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Stoffwechsel: Das tödliche Quartett

Als Syndrom X bezeichnen Ärzte die Epidemie unserer Zeit - das metabolische Syndrom. Die wichtigsten Symptome: Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und ein entgleister Fettstoffwechsel. Man nennt sie auch das "tödliche Quartett". Dabei sind Prävention und Behandlung einfach.

Von Rüdiger Braun

Als Hans-Thomas Feuerhelm fast einen Kasten Mineralwasser am Tag trank und sich nur noch abgeschlagen fühlte, klingelten bei seiner Frau die Alarmglocken. Widerwillig ließ sich der Chemiker überreden, zum Hausarzt zu gehen. Der Blutzuckertest ergab 650 Milligramm pro Deziliter, beinahe das Sechsfache eines Normalwertes. Ein Wunder, dass der 57-Jährige nicht längst im Koma lag. Die Mediziner auf der Intensivstation des Krankenhauses eröffneten ihm, dass er seit Längerem an Diabetes Typ 2, sogenanntem Altersdiabetes, leide. Der Patient wollte das zunächst nicht glauben. Seine "Schlappheit" führte er auf seine hohe Arbeitsbelastung und mangelnde Kondition zurück. Hans-Thomas Feuerhelm musste zunächst Insulin spritzen und wurde später auf Tabletten umgestellt. Er verzichtete auf Zucker, versuchte vermehrt Vollkornprodukte zu essen, nahm ab. Und allmählich wieder zu.

Heute, gut sechs Jahre später, wiegt Hans-Thomas Feuerhelm 92 Kilogramm bei 1,73 Meter Körpergröße. Seinen Body-Mass-Index kennt er auf die Kommastelle genau: 30,7. "Zu viel", weiß er. Dabei wirkt der Mann nicht dick. Arme und Beine sind schlank, doch in der Körpermitte zeichnet sich ein deutlicher "Schwimmreifen" ab, mit einem Umfang von stattlichen 102 Zentimetern. Neben der Zuckerkrankheit stellten sich weitere Probleme heraus: erhöhte Blutfettwerte, Gichtanfälle und eine leichte Tendenz zu Bluthochdruck. "Die Folgen eines Lebens zwischen Schreibtisch und Couch", wie er selbstironisch anfügt.

Halb unsicher, halb neugierig wartet Hans-Thomas Feuerhelm im Kochstudio der Klinik Teutoburger Wald in Bad Rothenfelde darauf, dass sein ärztlich verordnetes Koch-Training beginnt - ausgerechnet er, der bisher immer einen großen Bogen um den Herd machte und es nach eigenem Bekunden "sogar schafft, Wasser anbrennen zu lassen". Durch ein spezielles Ernährungs-, Bewegungs- und Entspannungstraining hofft er, vor allem die Zuckerkrankheit besser in den Griff zu bekommen.

Übergewicht, Zuckerkrankheit, Fettstoffwechselstörung, Bluthochdruck

Für den Leiter der auf Stoffwechselerkrankungen spezialisierten Kurklinik, Alfred Wirth, ist Feuerhelm ein "typischer Patient mit einem Metabolischen Syndrom, gut zu erkennen an der Lokalisation von Fettgewebe im Bauchbereich". Wer von dem auch "Syndrom X" genannten Stoffwechselleiden betroffen ist, hat Schwierigkeiten an mehreren Fronten gleichzeitig: vor allem Übergewicht, Zuckerkrankheit, Fettstoffwechselstörung und Bluthochdruck. Heute betrachten Spezialisten diese Merkmale nicht mehr als einzelne, isolierte Erkrankungen, sondern als Symptombündel eines komplexen Stoffwechselphänomens. Weil sie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenversagen und Schlaganfälle nach sich ziehen können, nennen Mediziner diese vier Hauptfaktoren das "tödliche Quartett". "Das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen, ist beim Syndrom-X-Patienten um das Zwei- bis Dreifache erhöht", warnt der Kardiologe Alfred Wirth. Oft seien auch eine Fettleber und Gicht damit verbunden. Ärzte sprechen von einem Metabolischen Syndrom, wenn mindestens drei der Risikofaktoren bei einem Patienten vorhanden sind.

Eine Ursache des Übels,

die Wissenschaftler gefunden haben, ist das Fett in der Bauchhöhle, das zwischen den Darmschlingen und in der Leber sitzt. "Es ist weit mehr als ein Gewebe, in dem Energie gespeichert wird", sagt der Ernährungsmediziner Hans Hauner, der sich als Leiter des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums in München auf die Erforschung des Fettgewebes spezialisiert hat: "Es produziert eine Vielzahl von Botenstoffen und kommuniziert auf diese Weise rege mit dem Gehirn und mit anderen Organen."

Ist zu viel Fett vorhanden, wird unter anderem die Ausschüttung des Hormons Adiponektin verringert. Dadurch sinkt auch die Empfindlichkeit der Zellen für den Botenstoff Insulin. Der "Zuckertreibstoff" Glukose kann nicht mehr ausreichend in die Körperzellen aufgenommen werden, der Blutzuckerspiegel steigt - Mediziner sprechen von "Insulinresistenz". Die zunehmende Unempfindlichkeit versucht der Körper anfänglich mit einer Steigerung der Insulinproduktion zu kompensieren. Dies überfordert auf Dauer die Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse, in denen der Botenstoff hergestellt wird. Im Lauf der Zeit reicht das Insulin nicht mehr aus, um die Glukosekonzentrationen zu senken, und ein Typ-2-Diabetes entwickelt sich.

Insulin ist eine Art Masthormon

Ein überhöhter Insulinspiegel sorgt für ein weiteres Verhängnis: Je höher er liegt, desto schwieriger fällt es dem Organismus, Fett abzubauen. Denn Insulin ist eine Art "Masthormon", das nicht nur die Glukose-Versorgung der Zellen steuert, sondern auch den Fettaufbau fördert und den Fettabbau bremst. Die komplexe Stoffwechselentgleisung führt letztlich dazu, dass zu viel Zucker und freie Fettsäuren im Blut zirkulieren. Langfristige Folge sind vermehrte Fett-, Gewebe- und Kalkablagerungen in den Gefäßen.

"Ausgeprägte Fettleibigkeit ist eindeutig der Motor des Metabolischen Syndroms und Abnehmen die effektivste Gegenmaßnahme", sagt der Stoffwechselexperte Wirth. Weil das Bauchfett dabei die entscheidende Rolle spielt, ist das Maßband für die Diagnose des Metabolischen Syndroms wichtiger als die Waage. Bereits Männer, deren Taillenumfang 94 Zentimeter überschreitet, gelten als Risikopatienten. Dem obersten Normalmaß bei Frauen entspricht ein Umfang von 80 Zentimetern. Besonders gefährdet sind Frauen mit mehr als 88 Zentimeter und Männer mit über 102 Zentimeter Leibesfülle.

"Verbote sind verboten"

, diese Klinikregel zum Essverhalten, die dick unterstrichen auf einem Poster im Sprechzimmerflur prangt, war Hans-Thomas Feuerhelm sofort sympathisch. "Sich ständig den Genuss geliebter Speisen zu versagen setzt einen frustrierenden Teufelskreis aus Scheitern und Selbstvorwürfen in Gang", erklärte Wirth seinem Patienten gleich zu Anfang. "Die Gedanken kreisen ständig ums Essen, und das erzeugt nur noch mehr Appetit."

Diät sollte auf Essgewohnheiten abgestimmt sein

Besser sei es durch Gespräche und Ernährungsprotokolle herauszufinden, welche Essgewohnheiten für den Einzelnen wichtig sind, wie sich diese möglichst bewahren lassen und wie an anderer Stelle dafür ein Ausgleich gefunden werden kann - etwa durch einen Salatteller am Abend, wenn es nachmittags Kuchen gab. Für jemanden, der in einer Woche ein Pfund abspecken will oder soll, ist entscheidend, dass er täglich etwa 400 bis 500 Kalorien weniger zu sich nimmt, als er verbraucht. Bei leichter körperlicher Aktivität sollten dann nicht mehr als durchschnittlich 1500 bis 2000 Kilokalorien am Tag konsumiert werden, je nach Körpergröße, Alter und Bewegung. Für einen nachhaltigen therapeutischen Effekt müssten mindestens fünf bis zehn Prozent der Pfunde purzeln.

"Wenn eine Diät jedoch ohne Einbindung in ein langfristiges, auf Abnehmen, körperliche Aktivität und Stressmanagement ausgerichtetes Therapiekonzept stattfindet, liegt die Rückfallquote bei über 90 Prozent", sagt Alfred Wirth. Deshalb setzen er und seine Mitarbeiter nicht auf kurzfristige Abspeckeffekte, sondern auf eine dauerhafte Veränderung der Lebensweise ihrer Patienten. "Der Weg zum dauerhaften Abnehmen ist allerdings von Mensch zu Mensch sehr verschieden."

Nach einer Woche Kuraufenthalt hat Hans-Thomas Feuerhelm sein Gewicht um zwei Kilo reduziert - "ohne jegliche Heißhungerattacken". Er ist erleichtert, dass er sich trotz seines Metabolischen Syndroms nicht "kasteien" muss. Er freut sich, dass er durchaus einen kleinen Löffel von normaler, zuckerhaltiger Marmelade auf einem Vollkornfrühstücksbrot verträgt und dass er sich gelegentlich auch ein Stück Kuchen gönnen darf. "Aber dann am besten einen Hefekuchen mit viel Obst und wenig Zucker", ruft die allgegenwärtige Ernährungsberaterin Monika Hartung aus dem Hintergrund der Lehrküche, während sie zwischen zwölf eifrig schnippelnden und brutzelnden Kochkursteilnehmern hin- und herflitzt und mit viel Humor gute Ratschläge verteilt.

Abnehmen und satt essen - das funktioniert

Nebenbei erfahren die Patienten, dass es durchaus möglich ist, abzunehmen und sich dabei satt zu essen. Statt mühsam Kalorien zählen zu müssen, lernen sie, welche Lebensmittel besonders viel Energie enthalten und wie sich diese durch energieärmere Produkte ersetzen lassen, die trotzdem den Hunger stillen. So bringen es 150 Gramm paniertes Schnitzel mit 200 Gramm Pommes auf stolze 900 Kilokalorien. Kommt stattdessen ein gegrilltes Schnitzel auf den Teller, hat die Mahlzeit nur knapp 600 Kilokalorien. Proteine aus magerem Fleisch und Fisch sowie ballaststoffreiche Lebensmittel wie Obst, Salat, Gemüse und Getreide sind besonders nachhaltige Sattmacher.

Zweite tragende Säule

bei der Prävention und Behandlung des Metabolischen Syndroms ist Bewegung. Viele Experten betrachten sportliche Aktivität mittlerweile als den wesentlichen Schlüssel zum erfolgreichen Abnehmen. Allerdings nicht zu sparsam eingesetzt: Mindestens 1500 Kilokalorien pro Woche sollte ein Abnehmwilliger dabei verbrauchen, raten Sportmediziner. Das entspricht drei Stunden Radfahren oder Schwimmen.

In der Rehabilitationsklinik am Teutoburger Wald setzt Peter Dohmann, Leiter Sportabteilung, auf Ergometertraining, Schwimmen, Aquafitness und besonders auf Nordic Walking: "Das sind Sportarten, die auch für stark Übergewichtige meist gut geeignet sind." Ein fundiertes Lauftraining sei zwar sehr effektiv, aber bei schweren Menschen mit einer viel zu hohen Gelenkbelastung verbunden. Ein korrekt durchgeführtes Nordic Walking, mit kraftvollem Stockeinsatz wie beim Skilanglauf, schone die Gelenke und habe einen ähnlich wirkungsvollen Effekt auf das Herz-Kreislauf-System und den Stoffwechsel.

Sport hält den Stoffwechsel auf Trab

Ein kurzfristiger, schneller Gewichtsverlust ist nicht unbedingt das Ziel körperlicher Aktivität. Denn wer eine halbe Stunde schwimmt oder läuft verliert gerade mal 200 bis 300 Kilokalorien. Entscheidend ist, dass der Stoffwechsel nachhaltig gefordert und Fett in Muskelmasse umgebaut wird. Denn in einem trainierten Körper kommt es selbst in Ruhephasen zu einer stärkeren und effektiveren Fettverbrennung. Der Gewichtszunahme wird auf diese Weise dauerhaft entgegengewirkt.

Ein großes internationales Forschungsprojekt der vergangenen Jahre, die sogenannte Whitehall-II-Studie, belegt, dass fünf Stunden mäßig intensives Ausdauertraining pro Woche die Gefahr, an einem Metabolischen Syndrom zu erkranken, um knapp ein Viertel vermindern. Bei stärkerem sportlichen Engagement war das Risiko sogar um fast 50 Prozent geringer. Auch bereits Erkrankte profitieren gewaltig: Mehrere Untersuchungen zeigen, dass sich hoher Blutdruck sowie überhöhte Blutzucker- und Blutfettwerte durch ein regelmäßiges Bewegungsprogramm oft ebenso gut sen¬ken lassen wie mit den meisten gängigen Medikamenten. Vor allem der Einfluss auf die Zuckerkrankheit ist gut untersucht. Die Fähigkeit, Glukose in die Muskelzellen aufzunehmen, wird erheblich verbessert und die Insulinresistenz durchbrochen.

"Das Nordic Walking ist für mich ein Schlüsselerlebnis", sagt Hans-Thomas Feuerhelm mit Schweißperlen auf der Stirn am Ende einer Trainingseinheit, die durch den weitläufigen Park der Klinik führte. "Nie hätte ich geglaubt, dass mir Sport so viel Spaß bringen kann. Bislang war mein einziges Bewegungsprogramm, bei Dienstreisen zum abflugbereiten Flugzeug zu rennen." Nun hat Feuerhelm feste Vorsätze für sein künftiges Leben gefasst: regelmäßig mehrmals die Woche walken und sich Ruheinseln im stressigen Alltag schaffen. "Wenn Sie das Gelernte umsetzen und die Lebensstiländerung durchhalten", sagt sein Arzt, "kommen Sie um das lästige Insulinspritzen herum."

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