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Nichtraucher-Tagebuch Neid und Mitleid


Sie sind Raucher und wurden am Wochenende auf dem Hamburger Hafengeburtstag von jemandem neidisch angestarrt? Gut möglich, dass ich es gewesen bin. Über die Schizophrenie der Rauchentwöhnung.
Von Björn Erichsen

Wenn sich in Hamburg Hunderttausende an der Elbe treffen, läuft entweder wieder mal ein Ozeanriese ein oder es ist Hafengeburtstag. Oder beides, wie am letzten Wochenende. Egal wie, Anlass genug, um ein bisschen zu feiern.

"Meiden Sie solche Situationen!" - So lautet der gut gemeinte Ratschlag in einer Broschüre mit dem Titel "Weg vom Rauchen". In Gesellschaft sei die Anfechtung anfangs besonders groß, außerdem mindere Alkohol die Widerstandskraft ganz gewaltig. Aber ich war mit Freunden verabredet und nach einer anstrengenden Woche nicht gewillt, auf einen schönen Abend zu verzichten. So begab mich in Versuchung.

In mir brannte der Neid lichterloh

Die lauerte an jedem Bier- und Bratwurststand. Egal wo wir hinkamen, mir sprangen sofort die vielen Grüppchen von Rauchern ins Auge. Um mich herum dampfte und qualmte es, trotz des Trubels hörte ich ständig irgendwelche Feuerzeuge klicken. Ungefähr 20 Millionen erwachsene Raucher gibt es in Deutschland, nach meinem Empfinden verbrachten die meisten von ihnen das letzte Wochenende ganz in meiner Nähe.

Ich hoffe, sie haben es nicht bemerkt, aber ich habe einige von ihnen angestarrt. Die unerträgliche Leichtigkeit, mit der sie an ihren Zigaretten zogen, diese unverschämte Freiheit. In mir brannte der Neid lichterloh. Ich kam mir vor wie Tolkiens "Gollum", der nur eines will: seinen "Schatz". Immer mal wieder versuchte ich, eine Prise umherwabernden Rauches zu inhalieren. Gilt aktives Passivrauchen schon als Rückfall? Eine Zigarette habe ich aber bis heute nicht angefasst.

Denn da gibt es noch eine andere Seite, einen "Sméagol", wenn man so will. "Ich will nicht mehr und ich werde nicht mehr!" lautet dessen klare Botschaft. Wenn ich das denke, fühle ich mich stark. Aus Neid wird dann Mitleid, weil die Freiheit des Rauchers doch nur Zwang ist. stern.de-User "anroha" hat diese Haltung in einem Kommentar ziemlich treffend "arrogant-mitleidig" genannt.

Ich will kein militanter Nichtraucher werden

Ich habe mir vor meinem Rauchstopp geschworen, kein militanter Nichtraucher zu werden. Dafür saß ich viel zu lange mit im Boot, und ob ich da wirklich rauskomme, muss ich erst noch beweisen. Aber diese Mischung aus Arroganz und Mitleid tut gegenwärtig wirklich gut. Und sie hilft immer dann, wenn sich der gierige Gollum mal wieder meldet.

Ob man durch das Nichtrauchen mehr Alkohol verträgt als vorher, wie User "anroha" weiter ausführt, habe ich (noch) nicht ausgetestet. Aber ich bin morgens schon lange nicht mehr so fit aufgewacht wie in den letzten Tagen. Ganz anders ging es einem Freund. Der hat bei etwa gleicher Alkoholmenge 30 Zigaretten geraucht - und einen monströsen Kater eingefahren. Da war Mitleid dann wirklich angebracht.


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