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Grabfund: Frauen und Fremde - die multikulturellen Kriegerfamilien des Mittelalters

Die Merowinger beherrschten das Frankenreich mit gefürchteten Kriegerscharen. Nun zeigt sich, dass diese bewaffneten Großfamilien aus ganz Europa zusammengesetzt waren - auch Frauen gehörten zur Krieger-Elite.

Lehrreicher Fund: Es handelt sich um die größte erhaltene Grablege der Epoche in Deutschland

Lehrreicher Fund: Es handelt sich um die größte erhaltene Grablege der Epoche in Deutschland

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Im fünften Jahrhundert brach das Römische Reich, das Caesar und Augustus einst begründeten, im Westen zusammen. Der letzte Kaiser – ein halbwüchsiges Kind – wurde auf eine Meeresfestung bei verbannt. Die Errungenschaften der Römer in Sachen Bildung, Technik und Handel verfielen in unglaublicher Geschwindigkeit. Die Heeresführer der Barbaren regierten fortan Westeuropa – hauptsächlich mit dem Schwert.

Das mächtigste Gebiet unter ihnen wurde das Reich der Franken, aus dem später die Herrschaft Karls des Großen erwachsen sollte. Die Herrschaft der Edlen und der Könige beruhte auf gut bewaffneten Elite-Kriegern und nicht mehr auf dem Aufgebot aller freien Bauern.

Familie heißt nicht unbedingt verwandt

Die Erbgut-Analyse eines Grabfunds in Süddeutschland gibt Einblicke in einen der mächtigen Krieger-Haushalte. Veröffentlicht wurde die Studie in "Science Advances", der Originaltitel lautet "Ancient genome-wide analyses infer kinship structure in an Early Medieval Alemannic graveyard".

Dabei zeigte sich, dass die Kämpfer der post-römischen Königreiche aus ganz kamen und sich in Süddeutschland als neue Groß-Familie etablierten. Die Zugehörigkeit zu einer Familie war in der damaligen Epoche nicht an eine gemeinsame Abstammung gebunden.

In Niederstotzingen wurden 13 Personen mit reichen Grabbeigaben gefunden. Sie gehörten zu den Alemannen, die bei der Expansion der Franken zunächst erobert und dann integriert wurden. Sie wurden mit ihren Waffen, Rüstungen, Schmuck, Zaumzeug und ihren Pferden zwischen 580 bis 630 beigesetzt. Das ist in etwa die Zeit des Merowingers Dagobert des Großen.

Die Ausgrabungen fanden bereits 1962 statt, aber erst heute ist es möglich, die Verwandtschaft der Toten zueinander zu bestimmen. Außerdem machen es moderne Analysemethoden möglich zu bestimmen, in welchen Regionen diese Menschen gelebt haben – insbesondere, wo sie aufgewachsen sind.

Krieger aus ganz Europa

Die Familien von sechs der Skelette stammen aus Nord- und Osteuropa, das zeigt die . Fünf von diesen sind eng miteinander verwandt. Darunter befinden sich ein Vater und zwei seiner Söhne. Aufgewachsen sind sie aber bereits am Ort ihrer Grablege. Das beweist eine chemische Analyse ihres Zahnschmelzes. Sie waren also zugereiste Krieger. Die Forscher vermuten, dass der Vater das Haupt des mächtigen Hauses war.

Für heutige Vorstellungen vom  ebenfalls verblüffend: Unter den Bewaffneten befanden sich auch weibliche Kriegerinnen.

Die Zähne verraten auch, dass die übrigen Toten überhaupt nicht aus der Gegend stammten. Zwei besaßen die DNA von Anrainern des Mittelmeeres. Drei Personen waren überhaupt nicht mit irgendeinem der anderen Toten verwandt. Die Gegenstände im Grab stammten aus drei verschiedenen Kulturen, darunter befanden sich auch zeremonielle Gegenstände der Franken.

Krieger vor der Zeit des Rittertums

Die Forscher nehmen an, dass es sich um eine mobile Großfamilie von Kriegern handelt. Diese Kämpfergruppen vertraten das Königreich in den eroberten Gebieten und setzten den Herrschaftsanspruch der Merowinger vor Ort gegenüber den Unterworfenen durch. Mit dieser Form der beweglichen Krieger-Herrschaft sicherte das Reich der Franken über mehrere Jahrhunderte seine Macht in Europa. Später ging die Bindung der Kriegerkaste an das Herrscherhaus zurück. Die königlichen "Verwalter" rissen die Macht in den kontrollierten Gebieten an sich und vererbten sie in ihrer Familie. Aus den Kriegern des Königs wurden Feudalherren.