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Salmonellen: Gewappnete Gegner

Immer häufiger tauchen Salmonellen auf, die gegen Antibiotika resistent sind. Experten schlagen Alarm.

Es riecht noch immer penetrant nach Putzmitteln. Jede Fliese haben sie geschrubbt, sämtliches Geschirr gespült, alle offenen Lebensmittel weggeworfen, selbst die Gewürze. Dann kam ein Mann im Schutzanzug, nebelte die Küche mit Desinfektionsmittel ein. Achtfache Dosis. Alle Mitarbeiter mussten sich beim Arzt untersuchen lassen. Der Chefkoch musste sich zwölf Tage vom Herd fern halten, bis das Ergebnis der Laboruntersuchung vorlag. Eine Köchin erlitt einen Weinkrampf. "Meine Mannschaft", seufzt Küchenkoordinator Klaus Müller, "ist völlig am Ende."

Seit binnen weniger Tage sechs alte Damen in Oberstdorf starben, stehen zwei Allgäuer Großküchen unter Generalverdacht. Sie liefern Essen an Krankenhäuser, Kindergärten, Firmen und Altenheime, unter anderem an das Rotkreuz-Seniorenheim, in dem die Frauen lebten: Schweinebraten mit Knödel und Bayerischem Kraut, Zucchinicremesuppe und Hühnchenbrustfilet mit Reis, dazu Mandelpudding und Salat. Es gibt von jedem Gericht eine tiefgefrorene "Rückstellprobe", die untersucht wurde. Bislang aber fand sich im Essen keine Spur des Erregers, der im Körper der Frauen entdeckt wurde und der weitere 82 Menschen infizierte: Salmonella enteritidis. Salmonellen.

Lebensgefährlich für Kinder und alte Menschen

In Deutschland ist Salmonellose die häufigste durch Lebensmittel verursachte Darmerkrankung. Mehr als 63 000 Infektionen zählten die Gesundheitsämter im vergangenen Jahr. Die Dunkelziffer liegt allerdings schätzungsweise zehnmal höher. "Nicht jeder, der Durchfall hat, geht zum Arzt", sagt Michael Hensel, Salmonellenforscher an der Universität Erlangen.

Bauchgrummeln, Dünnpfiff und Übelkeit kurieren viele einfach mit ein paar Tagen Bettruhe aus. Gesunde Erwachsene registrieren die Invasion im Bauch häufig nicht einmal. Ihre Magensäure wird in vielen Fällen ohne weiteres mit Salmonellen fertig. Anders bei Säuglingen, Kleinkindern, Alten und Menschen mit geschwächtem Immunsystem - bei ihnen kann eine Salmonellose lebensgefährlich werden. Jahr für Jahr sterben zwischen 90 und 120 Menschen an der Infektion.

Extrem anpassungsfähige Subtypen

Trotz solcher Todesfälle schien die Salmonellose insgesamt beherrschbar zu sein. Die Zahl der gemeldeten Infektionen sank sogar seit Anfang der 90er Jahre beständig. Doch im Juni dieses Jahres schlugen Experten bei einem internationalen Kongress des "Bundesinstituts für Risikobewertung" Alarm. Grund: neue, extrem anpassungsfähige Subtypen des Erregers, die "hochgradig multiresistent sind", so Reiner Helmuth, Leiter des Nationalen Referenzlabors für Salmonellen in Berlin. Wer diese Erregertypen mit Eiersalat oder Putenschnitzel verspeist, kann im Krankheitsfall nicht mehr auf Antibiotika setzen. "Da ist die ärztliche Kunst fast am Ende", bekennen Salmonellenforscher.

Viele Bakterienstämme sind resistent gegen Antibiotika

Die verhängnisvolle Entwicklung begann schon in den 60er Jahren. Damals beobachteten Forscher vom Referenzlabor erste Stämme, die nicht mehr auf bestimmte Antibiotika ansprachen. Neue Wirkstoffe kamen auf den Markt. Kurze Zeit später hatten sich die Salmonellen auch diesen angepasst. "In den 70er und 80er Jahren kamen immer mehr Resistenzen dazu", sagt Reiner Helmuth. Inzwischen sind zwei von drei Bakterien, die in Rindern, Schweinen und Geflügel entdeckt werden, gegen mindestens ein Antibiotikum gefeit, das früher einmal gewirkt hat. 42 Prozent der Salmonellenstämme in Lebensmitteln sind gegen mehrere Wirkstoffe unempfindlich, zum Teil sogar gegen neuere, sonst sehr effektive Fluorchinolone, die nur in schweren Fällen eingesetzt werden.

In Dänemark starben vor wenigen Jahren zwei Patienten an hoch resistenten Salmonellen vom Stamm Typhimurium DT 104. Und die Ärzte mussten machtlos zusehen. Seitdem wird der mutierte Erreger dort sehr ernst genommen. Inzwischen haben Kontrolleure in Putenfleisch sogar Salmonellen entdeckt, die auf kein einziges für Menschen zugelassenes Antibiotikum mehr ansprachen. Das Fleisch stammte von einem deutschen Geflügelproduzenten. "Man kann sicher sein, dass es auch in Deutschland Todesfälle durch multiresistente Erreger gibt", sagt Reiner Helmuth.

Heute existieren mehr als 2500 Untertypen von Salmonellen. "Salmonellen bilden jede Stunde neue Mutationen", so Helmuth. Schuld an der permanenten Verwandlungskunst sei vor allem der jahrzehntelange großzügige Einsatz von Antibiotika in Landwirtschaft und Fleischproduktion. Mit dem Griff in die "Stallapotheke" sanieren Geflügelzüchter nicht nur kranke Bestände, sondern steigern auch das Wachstum ihrer Tiere. Gang und gäbe ist die so genannte Metaphylaxe auch im Rinderstall: Ein Kalb hat Durchfall, dann wird gleich der ganze Bestand behandelt - am liebsten mit den effektiven Breitbandantibiotika. "Die töten eine Milliarde Bakterien, lassen aber das eine, das zufällig nicht auf das Antibiotikum anspricht, überleben", so Helmuth. Daraus kann der nächste resistente Stamm werden.

Verbot von Antibiotika in der Tierzucht angestrebt

Die Resistenzen entstehen so schnell, dass Wissenschaft und Pharmaindustrie bei der Entwicklung neuer Medikamente nicht mithalten können. An der Universität Erlangen suchen Michael Hensel und seine Forschungsgruppe "Salmonelleninfektion" seit Jahren nach einem Gegenmittel. Doch das ist noch in weiter Ferne, genauso wie ein Impfstoff für Menschen gegen Salmonellose.

Bei einem Kongress im November wollen die Forscher nun Maßnahmen anderer Art diskutieren und beschließen. Beispielsweise eine Reduzierung oder ein Verbot von Antibiotika in der Tierzucht, wie es Dänemark mit Erfolg vormacht. Eines allerdings ist sicher: Der Gegner hat die Abwehrstrategie bereits parat. Reiner Helmuth: "Wir haben heute schon Bakterien mit Resistenzen gegen Antibiotika, die es noch gar nicht gibt."

Mitarbeit: Peter Ahlborn/Friederike Nagel

Ingrid Eißele / print

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