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Ärzte-Appell

Petition gestartet: Nach stern-Berichten über Missstände an Kliniken: Patienten schließen sich dem Ärzte-Appell an

Die Zustände an deutschen Krankenhäusern sind teilweise verheerend. Das prangern hunderte Ärzte im stern an. Ihr "Ärzte-Appell" ist mittlerweile so laut geworden, dass sich nun auch Patienten angeschlossen haben. Ihr Ziel: Gesundheitsminister Spahn muss handeln.

Ein Arzt untersucht einen Patienten

Ärzte sollen Patienten heilen - und mit ihnen Gewinne erzielen. Wie geht das zusammen?

Getty Images

"Rettet die Medizin!" Mit dieser Forderung im stern sorgten 215 Ärzte Anfang September für bundesweites Aufsehen. Ihr Ziel: eine radikale Reform des Krankenhauswesens. An vielen Orten wurde darüber diskutiert: in Krankenhäusern, Arztpraxen und auch im Fernsehen.

Drei Wochen nach dem Erscheinen des Appells ist die Zahl seiner Unterstützer nun bereits auf mehr als 130.000 angewachsen – und es werden täglich mehr. 


Krankenhäuser sollen für das Dasein vorsorgen genauso wie die Polizei oder Feuerwehr. Der Staat muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass das Menschenrecht auf Gesundheitsfürsorge gewährleistet ist. Es darf nicht länger passieren, dass Krankenhäuser Gewinne für nötige Anschaffungen ausgeben und dafür am Personal sparen – weil der Staat ihnen seit Jahren Finanzmittel vorenthält, um unrentable Einrichtungen "auszuhungern". Es ist fahrlässig, Krankenhäuser und damit das Schicksal von Patientinnen und Patienten den Gesetzen des freien Marktes zu überlassen. Niemand würde fordern, dass die Polizei oder Feuerwehr schwarze Nullen oder Profite erwirtschaften müssen. Warum also Krankenhäuser?

Die Führung eines Krankenhauses gehört in die Hände von Menschen, die das Patientenwohl als wichtigstes Ziel betrachten. Deshalb dürfen Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften keine Entscheidungsträger vorgesetzt sein, die vor allem die Erlöse, nicht aber die Patientinnen und Patienten im Blick haben. Aber auch manche Ärztinnen und Ärzte selbst ordnen sich zu bereitwillig ökonomischen und hierarchischen Zwängen unter. Wir rufen diese auf, sich nicht länger erpressen oder korrumpieren zu lassen.

Das Fallpauschalensystem, nach dem Diagnose und Therapie von Krankheiten bezahlt werden, bietet viele Anreize, um mit überflüssigem Aktionismus Rendite zum Schaden von Patientinnen und Patienten zu erwirtschaften. Es belohnt alle Eingriffe, bei denen viel Technik über berechenbar kurze Zeiträume zum Einsatz kommt – Herzkatheter-Untersuchungen, Rückenoperationen, invasive Beatmungen auf Intensivstationen und vieles mehr. Es bestraft den sparsamen Einsatz von invasiven Maßnahmen. Es bestraft Ärztinnen und Ärzte, die abwarten, beobachten und nachdenken, bevor sie handeln. Es bestraft auch Krankenhäuser. Je fleißiger sie am Patienten sparen, desto stärker sinkt die künftige Fallpauschale für vergleichbare Fälle. Ein Teufelskreis. So kann gute Medizin nicht funktionieren.

Der Arbeitstag im Zeitalter der Fallpauschalen und der Durchökonomisierung der Medizin ist bis zur letzten Minute durchgetaktet. Nicht einberechnet ist der auf das Mehrfache angestiegene Zeitaufwand für Verwaltungsarbeiten. Nicht einberechnet ist die Zeit für die Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte und für die immer wichtigeren Teambesprechungen. Vor allem nicht einberechnet sind Patientinnen und Patienten, die viele Fragen haben oder Angst vor Schmerzen, Siechtum und dem Tod. Wenn aber mit den Kranken nie ausführlich gesprochen wird, können Ärztinnen und Ärzte nicht erfassen, woran sie wirklich leiden. Wenn diese Patientinnen und Patienten entlassen werden, verstehen sie weder ihre Krankheit, noch wissen sie, wofür die Therapie gut ist. Das Diktat der Ökonomie hat zu einer Enthumanisierung der Medizin an unseren Krankenhäusern wesentlich beigetragen.

Unsere Forderungen:

1. Das Fallpauschalensystem muss ersetzt oder zumindest grundlegend reformiert werden.

2. Die ökonomisch gesteuerte gefährliche Übertherapie sowie Unterversorgung von Patienten müssen gestoppt werden. Dabei bekennen wir uns zur Notwendigkeit wirtschaftlichen Handelns.

3. Der Staat muss Krankenhäuser dort planen und gut ausstatten, wo sie wirklich nötig sind. Das erfordert einen Masterplan und den Mut, mancherorts zwei oder drei Kliniken zu größeren, leistungsfähigeren und personell besser ausgestatteten Zentren zusammenzuführen.

Der Appell der Mediziner im gedruckten stern  und auf stern.de schlug schließlich so große Wellen, dass er mittlerweile auch viele Patienten aufrüttelt. Einer von ihnen handelt nun: Ludwig Hammel hat Rheuma. Als chronisch kranker Patient leidet er seit langem unter einem ökonomisierten Gesundheitswesen.

Patient startet nach Ärzte-Appell Online-Petition

Deshalb hat er nun eine Petition gestartet: Auf der Online-Plattform change.org/MenschVorProfit kann sich jeder unter dem Motto "gegen das Diktat der Ökonomie an deutschen Krankenhäusern" anschließen.

Das Ziel: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn soll zum Handeln gezwungen werden. Für eine bessere medizinische Versorgung von Kranken und gegen das Profitdenken deutscher Krankenhäuser. Jeder kann mitmachen.

Die ganze Geschichte zum Ärzte-Appell lesen Sie im stern, Ausgabe 37.

mik

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