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Militärgeschichte: Cannae – wie diese Schlacht 2000 Jahre lang das Denken vergiftete

In Cannae wurden die römischen Legionen nicht nur besiegt. Der Triumph Hannibals schuf den Mythos der Vernichtungsschlacht.

Der Stich soll Hannibal auf dem Schlachtfeld von Cannae zeigen

"Hannibal auf dem Schlachtfeld von Cannae nach dem Sieg und der Zerstörung der römischen Armee" von Heinrich Leutemann (1824-1905) ; Stich in dem Buch "Rom" von Wilhelm Wagner (1877)

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Am 2. August 216 v.Chr kam es bei Cannae in Italien zu einer Begegnung eines römischen Heeres mit den Truppen Hannibals. Die Schlacht festigte den Ruf Hannibals als größtem Strategen seiner Epoche und bedeutete eine vernichtende Niederlage für Rom. Die zahlenmäßig überlegenen Römer wurden nicht nur geschlagen, das Heer wurde buchstäblich ausgelöscht.

Große Siege gibt es viele in der Kriegsgeschichte, aber von Cannae ging eine besondere Wirkung aus. Diese Schlacht infizierte und vergiftete das Denken von Militärs bis ins 20. Jahrhundert. Denn hier wurde der Gegner nicht nur besiegt und geschwächt, am Abend existierte das römische Heer nicht mehr. Cannae weckte den finsteren Traum der Vernichtungsschlacht. Einer Schlacht, die einen Krieg mit einem Schlag entscheiden konnte.

Sieg ohne besondere Bedingungen

Schwere und vernichtende Niederlagen werden meist durch Sonderfaktoren ermöglicht, von denen niemand hoffen kann, dass er sie nach Belieben reproduzieren kann. Im Teutoburger Wald erlitten die Legionen des Varus auch eine solche Niederlage. Das lag aber daran, dass der Angriff Varus überraschte und der Hinterhalt so geplant war, dass er das Heer in der denkbar ungünstigsten Situation überraschte. Die Legionen waren weit auseinandergezogen, das Gelände verhinderte, dass sie sich zu großen Formationen sammeln konnten. Die ganze taktische Überlegenheit der Römer kam nicht zum Tragen.

Die Kesselschlacht von Cannae hingegen fand im offenen Gelände statt. Wie kam es dann zu der Niederlage? Die Römer stellten ihre stärkeren Truppen in gleicher Breite wie die Karthager auf. Ihr Plus an Männern nutzten sie nicht, um die Frontlänge zu verbreitern, oder um eine bewegliche Reserve zu bilden. Sie staffelten die Truppen tiefer. Wie ein Hammer sollte die Wucht dieser Formation den Gegner zerschlagen.

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Dummerweise sah Hannibal voraus, dass die Römer ihre Stärke in dieser plumpen Weise nutzen wollten. Mit zwei Maßnahmen vereitelte er den Erfolg der römischen Taktik: Die Truppen in der Mitte seiner Schlachtreihe wichen vor den Römern zurück. Die hielten dies für ein Zeichen des kommenden Sieges und rückten weiter aus. Doch während das Zentrum der Karthager nachgab, hielten die Flanken stand. Dort hatte Hannibal seine besten Soldaten positioniert. Die Römer marschierten so nichts ahnend in einen Kessel hinein.

Dann griffen Hannibals Reiter die Kavallerie der Römer an. Zu Pferde waren die Karthager überlegen, aber eigentlich war die Reiterei in der damaligen Zeit nicht kriegsentscheidend. Doch bei Cannae vertrieben sie nicht nur die römische Kavallerie. Danach machten Hannibals Reiter kehrt und schlossen den "Sack" in dem die römischen Legionen steckten. Diese wurden nun von allen Seiten zusammengedrückt und abgeschlachtet.

Der deutsche Traum von Cannae in XXL

Vor allem der deutsche Generalstab der Kaiserzeit war von dieser Schlacht geradezu besessen. Dabei hatten sich die Zeiten gewaltig geändert und waren mit den damaligen Bedingungen gar nicht zu vergleichen. Der sogenannte Schlieffenplan steigerte die Grundidee der Umfassung ins gigantische –anstatt ein Feld sollten Hunderte von Kilometer Land umfasst werden. Der Plan sah vor, mit einem gigantischen Vormarsch durch das neutrale Belgien an der Küste entlang vorzurücken, um dann Paris und die ganze französische Front einzuschließen.

Doch die deutschen Truppen kamen nicht so schnell voran wie Hannibals Reiter. Obwohl der Gegner zuerst überrascht wurde, blieb ihm Zeit genug, den deutschen Vormarsch zu blockieren. Der deutsche Plan war spätestens im September 1914 gescheitert. Der Generalstab war danach ratlos und gelähmt. Ein neues erfolgversprechendes Konzept gab es nicht. Der kühne Schlieffenplan wurde durch ein stumpfes Gegenanrennen ersetzt. Die Schlacht von Verdun sollte allen Ernstes eine "Blutmühle" werden, in der beide Seite immer mehr Soldaten hineinwerfen mussten. Das Kalkül: Das kleinere Frankreich werde aufgeben müssen, weil es nicht so viele Soldaten verheizen konnte wie Deutschland.

Hannibal hatte auch Glück 

Bei der Begeisterung der Militärs für die Vernichtungsschlacht wurde eines geflissentlich übersehen: Hannibal war ein genialer Stratege – und er hatte auch einfach Glück. Denn anders als manche Militärs später wähnten, war die Schlacht keineswegs mit dem Plan allein gewonnen. Hannibal stellte dem Gegner eine Falle und der musste aber auch hineintappen.

Irgendein Zufall hätte dazu führen können, dass die römischen Kommandeure Paullus und Varro die geplante Umklammerung hätten kommen sehen. Fähigere Feldherren wie Gaius Julius Caesar, Gnaeus Pompeius Magnus oder auch Lucius Licinius Lucullus hätten sie ohnehin abgewehrt. Die römischen Feldherren verkannten die eigentliche Stärke der Legionen. Die Legion konnte anders eingesetzt werden, als die klassische Phalanx, die die gegnerische Linie durchstößt.

Nur etwa 50 Jahre später, am 2 Juni 168 v.Chr., demonstrierte der erfahrene Militär Lucius Aemilius Paullus bei Pydna in Griechenland, wozu die Legionen fähig waren. Hätten Paullus und Varro ihre Legionen nicht als Block stehen lassen, sondern im entscheidenden Moment die Truppen des Zentrums zurückgenommen und gleichzeitig die tiefgestaffelten Glieder seines Blocks an beiden Flügeln ausklappen lassen, hätten Hannibals Truppen die Römer nicht umfassen können. Der Angriff an den Seiten wäre zusammengebrochen, danach hätte Hannibal selbst die Umfassung seines Zentrums gedroht. Paullus und Varro nutzten ihre Truppen schlecht und verkannten den entscheidenden Moment der Schlacht.

Renaissance im Bewegungskrieg 

Wirklich bedeutend wurde das Konzept "Umfassungsschlacht" in den Kesselschlachten des Zweiten Weltkriegs. Die hohe Beweglichkeit von motorisierten und gepanzerten Einheiten machten es nun möglich, Kessel von ungeheuren Ausmaßen zu bilden.

US-General Norman Schwarzkopf nannte ausdrücklich die Schlacht von Cannae als Vorbild für seine Invasion des Iraks im Zweiten Golfkrieg.

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