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Interview

Liebe und Bindung: "Eltern müssen nicht perfekt sein. Es reicht, wenn sie hinreichend gut sind"

Was brauchen Kinder zum Glücklichsein? Gute Bindungserfahrungen und ein gesundes Maß an Selbstständigkeit, sagt Psychologin und Bestseller-Autorin Stefanie Stahl. Im Interview erzählt sie, wie Eltern ihren Kindern gerecht werden - in Zeiten von Alltagsstress und Trennungen. 

Stahl Erziehung

Wie gelingt gute Erziehung? Indem Eltern Halt geben und Freiheit schenken, sagt Bestseller-Autorin Stefanie Stahl

Monatelange Suche nach Kita-Plätzen, stressige Jobs und ständig sitzt die Uhr im Nacken – war Elternsein jemals so schwierig wie in der heutigen Zeit?

Diesen Eindruck könnte man haben. Viele Paare können es sich finanziell nicht mehr leisten, dass ein Elternteil zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert. Hinzu kommen Stress und Druck auf der Arbeit: Es gibt immer weniger Festanstellungen, dafür mehr befristete Verträge. Auch die Arbeitsbelastung insgesamt hat zugenommen. Auf der anderen Seite existieren heutzutage Faktoren, von denen moderne Eltern durchaus profitieren.

Welche sind das?

Dass Väter gerne Väter sind. Moderne Väter sehen es als ihre Aufgabe an, sich um ihre Kinder zu kümmern. Und sie kümmern sich gerne. Das liegt vor allem an ihrer eigenen Erziehung. Sie wurden selbst von Vätern erzogen, die ihnen erlaubten, mehr Kontakt zu ihren Gefühlen zu haben. In früheren Generationen zielte Erziehung bei Jungen darauf ab, sie zu starken Männern zu machen. Vermeintlich 'schwache' Gefühle waren tabu. "Ein Indianerherz kennt keinen Schmerz" oder "Ein Junge weint nicht" waren gängige Erziehungshaltungen. Wenn Kinder diese Gefühle nicht empfinden dürfen, dann fällt es ihnen schwer, einfühlsam zu sein. Einfühlungsvermögen ist aber das Königskriterium für Erziehungskompetenz. Eltern müssen sich in ihre Kinder einfühlen können. Das kann ich aber nur, wenn ich einen guten Kontakt zu meinen eigenen Gefühlen habe. In diesem Punkt haben Männer unheimlich aufgeholt – zum Glück.

Einfühlungsvermögen ist für Kinder also unheimlich wichtig. Gibt es weitere Grundbedürfnisse?

Nicht nur Kinder haben psychische Grundbedürfnisse, sondern wir alle. Es gibt nur wenige Bedürfnisse, etwa nach Bindung und Zugehörigkeit. Je kleiner das Kind ist, desto mehr Bindung, Zugehörigkeit, Versorgtsein, Umsorgtsein benötigt es. Auf der anderen Seite haben wir alle ein Grundbedürfnis nach Autonomie und Selbstständigkeit. Wenn es Eltern gelingt, die Bindungswünsche ihres Kindes zu erfüllen, ihm das Gefühl zu vermitteln, dass es geliebt wird, und ihm gleichzeitig Selbstständigkeit mit auf den Weg zu geben, dann ist das sehr gut. Dann gibt man seinem Kind sowohl Nestwärme als auch die Flügel, die es braucht, um irgendwann mal selbstständig leben zu können. Ich betone immer wieder: Eltern müssen darin keineswegs perfekt sein. Es reicht, wenn sie hinreichend gut sind.

Vielen Eltern dürfte es schwer fallen, dem Kind Selbstständigkeit zuzusprechen. Wie kann das im Alltag aussehen?

Stefanie Stahl (54) ist Psychologin und Bestseller-Autorin ("Das Kind in dir muss Heimat finden")

Stefanie Stahl (54) ist Psychologin und Bestseller-Autorin ("Das Kind in dir muss Heimat finden")

Eltern sollten die Fähigkeiten des Kindes fördern. Kinder dürfen sich auch mal selbst behaupten und einen eigenen Willen haben. "Geh‘ in die Welt, du schaffst das schon" - dieses Gefühl sollten Eltern ihrem Kind mitgeben.

Trennungen gehören in Deutschland fast schon zum Alltag in Familien. Allein im vergangenen Jahr wurden rund 150.000 Ehen geschieden. In den betroffenen Familien lebten fast 124.000 minderjährige Kinder. Was macht eine Trennung mit Kindern?

Das kommt ganz darauf an, wie man sich trennt. Die Scheidungsforschung hat festgestellt: Das Schlimmste, was man Kindern zumuten kann, ist ein Dauerstreit. Also wenn die Eltern ein schwieriges Verhältnis haben, sich aber nicht trennen. Dann lernt das Kind: Es gibt kein Happy End, und es gibt keine Lösung. Kinder, die aus sehr zerstrittenen Elternhäusern hervorgehen, leiden später auch oft unter eigener Bindungsangst. Sie haben Schwierigkeiten, sich auf Beziehungen einzulassen. Wenn die Eltern sich aber trennen und es ihnen gelingt, weiter gute Eltern zu sein und das Kind einen guten Kontakt zu Mama und Papa haben darf, dann kann das Kind auch etwas Positives lernen: Krisen lassen sich bewältigen.

Kinder, die ihren Highschool-Abschluss geschafft haben

Für ein Kind gibt es nichts Schlimmeres als der Gedanke, dass sich die eigenen Eltern trennen könnten. Wie geht man mit dieser Angst um?

Ich rate, das Thema offen anzusprechen. Und dem Kind zu erklären, dass Streit auch mal zum Leben gehört und am Ende eine Versöhnung folgt. Kinder können es durchaus verkraften, wenn Eltern sich mal streiten, aber wenn sie sich ständig streiten, dann sollten die Eltern lernen, ihre Beziehungsebene zu verbessern.

Sie haben ein Erziehungsbuch über die Bindung zwischen Eltern und Kindern geschrieben. Es soll Eltern dabei helfen, sich mehr auf sich zu fokussieren und eigene Problemfelder zu erkennen. Warum?

Mir war es wichtig, Eltern einen Leitfaden an die Hand zu geben, der ihnen dabei hilft, möglichst wenig von ihrem eigenen Schattenkind an das eigene Kind weiterzugeben. Unter dem Schattenkind verstehe ich schwierige Prägungen und eigene, schwierige Muster, die man aus der Kindheit mitbekommen hat. Ein klassisches Problem ist zum Beispiel, dass Eltern zu wenig Selbstwertgefühl haben. Sie glauben: "ich genüge nicht" oder "ich packe das nicht". Andere sind zu überbehütend, haben Ängste, die sie auf das Kind übertragen. Oder sie sind zu sehr auf der autonomen Seite und überfordern das Kind, indem sie ihm zu viel Selbstständigkeit zusprechen.

Was schätzen Sie: Setzen sich Eltern beim Thema Erziehung und Bindung zu sehr unter Druck? Ein klassisches Beispiel in diesem Bereich ist das Thema Stillen.

Ich lehne jede Form von Fundamentalismus ab. Einige Mütter können nicht stillen – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Es macht keinen Sinn, sich in einer solchen Situation unter Druck zu setzen. Eine ungestresste Mutter ist für ein Kind viel wichtiger als die Frage, ob es nun gestillt wurde oder mit der Flasche groß gezogen wurde.

Welche Tipps können Sie Eltern mit auf den Weg geben?

Eltern sollten sich selbst gut im Auge behalten, sich mit ihren eigenen Prägungen auseinandersetzen. Sich fragen: Wo könnten meine eigenen Probleme liegen? Wo bin ich innerlich aus der Balance? Außerdem ist es wichtig, sich im Einfühlungsvermögen zu üben. Und auf der anderen Seite, die Kinder auch mal loslassen zu können, ohne sie mit Schuldgefühlen zu konfrontieren. Und ein ganz wichtiger Tipp ist auch, dass Eltern genügend Selbstfürsorge machen. Viele neigen dazu, sich auszubeuten und sind aus der Balance, weil sie zu gestresst sind. Eltern brauchen Inseln, bei denen es wirklich um sie geht. Wo sie auftanken und auch gut für sich selbst sorgen können.

Zum Weiterlesen: "Nestwärme, die Flügel verleiht: Halt geben und Freiheit schenken - wie wir erziehen, ohne zu erziehen" von Stefanie Stahl und Julia Tomuschat. Erschienen bei Gräfe und Unzer. 240 Seiten. 17,99 Euro.

Zum Weiterlesen: "Nestwärme, die Flügel verleiht: Halt geben und Freiheit schenken - wie wir erziehen, ohne zu erziehen" von Stefanie Stahl und Julia Tomuschat. Erschienen bei Gräfe und Unzer. 240 Seiten. 17,99 Euro.

 

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