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Ratgeber Alternativmedizin: Magische Vorstellungen

Die Anthroposophische Medizin fußt auf rational schwer zugänglichen Prinzipien, und für ihre Wirksamkeit fehlen überzeugende Belege. Riskant wird sie da, wo ihre Ärzte von schulmedizinischen Eingriffen abraten - etwa vom Impfen.

Von Edzard Ernst

Anthroposophie, wörtlich "die Weisheit vom Menschen", versteht sich als Erkenntnislehre mit dem Ziel, Zugang zu Phänomenen der übersinnlichen Welt zu ermöglichen. Gemeinsam mit der Ärztin Ita Wegman entwickelte Rudolf Steiner Anfang des vorigen Jahrhunderts die anthroposophische Medizin. Sie beruht auf einer Fülle von magischen, alchemistischen und astrologischen Vorstellungen, die aus verschiedenen Kulturkreisen und Medizinschulen entlehnt sind.

Ähnlich wie in der Homöopathie werden die meisten Medikamente hoch verdünnt, häufig kommen homöopathische Prinzipien zum Einsatz. So wird die Mistel als Krebsmittel verwendet, weil sie parasitär wie ein Tumor von einem gesunden Organismus lebt. Die anthroposophische Medizin umfasst auch Kunsttherapien, Massage, Bewegungstherapie sowie Wickel, Einreibungen und Bäder. Die dabei zugrunde liegenden Prinzipien sind rational nur schwer zugänglich und wissenschaftlich kaum plausibel. Nicht das ist letztlich entscheidend, sondern ob belegbare Wirksamkeitsnachweise vorliegen.

Am gründlichsten erforscht ist die anthroposophische Misteltherapie bei Krebs. Die Mehrzahl der methodisch guten und daher aussagekräftigen Untersuchungen zeigt keine Wirksamkeit. Dies trifft zu sowohl für die vermeintliche Hemmung des Krebswachstums wie auch für die häufig postulierte Lebensqualität-verbessernde Wirkung der Mistel.

Anthroprosophische Gutachten sind methodisch angreifbar

Anthroposophen sehen das natürlich anders und legen Analysen vor, die sehr wohl für eine Wirksamkeit sprechen. Diese sind jedoch methodisch derart angreifbar, dass ihre Aussagekraft bezweifelt werden muss. Ferner argumentieren Anthroposophen, dass die Mistel ja nur einen Teilaspekt des Gesamtkonzepts darstellt - und das solle man bewerten. Auch hierzu führen sie verschiedene Untersuchungen an. Aber auch diese Studien sind wenig überzeugend - sie überzeugen letztlich nur Überzeugte. Derzeit existiert keine einzige Studie zum Thema, die methodisch wasserdicht wäre.

Wie lässt sich dann erklären, dass so viele Bundesbürger auf anthroposophische Medizin schwören? Die Diskrepanz ist einfacher aufzulösen, als man denkt.

Die plausibelste Erklärung ist, dass Patienten nicht von der anthroposophischen Therapie selbst profitieren, sondern von guter Pflege, einfühlsamer Betreuung, empathischer Zuwendung und Placeboeffekten.

Anthroposophische Impfgegner sind gefährlich

Zumindest richtet die anthroposophische Medizin keinen Schaden an, werden manche Leser denken. Hier bin ich mir leider nicht so sicher. Zwar sind die meisten anthroposophischen Therapien relativ ungefährlich, jedoch gibt es Hinweise dafür, dass anthroposophische Ärzte ihren Patienten von konventionellen Interventionen abraten. Am deutlichsten zeigt sich das beim Thema Impfen: Es gibt aus den vergangenen Jahren gut dokumentierte Ausbrüche von Masern, die auch auf anthroposophische Impfgegner zurückzuführen sind. In Coburg waren 1191 und in den Niederlanden 3292 Menschen - vor allem Kinder - betroffen. Es mag also sein, dass die anthroposophischen Mittel ungefährlich sind; ob das Gleiche allerdings auch für anthroposophische Ärzte gilt, sei dahingestellt.

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