diese Situation für die Kinder?

Der Weg ist zwar versperrt, aber es gibt nun eine berechtigte Hoffnung auf Rettung. Ich schätze, dass die Kinder eher in einer guten Stimmung sind – sie werden von Tauchern versorgt, müssen nicht mehr hungern. Was bleibt, ist allerdings die Kälte und die Furcht, dass vielleicht doch noch etwas Unvorhergesehenes passieren kann, etwa eine weitere Flut.

Von den Kindern ist ein Video aufgetaucht. Sie lachen und scherzen – als Zeichen dafür, dass alles gut ist. Ist das nur aufgesetzt? 

Kinder sind zuversichtlicher als Erwachsene. Als Außenstehender könnte man meinen: Die armen Kinder sind eingesperrt, als Erwachsener würde man besser mit der Situation umgehen können. Aber das stimmt so nicht. Bestes Beispiel dafür sind Bilder von Erdbebengebieten: Die Erwachsenen sitzen oft am Boden, weinen, während die Kinder fröhlich lachend auf den Trümmern turnen. Kinder können oft nicht überblicken, welche Folgen solche Situationen haben können und sind psychisch widerstandsfähiger als Erwachsene.

Woran liegt das? 

Das Gehirn von Kindern stellt sich sehr schnell auf Gefahren ein. Positiv dürfte sich auch das Alter der eingeschlossenen Kinder auswirken: Sie sind zwischen elf und 16 Jahre alt – und damit alt genug, um nicht mehr typische Kindesängste zu haben. Kleine Kinder haben bestimmte Phobien, zum Beispiel Angst vor Gespenstern. Aber das dürfte auf die Kinder in der Höhle nicht mehr zutreffen.

Eine Idee ist, dass die Kinder tauchen lernen sollen, um sich selbst aus der Höhle zu befreien. Ist das ein Hoffnungsschimmer oder eine zusätzliche Belastung?

Ich denke nicht, dass das eine zusätzliche Belastung ist. Im Gegenteil: Es wird den Kindern eher Spaß machen und sie werden es auch schnell lernen. Tauchen im flachen Wasser ist relativ simpel. Man muss in erster Linie auf den Sauerstoff achten und aufpassen, dass man nicht zu schnell atmet.

Was können die Betreuer aktuell für die Kinder tun, um die Situation für sie erträglicher zu machen?

Nachrichten von den Eltern sind sicher hilfreich. Und natürlich müssen alle Beteiligten Zuversicht ausstrahlen. 

Höhle in Thailand

Tham Luang-Khun Nam Nang Non: Das Höhlensystem mit einigen markanten Wegpunkten 

Sind bei den Kindern im Nachhinein zu erwarten?

Es wird oft erwartet, dass jemand, der in so einer Situation war, im Nachhinein eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Das ist tatsächlich eher selten der Fall. Gerade in dieser Konstellation ist das nicht zu erwarten, weil die Kinder in einem Alter sind, in dem sie relativ gut davor geschützt sind. Man muss sie also auf keinen Fall prophylaktisch zum Psychologen schicken. Es wird immer auch gemutmaßt, dass Betroffene eine Platzangst bekommen, wenn sie so lange Zeit eingesperrt waren. Das stimmt so aber nicht. Platzangst ist in Deutschland unglaublich verbreitet und wer von den Deutschen mit Agoraphobie war jemals tagelang in einer Höhle eingesperrt? Wahrscheinlich die wenigsten.

Vor acht Jahren ereignete sich ein vergleichbares Unglück: Dutzende Bergleute wurden in verschüttet, mussten 69 Tage auf Rettung warten. Die Bergung gelang mit einer Kapsel. Viele dieser Menschen leiden heute unter Depressionen, sind alkoholkrank, haben Schlafstörungen. War diese Entwicklung in irgendeiner Form vorherzusehen?

Ich glaube, dass das ein wenig übertrieben dargestellt wird. Ich habe gehört, dass bei vielen dieser Männer schon vorher eine Alkoholabhängigkeit bestand. Diese haben auch nach diesem einschneidenden Erlebnis Suchtprobleme. Problematisch war bei der chilenischen Geschichte vor allem aber das "danach": Die Bergleute wurden zu Helden erhöht, überall gefeiert. Sie traten im Fernsehen auf, waren plötzlich berühmt. Einige dieser Männer trennten sich von ihren Frauen und ihrem gewohntem Umfeld, verprassten ihr Geld mit Glücksspielen und beim Feiern. Als das Interesse an ihnen abebbte, folgte der Absturz. Bei den psychischen Folgen spielen meiner Meinung nach eher diese sekundären Faktoren eine Rolle – weniger das Unglück an sich.

Ganz allgemein gefragt: Warum entwickeln einige Menschen nach einem Trauma eine Belastungsstörung – andere wiederum nicht?

Man weiß, dass 15 Prozent aller Menschen nach einem schweren Trauma eine Belastungsstörung entwickeln. Die anderen 85 Prozent bleiben gesund. Das hängt immer auch von der Art des Traumas ab. Zum Beispiel war ich 2008 in China nach dem schweren Erdbeben von Chengdu. Es gab damals 70.000 Tote und unzählige Schwerverletzte. Die Psychiater vor Ort haben ein Zentrum für Belastungsstörungen eingerichtet. Man wartete auf Patienten – doch niemand kam. Ich glaube, das hing damit zusammen, dass eine riesige Gruppe von diesem Beben betroffen war. Das ist eine ganz andere Ausgangslage als wenn man allein ein Trauma durchleben muss, zum Beispiel eine Vergewaltigung. Vergewaltigungen verursachen einen höheren Prozentsatz an posttraumatischen Belastungsstörungen als etwa Unfälle. Bei Kriegen und größeren Umweltkatastrophen erleidet oft nur ein geringer Prozentsatz eine solche Störung. Weil Menschen diese Situationen zusammen erlebt haben und sich gegenseitig unterstützen können.

Welche Rolle spielen genetische Faktoren?

Die Belastungsstörung entsteht meist auf dem Boden einer Veranlagung oder wie wir es nennen: Disposition. Das bedeutet: Betroffene haben bereits in der Familie jemanden, der diese Störung nach einem schweren Trauma entwickelt hat. Oder die Betroffenen hatten schon vor dem Trauma mit psychiatrischen Krankheiten zu kämpfen – etwa einer Depression oder einer Angststörung. 

Wie kann verhindert werden, dass eine Störung entsteht?

Man ist früher davon ausgegangen, dass sich das verhindern lässt, wenn alle Betroffenen eines Traumas prophylaktisch zum Psychologen geschickt werden. Das hat man zum Beispiel nach dem Zugunglück von Eschede gemacht. Da wurden die 600 Helfer, die die Leichen aufsammeln mussten und Schwerverletzte geborgen haben, zur Psychotherapie geschickt. Diese Methode, nach einer Katastrophe alle Beteiligten sofort zu behandeln, nennt sich "Debriefing". Das unerwartete wissenschaftliche Ergebnis war: Die, die in Behandlung waren, hatten häufiger eine  posttraumatische Belastungsstörung entwickelt als die, die nicht in Behandlung waren. Das hat man nicht nur in Eschede festgestellt, sondern auch bei anderen Katastrophen. "Debriefing" gilt mittlerweile als überholt. Denn dann werden nicht nur die 15 Prozent behandelt, die eine Belastungsstörung entwickeln, sondern auch die anderen 85 Prozent, die keine entwickelt hätten.

Die Lage der Höhle Tham Luang-Khun Nam Nang Non in der Provinz Chaing Rai im Norden Thailands

Die Lage der Höhle Tham Luang-Khun Nam Nang Non in der Provinz Chaing Rai im Norden Thailands

Und auf diese 85 Prozent kann sich eine Therapie nachteilig auswirken?

Genau. Stellen Sie sich einmal das folgende Szenario vor: Sie hatten einen schweren Unfall und gehen nun fortan jeden Montag zu einem Psychotherapeuten. Und dann sitzen Sie da und werden jeden Montag – ob Sie nun wollen oder nicht – auf das Erlebte angesprochen oder allein durch den Termin daran erinnert. Da werden die Wunden Woche für Woche aufgerissen. Das kann den Selbstheilungsprozess nach solchen Ereignissen stören. Es heißt ja oft: Die Zeit heilt alle Wunden. Und das trifft tatsächlich auf viele Menschen zu. Sie vergessen und verdrängen mit der Zeit. Der Schmerz schwindet  – auch ohne Therapie.

Wie sollte nach einem Trauma vorgegangen werden?

Man muss Wege und Möglichkeiten öffnen, dass Betroffene sich Hilfe holen können. Aber man darf sie keinesfalls drängen, unbedingt zum Psychotherapeuten zu gehen.

Angenommen, die Rettung der Kinder glückt. Worauf sollten die Eltern in den darauffolgenden Tagen achten?

Keine Zwänge auferlegen, sondern die Kinder stattdessen beobachten und gegebenenfalls Hilfe anbieten. Außerdem ist es wichtig, die Kinder vor der Öffentlichkeit und der Presse abzuschirmen. Damit sie nicht öffentlich als die großen Helden in den Medien ausgeschlachtet werden. Wenn sie von dieser Heldenposition wieder herunterfallen, dann wird - wie man das auch in Chile gesehen hat – der Aufprall hart sein.

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