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Meditation im Selbstversuch: Ruhe jetzt! Verdammt noch mal!

Unser Kollege Kester Schlenz versucht seit Jahren zu meditieren. Protokoll einer schwierigen Reise ins ersehnte Nichts.

Meditation im Selbstversuch: Ruhe jetzt! Verdammt noch mal!

Autor Kester Schlenz beim Versuch der Meditation: "Mist, mein bein schläft ein. Egal, einfach weiteratmen"

Es gab vor zehn Jahren eine Phase in meinem Leben, in der ich – na, sagen wir - etwas angestrengt war. Ich will um Himmels willen nicht das schlimme Wort Burnout benutzen, aber ich war total ausgebrannt. Der Job forderte viel, die Söhne waren in der Pubertät und ich in der Midlife-Crisis. Mein Hausarzt sagte: "Junge, du musst dringend runterkommen. Du brauchst . Meditation ist das Richtige für dich. Versuch's mal." So fing es an.

Ich kaufte mir ein Buch. Und dann noch ein paar. Ich las sehr viel über Meditation und Achtsamkeit und fand, das hört sich alles gut und gar nicht schwer an. Vor allem die Sachen über die sogenannte stille Meditation, die man auch Ruhe-Meditation nennt. Bingo. Genau mein Ding! Eigentlich musste man nur dasitzen, atmen und an nichts denken.

So einfach!

So verdammt schwer!

Das Wesen der stillen Meditation ist, nichts zu tun

Ich übte zu Hause. Setzte mich hin und atmete. Ein und wieder aus. Ein und wieder aus. Das Wesen der stillen Meditation ist, nichts zu tun, nichts zu denken, nichts zu bewerten, nur zu "sein" und zu atmen. So weit die Theorie. In der Praxis lief das bei mir am Anfang in etwa so ab:

Einatmen, Pause, ausatmen. Jetzt bloß an nichts denken.

Hmm, ich denke ja gerade daran, bloß nicht an irgendwas zu denken. So geht das nicht. Einfach weiteratmen.

Ein und aus. Ein und aus.

Hmm ... fühlt sich gut an. Ach, Mist, ich soll ja nichts bewerten.

Ein und aus. Ein und aus. Oh, Mann – dieser Lärm. Warum muss die dumme Sau da draußen ausgerechnet jetzt ihren Rasen mähen?

Ruhe jetzt: Löse dich vom hektischen Leben da draußen.

Einfach weiteratmen ...

Ein und aus. Ein und aus.

Da! Ich spüre das Nichts nahen. Nennt mich Buddha!

Mensch, halt jetzt die Schnauze.

Ein und aus. Ein und aus.

Mist, es ziept am Sack. Ich hätte keine so enge Unterhose anziehen dürfen. Ach, das geht vorbei.

Ein und aus. Ein und aus.

Da – jetzt schläft mein linkes Bein ein. Es kribbelt. Und jetzt tut's weh. Warum habe ich auch gleich im Schneidersitz mit dem Meditieren angefangen? Ich bin so ein Depp. So: weiteratmen.

Ein und aus. Ein und aus. Mann, bin ich müde.

Ein und aus. Ein und ....

Tssssssss..........

Sie sehen, es war nicht einfach. Aber ich blieb erst einmal dran. Machte jeden Tag weiter. Erst zehn, dann fünfzehn, dann zwanzig Minuten. Und trotz aller Ablenkungen und gedanklichen Abschweifungen spürte ich, dass mir das Sitzen und Atmen guttaten. Ich fühlte mich danach irgendwie klarer und – ja – ruhiger. Ihnen wird das auch so gehen! Lassen Sie uns das jetzt einfach mal zusammen machen. Schließen Sie die Augen. Ach, nee, dann können Sie ja nicht weiterlesen. Also schließen Sie bitte erst nach diesem Absatz die Augen: Setzen Sie sich möglichst aufrecht hin, und atmen Sie mindestens zehn Mal langsam durch die Nase tief ein und wieder aus. Achten Sie darauf, dass sich dabei vor allem der Bauch hebt und senkt, und nicht so sehr der Brustkorb. Dann machen Sie es richtig. Also jetzt gleich zehn Mal ein und aus. Und konzentrieren Sie sich dabei ausschließlich auf das Atmen und besonders auf die kleine Pause zwischen den Atemzügen – diesen Moment der absoluten Ruhe. Der hat seine ganz eigene Magie. So: Augen zu, bitte.

(...)

Ich würde sie entdecken: die Magie der Gegenwart

Na, wie war das? Irgendwie gut, oder? Und genau so fängt man an mit der Ruhe-Meditation. Einfach so. Und so machen es unzählige Menschen seit über 2000 Jahren. Die Quellen der Meditation liegen nicht nur, aber vor allem im Buddhismus. Und in den zahlreichen buddhistischen Zentren bei uns im Land kann man sie auch lernen. Das muss man aber mögen. Ich selbst besuchte ein buddhistisches Zentrum in aus der sogenannten Karma-Kagyü-Linie, wo man gemeinsam auf den 16. Karmapa, einen Erleuchteten, hinmeditiert, den man sich als goldenes Licht vorstellt, das einen durchdringt. Sie merken schon, das klingt in unseren Ohren etwas schräg, und das ist es auch. Die gemeinsame, stille Meditation war aber toll, das Mantras-Singen (ja, auch mit "Om"!) fand ich noch okay, aber als dann alle zusammen etliche tibetische Verse vom Blatt ablasen, stieg ich innerlich aus und verließ dann die Karma-Kagyü-Linie. Nee, das war nichts meins!

Also versuchte ich, zu Hause allein weiterzumeditieren. Wozu hatte ich all die Bücher gelesen? Atmen und achtsam sein. Das konnte doch nicht so schwer sein, verdammt noch mal. Ich würde sie entdecken: die Magie der Gegenwart.

Mir hat es gutgetan, das zumindest zu versuchen. Etwa bewusst zu essen, statt Nahrung nur runterzuschlingen. Im Garten zu sitzen und einfach zu schauen, was um mich herum geschieht. Es mag bescheuert klingen, aber es kann ein tolles Gefühl sein, sich in einen Tautropfen auf einem Blatt zu versenken und dabei die Sonne im Nacken zu spüren.

Das hört sich jetzt allerdings weiser und abgeklärter an, als es in Wirklichkeit war. Denn die tägliche Achtsamkeit gelang mir selten. Mal kreisten die Gedanken zu sehr um Probleme, mal wurde ich gestört, und mal war der Tautropfen trotz aller Bemühungen einfach nur ein wenig Wasser auf einem beschissenen Stück Giersch, das ich später plattmachen wollte. Und so blieb ich der ewige Meditations-Novize, ein Meister der inneren Absichtserklärungen. Und kam nie so richtig rein.

Aber der Wunsch nach innerer Ruhe blieb. Und ich entschloss mich, etwas konsequenter an die Sache ranzugehen. Ich buchte ein Blockseminar. Und zwar ein dreitägiges Meditationswochenende im "Haus der Stille" vor den Toren Hamburgs. Das ist ein buddhistisches Meditationszentrum, das sich aber sehr explizit auch an Nicht-Buddhisten richtet und das mir von mehreren Leuten empfohlen wurde.

Ein Meer der Ruhe

Ich meldete mich also an, fuhr hin, checkte ein und erfuhr, dass wir nach der Begrüßung nun fortan schweigen würden. Nur der Kursleiter würde in den jeweiligen Übungseinheiten reden. Wir selbst bitte mit ihm oder untereinander am ganzen Wochenende nicht. Also schwieg ich.

Das war erst seltsam, dann interessant und schließlich faszinierend. Diese schweigsame Ruhe um einen. Sich beim Essen nicht zu unterhalten und still in den Saal zum Meditieren zu gehen. Und wie wir meditierten! Viel und lange. Wir saßen auf Kissen und atmeten, angeleitet und ermuntert von einem freundliche Mann, der eine ungeheure Aura hatte. Die personifizierte Ausgeglichenheit. Ein Meer der Ruhe. Schon mit ihm in einem Raum zu sitzen beruhigte mich auf der Stelle.

Aber nach einer halben Stunde kamen schon am ersten Tag die Rückenschmerzen, die eingeschlafenen Beine, die innere Unruhe. Es ging fast allen so, wie ich später erfuhr. Unser Kursleiter wusste das, kündigte die Probleme schon vorher an und machte Vorschläge, wie damit umzugehen sei. Leute mit Rückenproblemen durften sich anlehnen, schwache Blasen wurden in der Nähe der Tür postiert, um möglichst wenige Leuten zu stören.

Und es klappte. Fünfzehn Leute im Raum störten mich nicht, obwohl immer mal einer irgendwelche Geräusche von sich gab. Das gemeinsame In-die-Stille-Gehen hatte eine ganz eigene Energie. Eine besondere Stimmung lag in der Luft. Ich fand so besser zur Ruhe als allein.

Wir meditierten dreimal am Tag. Und nach und nach kam ich immer besser rein, ignorierte Ablenkungen und Zipperlein. Es tat gut, nichts zu denken, nur zu sein. Na ja, es zumindest zu versuchen. Denn irgendwo war da immer ein Gedanke, eine Irritation. Aber ich lernte besser, das einfach nur festzustellen, mich nicht zu ärgern und dann weiterzumachen.

Wow, dachte ich. Wie geil ist das denn?

Am Vormittag des dritten Tages geschah es. Ich saß mit den anderen im Raum und meditierte. Und dann war es da, ohne Ankündigung. Nur für einen kurzen Moment. Ein ungeheures Gefühl der Klarheit, einer umfassenden Präsenz im Hier und Jetzt ohne jede Wertung. Wow, dachte ich. Wie geil ist das denn? Und allein diese Begeisterung holte mich wieder raus aus diesem Zustand. Zack war es vorbei mit dem Hauch Erleuchtung. Aber ich hatte sozusagen von der Quelle der inneren Ruhe gekostet. Dieses Gefühl wollte ich wieder erleben. Ich beschloss, fortan jeden Tag zu meditieren, komme, was da wolle.

Dann war das angenehm schweigsame Wochenende im "Haus der Stille" auch schon wieder zu Ende. Als ich in mein Auto stieg und das Handy wieder einschaltete, hatte ich meinen damaligen Chefredakteur auf der Mailbox: "Bewegen Sie Ihren knochigen Arsch in die Redaktion. Ich brauche Sie hier. Hab übrigens gehört, wo Sie gerade sind. Und ich sage Ihnen: Einfach mal die Schnauze halten können Sie auch hier. Freu mich, Sie zu sehen. Und das bald!"

Da war sie also wieder, die Welt da draußen. Ich atmete tief ein und aus und fuhr los. Die Hände achtsam am Lenkrad. Die stern-Redaktion ist vieles. Aber wahrlich kein Haus der Stille. Doch in meinem Innern nahm ich eben dieses Haus mit. Manchmal suche ich mir inmitten der ganzen Hektik um mich herum einfach einen ruhigen Platz, schließe die Augen und besuche es.

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