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Interview

Autolobby: "Eine ungewöhnliche Studie" - das sagt ein Medizinethiker zu den Stickstoffdioxid-Versuchen

Am Universitätsklinkum Aachen wurden 25 junge Menschen Stickstoffdioxid ausgesetzt. Der Schadstoff entsteht unter anderem durch Diesel-Fahrzeuge. Der Medizinethiker Joachim Boldt zeigt sich im Gespräch mit dem stern überrascht über die Vorgehensweise der Forscher.

Die Uniklinik der RWTH Aachen

Die Uniklinik der RWTH Aachen

Forscher eines Instituts der Universität Aachen haben die Wirkung von Stickstoffdioxid (NO2) auf den menschlichen Körper getestet. Dafür verbrachten 25 Studenten jeweils drei Stunden in einem Versuchsraum, in den unterschiedliche Konzentrationen des Gases eingeleitet wurden. Das Prekäre: Die Studie wurde von einer Forschungsvereinigung deutscher Autobauer gefördert – der "Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor" (EUGT). Bei Stickstoffdioxid handelt es sich um den Stoff, dessen Messwerte von Volkswagen in den USA manipuliert worden waren, um Grenzwerte zu erfüllen.

Zwar betont der zuständige Institutsleiter Thomas Kraus, die Studie stehe in keinem Zusammenhang mit dem Dieselskandal. Es sei um Stickstoffdioxidgrenzwerte an Arbeitsplätzen gegangen. Außerdem sei die Konzentration des Gases vergleichbar mit der in der Umwelt gewesen. Dennoch bleiben ethische Bedenken: Wann ist es gerechtfertigt, 25 gesunden jungen Menschen einen Stoff zu verabreichen, der ihnen potenziell schaden könnte? Der stern sprach mit dem Medizinethiker Joachim Boldt über die Studie. Er ist stellvertretender Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Herr Boldt, warum empören sich so viele Menschen über diese Studie?

Das liegt an der Vorgeschichte: Am Anfang stand der Betrug bei den Abgaswerten. Dann berichtete die "New York Times" Ende vergangener Woche, dass zehn Affen gezielt Auspuffgasen ausgesetzt wurden. Und inmitten dieses Kontexts platzt nun die Meldung, dass 25 junge Menschen in Aachen unterschiedliche Mengen Stickstoffdioxid einatmen mussten. Und damit einem möglichen Schaden ausgesetzt waren.

Die Studienteilnehmer waren zwischen 18 und 33 Jahren alt, sie waren gesund und seit mindestens zwölf Monaten Nichtraucher. Ist die Studie aus ethischer Sicht vertretbar?

Zumindest ist die Studie fragwürdig. Das würde ich schon sagen. Stickstoffdioxid ist ein schädlicher Umweltstoff. Wenn Forscher diesen Stoff an Menschen testen, wissen sie: Das einzige, was er tun kann, ist zu schaden. Aber nutzen wird der nicht. Das ist zum Beispiel etwas völlig anderes als bei Arzneimittelstudien. Da steht am Anfang die Hoffnung auf eine positive, vielleicht sogar therapeutische Wirkung für die Studienteilnehmer. Oft sind es Arzneien, die gezielt gegen die Leiden der Probanden wirken sollen. Natürlich können dabei auch Nebenwirkungen auftreten. Aber der Ausgangspunkt ist ein völlig anderer. 

Sind solche Studien grundsätzlich üblich?

Es handelt sich um eine ungewöhnliche Studie. Die Forscher haben es mit einem Stoff zu tun, von dem sie wissen: Wenn überhaupt, dann schadet er. Und prüfen ihn auf eine Art und Weise, die diesen Schaden provozieren kann. Oder sie schauen zumindest: Tritt der Schaden auf, tritt er nicht auf? Es gibt solche Studien zwar im Rahmen von Toxizitätsprüfungen. Aber da testet man nicht am Menschen, sondern an Tieren.


Ziel der Studie war es, die körperlichen Auswirkungen von Stickstoffdioxid auf den Menschen zu testen. Bei Stickstoffdioxid wird vermutet, dass vor allem die Langzeit-Exposition problematisch ist. Das gilt etwa für Menschen, die an stark befahrenen Straßen wohnen. Kann diese Studie zufriedenstellende Antworten liefern?

Die übergeordnete Frage ist ja: Welche Langzeitwirkungen ergeben sich bei den Werten, denen wir tagtäglich im Alltag ausgesetzt sind? Und das lässt sich mit solchen Kurzzeit-Expositionsstudien nicht beantworten. In der Regel kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass keine signifikanten Effekte nachweisbar sind. So auch bei dieser Studie. Aber was heißt das? Heißt das, dass auch bei einer Langzeitexposition nichts passiert? Da sehe ich große Fragezeichen. So wie die Autoren das Ziel der Studie formulieren und die Problembeschreibung beginnen, hat die Methodik keine wirkliche Relevanz für diese Fragestellung. 

Sie sind selbst Medizinethiker: Was hätten Sie den Forschern geraten?

Normalerweise würde ich zu der Fragestellung eine epidemiologische Studie erwarten, in der Forscher der Frage nachgehen: Was passiert mit Leuten, die in ihrem Alltag über lange Zeiträume Stickstoffdioxid ausgesetzt sind? Das gilt etwa für Lastkraftfahrer oder Straßenbauer. Das würde zum einen methodisch Sinn machen. Und wäre auch ethisch zu bevorzugen.

Dennoch hat die zuständige Ethikkommission an der Universität Aachen das Studienprotokoll abgenommen. Wie kann das sein?

Die Autoren haben versucht, im Sinne von Grundlagenforschung zu argumentieren: Sie schreiben, sie wollen prüfen, welche Effekte bei einer Kurzzeitexposition auftreten. Diese Effekte wiederum könnten Aufschluss darüber geben, welche Langzeitwirkungen möglicherweise zu befürchten sind. Diese Erkenntnisse könnte man langfristig nutzen in Bezug auf die Frage, wie wir Menschen vor diesen Schäden schützen könnten. Da sehe ich schon einen Ansatzpunkt, wie man auch von Seiten einer Ethikkommission sagen kann: Gut, angesichts der vielleicht geringen Risiken, die damit verbunden sind, kann man das machen. Ich sehe grundsätzlich keinen eklatanten Verstoß gegen Ethikprinzipien. Hätte man mir das Protokoll vorgelegt, hätte ich aber dringende Nachfragen gehabt.

Die wären?

Wie wurden die Patienten aufgeklärt? Ist das Risiko für sie vertretbar? Sind keine dauerhaften Gesundheitsschäden zu erwarten? Und kann diese Forschung dazu beitragen, Krankheitsentwicklungen zu verstehen und dann irgendwann zu verhindern?

Was würden Sie sagen: Kann diese Studie dazu beitragen?

Möglicherweise, ja. Aber der Boden ist dünn, auf dem man sich bewegt. Letztlich schränken die Autoren die Aussagekraft ihrer Studie ja selbst ein. Ich frage mich, ob das nicht vorher schon absehbar war.

Was raten Sie Probanden, die mit dem Gedanken spielen, an klinischen Tests teilzunehmen?

Als Proband erhalten Sie eine Patienteninformation. Lesen Sie diese gründlich durch. Sie muss leicht zu verstehen sein, auch für einen Laien. Prüfen Sie, ob Sie alles richtig verstanden haben. Und überlegen Sie im Anschluss: Welchen Risiken setze ich mich aus? Welche Frage wollen die Forscher mit der Studie beantworten? Was genau wird da rauskommen? Und für wen wird das etwas Gutes sein?

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