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Schweinegrippe in Deutschland: 102 Sekunden bis zur nächsten Spritze

Stell Dir vor, Deutschland impft gegen die Schweinegrippe und alle gehen hin: Die Praxen werden von Impfwilligen überrannt, die Ärzte spritzen im Zwei-Minuten-Takt - wenn das Serum nicht aus ist.

Von Niels Kruse

Im 102-Sekunden-Takt gegen die Schweinegrippe: Jacke aus, Pullover aus. "Wie geht es Ihnen? Haben Sie Vorerkrankungen? Allergien? - Nein?" Desinfizieren, Spritze setzen, danach Pflaster rauf, anziehen, raus, Nächster, bitte. So geht das seit Tagen. "Bis zur Treppe haben die Leute Schlange gestanden", sagt Akbar Barialai, Allgemeinmediziner in Hamburg-Mümmelmannsberg - gut und gerne 20 Meter. Seine Sprechstundenhilfe hat interessehalber ausgerechnet, wie viel Zeit da pro Patient bleibt: 1,8 Minuten oder eben 102 Sekunden. "Der Ansturm hat selbst die Gesunden krank gemacht", sagt Barialai.

Es ist Donnerstag, halb zehn Uhr morgens. Der Arzt lehnt im Pausenraum an einem weißen Schrank und freut sich sichtlich über ein Päuschen. Sein Wartezimmer ist mit rund einem Dutzend Patienten vollbesetzt, von denen sich aber nur vier gegen den H1N1-Erreger impfen lassen wollen. Vergleichsweise wenig im Verhältnis zu den Tagen zuvor. Was aber nicht daran liegt, dass weniger Menschen den Grippeschutz wollen, sondern daran, dass in diesen Tagen zusätzliche Impfstellen eingerichtet wurden.

50 Millionen Impf-Einheiten sind bestellt

Seit Anfang November läuft die größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik. Insgesamt sind 50 Millionen Dosen Pandemrix bestellt. Bei 80 Millionen Bundesbürgern reicht das für etwas über 60 Prozent der Bevölkerung - wenn nur einmal geimpft werden muss. Mehr als 9,3 Millionen Dosen kann das Pharmaunternehmen Glaxo-Smith-Kline bis Ende des Monats aber nicht liefern, 20 Millionen sollen es bis Ende des Jahres sein. In einigen Bundesländern reicht es jetzt schon hinten und vorne nicht, wie in Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt. Dort ist das Serum in den vergangenen Tagen bereits ausgegangen oder so knapp geworden, dass Impfwillige auf Wartelisten gesetzt werden.

Gleichzeitig breitet sich die Schweinegrippe immer schneller aus. Das Berliner Robert-Koch-Institut meldet 15.000 neue Infektionen pro Woche. Vor sieben Tagen war es gerade einmal die Hälfte. Allerdings sind die Ärzte wegen des großen Andrangs mittlerweile nicht mehr verpflichtet, Verdachtsfälle zu melden. Wie so viele seiner Kollegen hat es auch Akbar Barialai "längst aufgegeben, eine genaue Diagnose zu stellen". Wer zu ihm mit Fieber, Husten und Gelenkschmerzen kommt, wird für ein paar Tage nach Hause geschickt. Das war's dann aber auch.

28 Praxen für knapp zwei Millionen Einwohner

In der Hansestadt gab es zunächst 28 Anlaufstellen - für knapp zwei Millionen Einwohner. Darunter sechs Kinderärzte und sieben Gesundheitsämter. Um die Lasten besser zu verteilen, wurde kurzfristig entschieden, das Serum an weitere Ärzte zu verteilen. Wobei einige schon wieder aufgegeben haben, weil der normale Betrieb nicht mehr möglich war. Manch Mediziner geht schon seit Tagen nicht mehr ans Telefon, stattdessen läuft ein Band mit der Ansage, dass bis auf weiteres keine Termine mehr frei seien. Andere Praxen wiederum würden gerne impfen, bekommen aber keine Zulassung vom zuständigen Gesundheitsamt.

Ein Chaos, das Bundesgesundheitsminister Philip Rösler mit einem Impfgipfel in den Griff zu bekommen versuchte. Er mahnt seit Tagen an, nicht jeder solle sofort zu den Impfstellen rennen. "Aber das ist natürlich Wunschdenken", sagt Barialai. "Wenn ich gesagt hätte: 'Tut mir leid mir leid, liebe Leute, hier gibt’s keine Impfung für Gesunde', wäre zwischen den Patienten Krieg ausgebrochen." Also bekommt nun jeder, der unbedingt will und bei dem keine medizinischen Gründe dagegensprechen, seine Dosis bei ihm ab.

Impfdilemma für Schwangere

Tatsächlich verläuft die Impfkampagne in Deutschland selten unglücklich. Dass die Deutschen das Vertrauen in die Impfung gegen H1N1 verloren haben, ist zum großen Teil auch eine Schuld der sogenannten Experten und der öffentlichen Stellen. Ein paar Beispiele. Erstens: Für Schwangere ist die Schweinegrippe besonders gefährlich. Daher empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) diese vorrangig zu impfen - allerdings mit einem wirkverstärkerfreien Spaltimpfstoff. Der ist in Deutschland bis jetzt nicht erhältlich. Erst nach einer langen Debatte haben sich die Gesundheitsminister der Länder darauf geeinigt, 150.000 Dosen Extra-Impfstoff ohne Wirkverstärker für Schwangere nachzubestellen. Vor Anfang Dezember werden die aber nicht da sein. Zweites Beispiel: Auch die unterschiedlichen Empfehlungen von Kinderärzten haben das Impfchaos angeheizt. Zunächst sollten Kinder unter drei Jahren nicht geimpft werden, später aber revidierten die Mediziner ihre Einschätzung. Drittes Beispiel: Der Bundesgesundheitsminister ruft zwar zur Impfung auf - allein die Dosen fehlen. Ein solches Hin und Her sorgt nicht gerade für Vertrauen bei den Bürgern.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Medien heizen das Chaos an, und Gesundheitsämter und Ärzte fürchten den ganz großen Ansturm

"Am Rande der Überforderung"

Ausbaden müssen diese schlechte Informationspolitik nur vor allem die Ärzte vor Ort - so wie Susanne Hansen. Sie sitzt im 2. Stock des Gesundheitsamts Hamburg-Altona. Im Behandlungsraum steht ein Defibrillator und ein Beatmungsgerät - für den Fall, dass jemand allergisch reagiert oder das Spritzen selbst nicht verträgt. Natürlich werde hier niemand abgewiesen, sagt die Ärztin. Sechs Mediziner sind in dem Bezirk auf zwei Impfstellen verteilt. Zwar ist auch in Altona die erste große Welle abgeebbt, doch noch immer werden hier zwischen 500 und 600 Menschen täglich versorgt. Das sind rund 100 pro Arzt und Tag. "Wir sind am Rande der Überforderung", sagt Amtsleiter Johannes Nießen, der bis März ein Drittel seiner Mitarbeiter nur für den Grippeschutz abstellen muss.

Schlagzeilenschlacht in den Medien

Geplant war das alles so nicht. Womit die Verantwortlichen nicht gerechnet hatten, war eine wochenlange Schlagzeilenschlacht in den Medien, die vor allem darin bestand, gefühlte und nicht berechtigte Sorgen zu verbreiten: Erst gab es eine unsägliche und unsinnige Debatte über eine Zweiklassen-Impfgesellschaft. Dann wurde über die Sicherheit des Präparats, die Verträglichkeit, die Nebenwirkungen und letztlich über den Nutzen von Impfungen generell debattiert. Und schließlich überboten sich die Boulevardblätter und -sendungen in Horrorszenarien ob möglicher Todesfälle. Zum Schluss war die Rede von bis zu 35.000 Opfern. "Da wurde maßlos dramatisiert und eine Verunsicherung geschürt, die die Menschen völlig aufgelöst zurücklässt", sagt Jörg F. Debatin, Chef des Hamburger Universitätskrankenhauses aufgeregt. Die Deutschen, so scheint es, glaubten am Ende keinem mehr - und verzichteten erst einmal auf die Impfung. Seit von den ersten Toten im Zusammenhang mit der Schweinegrippe berichtet wird, rennen sie allerdings wieder scharenweise in die Praxen.

Zunächst war auch Akbar Barialai davon überzeugt, das mediale Dauerfeuer würde vor allem bei seinen Patienten Panik auslösen. Mümmelsmannsberg ist ein so genannter Problemstadtteil. "Hier orientieren sich die Leute gerne an den Zeitungen mit großen Buchstaben", sagt er. Erstaunt hat er dann aber zur Kenntnis genommen, dass es einige seiner Kollegen noch ärger getroffen hat - ausgerechnet in deutlich besser begüterten Stadtteilen. Dass sich die Schweinegrippen-Hysterie selbst in gebildeten Schichten so ausbreitet, kann sich Barialai nur so erklären: "Zeitungen mögen Unsinn schreiben, aber wer soll noch den Überblick behalten, wenn selbst wir Mediziner ständig widersprüchliche Empfehlungen abgeben?"

Kaum eine der Befürchtungen hat sich bisher bestätigt

Vielleicht ist das auch eine der wahren Katastrophen dieser Impfaktion - die Tatsache, dass das Vertrauen in die offiziellen Stellen verloren gegangen zu sein scheint.

Sicher ist, dass sich bislang kaum eine der Befürchtungen bestätigt hat. Zwar gibt es einige Berichte über problematische Nebenwirkungen nach der Impfung, allerdings ist unklar, ob sie mit dem Serum zu tun haben oder nicht. Auch ist das Virus bis jetzt mild, es gibt kein Massensterben in Deutschland und in den allermeisten Fällen ist die Infektion nach zwei, drei Tagen ausgestanden. Nur eines bereitet den Medizinern und Gesundheitsämter Sorge: Was tun, wenn der bestellte Impfstoff nicht ausreicht? "Wenn die Leute mitbekommen, dass sie womöglich keine Impfung mehr abbekommen", so der Arzt, "dann geht es bei uns erst richtig los".

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