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Sport statt Pillen: Wie Sibylle Djilali ihren Blutdruck in den Griff bekam

Diagnose Bluthochdruck: Weil Sibylle Djilali keine Pillen schlucken will, setzt sie auf Sport als Medizin. Auf Anraten ihres Hausarztes, der seinen Patienten ein ungewöhnliches Programm anbietet.

Von Michael Kraske

Ein kalter Winterabend in Leipzig. Sibylle Djilali trifft sich mit ihrer Trainerin auf einer spärlich beleuchteten Tartanbahn. Zuerst stehen Laufübungen auf dem Programm: vorwärts, rückwärts, seitwärts. Bei einer Übung kämpft sie mit der Koordination, aber sie ist ehrgeizig. Die 49-jährige Bibliotheksassistentin teilt nun Karatetritte und Boxhiebe in die Luft aus, der Schweiß rinnt. Später läuft sie Runde um Runde. Eine langsame, eine schnellere, eine am Limit, dann wieder moderater, ganz langsam – und von vorn. "Pyramidenlauf" nennt das ihre Trainerin. Sibylle Djilali hält durch, eine Dreiviertelstunde lang. Seit einem halben Jahr nimmt sie an dem Pilotprojekt "Health Watchers" teil, das der Leipziger Hausarzt Hans-Detlev Stahl zusammen mit der Krankenkasse AOK Plus entwickelt hat.

"Das Angebot richtet sich an übergewichtige und bewegungsarme Patienten", erklärt Stahl. "Primäres Ziel ist eine dauerhafte Veränderung der Lebensgewohnheiten: Bewegung mit einem hohen Anteil Ausdauertraining soll wichtiger Teil des neuen Lebensstils werden." 75 Euro müssen die Teilnehmer pro Monat selbst bezahlen, das Programm dauert ein Jahr. Zwei- bis dreimal pro Woche trainieren die Patienten in Gruppen mit einer Sportwissenschaftlerin, immer draußen, nur bei Gewitter und arktischer Kälte nicht. Zudem stellen sie ihre Ernährung um: unregelmäßiges Essen vermeiden, weil das Heißhunger macht und zu Zwischenmahlzeiten verleitet. Stattdessen drei sättigende Mahlzeiten täglich, jedoch keine Kohlenhydrate am Abend. Also Salat statt Brot, Nudeln oder Kartoffeln. Diese einfachen Ratschläge gibt Medizinerin Klara Wilhelm den Patienten in einer Ernährungsberatung mit auf den Weg.

Bewegung senkt den Blutdruck

Übergewichtige Patienten sollen auf diese Weise moderat abnehmen, etwa ein Kilogramm pro Monat. Doch das ist nur ein Aspekt. Initiator Stahl will konkrete Gesundheitseffekte fördern: "Die Kernaussage unseres Ansatzes ist: Bewegung wirkt wie ein Medikament. Sie senkt auch den Blutdruck und damit zum Beispiel das Schlaganfallrisiko."

Um Fort- und Rückschritte anschaulich machen zu können, misst der Patient morgens Gewicht, Ruhepuls und Blutdruck. Per iPod werden die Daten – wenn der Patient zustimmt – an die Praxis geschickt und dort ausgewertet. "Die Übertragung funktioniert automatisch", sagt Sibylle Djilali. "Das ist eine Sache von ein paar Minuten." Alle sechs Wochen bespricht der Arzt mit ihr die Werte "Mit der täglichen Datenerhebung wollen wir den Patienten auf sein Projekt fokussieren", sagt Stahl. Die Deutsche Telekom versichere als Kooperationspartner, dass die Informationen über eine verschlüsselte Verbindung auf einem geschützten Server gespeichert würden. Nur der Arzt und Djilali könnten darauf zugreifen.

Eigentlich kam Djilali wegen eines Hautausschlags in Stahls Praxis. Doch bei der ausführlichen Untersuchung stellte der Arzt fest, dass ihr Blutdruck zu hoch war. "Ich war erst mal fassungslos", sagt sie. Denn ihre ältere Schwester hatte mit Mitte 40 bereits einen Schlaganfall. Sie war also gewarnt. Ein Herzspezialist bestätigte den Befund und wollte ihr gleich ein blutdrucksenkendes Präparat verschreiben – die schnelle Standardlösung vieler Ärzte. Aber das kam für Djilali nicht infrage: "Ich tue alles, um Tabletten zu vermeiden. Das war der Grund, in das Programm einzusteigen."

Sportmuffel profitieren am stärksten

Regelmäßiges Training ersetzte von Anfang an ein Medikament. "Frau Djilali konnte selbst dokumentieren, wie sich sowohl der systolische als auch der diastolische Blutdruck nach vier Wochen in den Normalbereich absenkte", sagt Hausarzt Stahl. Der Grund für die Veränderung: Das Blutgefäßsystem reagiert vor allem auf Ausdauertraining positiv. Bewegung kann hohen Blutdruck offenbar bereits nach vier bis sechs Wochen korrigieren. Stahl: "Zu dieser Zeit hatte Fau Djilali noch kaum Gewicht reduziert, das setzte dann später ein."

Das Health-Watchers-Projekt stützt sich auf neue medizinische Erkenntnisse. Auf einem Forum der Bundesärztekammer trugen Experten die positiven Wirkungen von Bewegung zusammen. Eine Langzeitstudie belegt, dass sich die Lebenserwartung bereits bei leichter Aktivität von täglich 15 Minuten um drei Jahre verlängert. Sportmuffel, die sich aufraffen, profitieren am stärksten. Untersuchungen zeigen zudem, dass regelmäßige körperliche Aktivität nicht nur wirkungsvoll den Blutdruck senkt, sondern auch die Sterblichkeitsrate bei bestimmten Krebsarten und das Risiko, an Demenz zu erkranken. Moderates Training minimiert zudem die Sterblichkeitsrate bei Diabetes und Herzkreislaufkrankheiten.

"Das ist gut für Dich"

Als junge Frau war Sibylle Djilali eine begeisterte Sportlerin. Sie ging regelmäßig schwimmen, eine Zeit lang auch ins Fitnessstudio und zum Jazztanz. Aber nach der Geburt ihres Sohnes vor zwölf Jahren wurde die Zeit knapp. "40 Stunden arbeiten, das Kind – da blieb wenig Spielraum." Sie musste wieder lernen, sich die Zeit zu nehmen, die sie kaum hatte. Ihre Mutter bot an, den Sohn zu betreuen, wenn sie zum Training geht. Anfangs hatte sie ihrem Jungen gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil sie nach dem Sport erst spät nach Hause kommen würde. Doch der ermunterte sie: "Mach das, Mama. Das ist gut für dich." Zu Beginn zeigte die Waage 70 Kilogramm, also leichtes Übergewicht, jetzt, nach einem halben Jahr, liegt sie bei 63. "Unter die 60 Kilo zu kommen ist mein langfristiges Ziel", sagt Djilali. Sie ist motiviert und kommt auch zum Training, wenn sie mal keine Lust hat.

Beste Voraussetzungen, um Gewicht zu verlieren und dauerhaft Medikamente durch Ausdauersport ersetzen zu können. "Die Umstellung der Essgewohnheiten ist leichter, als das Trainingsprogramm konsequent aufrechtzuerhalten," sagt Hans-Detlev Stahl. "Vielen Patienten bereitet Ärger Probleme – etwa bei der Arbeit. Sobald Stress auftritt, fällt es schwer, das durchzuziehen, was man sich vorgenommen hat." In persönlichen Krisenzeiten verzichten viele auf Sport und greifen doch wieder zu Dickmachern wie Bratwurst oder Schokolade. Das kommt vor. Rückschläge und periodische Disziplinlosigkeiten hat Stahl durchaus einkalkuliert: "Durchhänger sind zum Beispiel im Urlaub nicht selten. Aber anhand der Gewichtskurve kann ich dem Patienten zeigen, dass man wieder in die Erfolgsspur kommen kann."

Nicht jedem gelingt das. Von den ersten zehn Patienten, die bei Health Watchers gestartet waren, hat einer nach vier Monaten abgebrochen, zwei andere haben wegen einer beruflichen Fortbildung eine Zeit lang ausgesetzt. Von den vorerst sieben Patienten, die durchhielten, konnten fünf ihr Risiko verringern, einen Herz- oder Schlaganfall zu erleiden. Vier Patienten senkten ihren Blutdruck. Fünf Patienten nahmen mehr als fünf Kilogramm ab.

Sibylle Djilali hat es nicht nur geschafft, vor den ungeliebten Pillen wegzulaufen. "Mein Körperempfinden hat sich verändert", sagt sie. "Ich fühle mich kräftiger und bin ausdauernder. Die ganze Stabilität ist verbessert. Ich bin sogar etwas selbstbewusster geworden." Sie hat verstanden, dass nach einem Jahr zwar die Health Watchers für sie enden, nicht aber ihr persönliches Projekt. Darum hat sie sich fest vorgenommen, sich danach bei einem Sportverein anzumelden oder in einem Fitnessstudio. Das gute Gefühl, das sie sich antrainiert hat, will Djilali nicht mehr missen.

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