Meinung Tabaksteuer rauf? Ja, unbedingt!

Tabaksteuer hoch: Eine glimmende Zigarette
Die womöglich bescheuertste Erfindung der Menschheit: Zigaretten. Die Tabaksteuer soll ihren Konsum künftig stärker zügeln
© Imago
Der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck fordert: Die Tabaksteuer muss steigen! Mehrere Bundesländer und die Gesundheitsforschung ziehen mit. Man kann sich ihnen anschließen.

Die Liste der Verheerungen des Kolonialismus ist lang. Er schuf ein System interkontinentalen Sklavenhandels, zerstörte ganze Zivilisationen, stahl so dermaßen viele Kulturgüter, dass im Britischen Museum beinahe nichts Britisches zu sehen ist, und löste durch die Silberschwemme aus Spaniens in Südamerika erbeuteten Minen die erste Mega-Inflation aus. So weit, so bekannt. Übersehen wird oft: Die Fahrten des Kolumbus waren auch Auslöser für die vielleicht bescheuertste Erfindung der Geschichte – die Zigarette.

Maßlos bescheuert ist sie deshalb, weil Nikotin zwar ein enorm starkes Suchtmittel ist, dabei aber eine psychopharmakologisch kaum überzeugende Wirkung hat – es nutzt nicht wirklich, um Konzentration, Leistungsfähigkeit oder Wohlbefinden zu steigern. Der Großteil der Wirkungen, die Raucher berichten, ist Rationalisierung: Man erzählt sich lieber selbst, etwas Angenehmes zu tun, als Stoff zu suchten. Jahrzehntelange Desinformationskampagnen aus der Tabakindustrie und die ihnen folgenden Milliardenstrafen machen klar: Abhängigkeit und Profitgier wurden mit Cowboys, Kamelen und Lügen zu "Freiheit", "Genuss" und "Lifestyle" umgemünzt.

Tabaksteuer contra Lungenkrebs

Der Weltkrebstag ist deshalb eine gute Gelegenheit, der Vernunft eine Lanze zu brechen: 40 Prozent aller Krebserkrankungen gelten als vermeidbar, und Lungenkrebs als besonders leicht; Rauchen ist seine Hauptursache. An mindestens 14 weiteren Krebserkrankungen ist es beteiligt. Das letzte Vierteljahrhundert belegt dies auf traurige Weise: Lungenkrebs ging bei Männern in Deutschland um sieben Prozent zurück, bei Frauen stieg er um gut 50 Prozent an. Die Wurzeln liegen in den 1960er- und 1970er-Jahren, als sich das Rauchen unter Frauen massiv ausbreitete – im Sinne eines aus heutiger Sicht schlicht durchgeknallten Verständnisses von Freiheit und Gleichheit.

Große Untersuchungen aus Industrienationen wie Deutschland belegen: Zehn Prozent höherer Preis bedeuten bei Tabak vier Prozent weniger Konsum. Weltweite Vergleiche zeigen, dass auf dem amerikanischen Kontinent und in Europa die Verteuerung des Rauchens deutliche gesundheitliche Fortschritte brachte. Dort, wo Rauchen billig ist, nimmt es auch heute teils noch zu.

Zurzeit steht die Frage im Raum, ob die Tabaksteuer deutlich angehoben werden soll; zwei Euro pro Zigarettenpackung gelten als Zielwert. Der Vorschlag von Bundesländern und dem Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Hendrik Streeck, zielt darauf ab, die Erlöse in das Gesundheitswesen zu leiten und die Beitragszahler von den jüngst weithin angehobenen Beiträgen zu entlasten. Dagegen wird gern eingewandt, dass sich der Staat an der Tabaksteuer bloß bereichern wolle. Einschlägig Suchterkrankte schreiben Leserbriefe, in denen sie sich gar zu "Menschen dritter Klasse" stilisieren, weil der Fiskus im Jahr 15 bis 16 Milliarden Euro Erlös aus der Tabakbesteuerung erzielt.

Populäre Irrtümer zur Tabaksteuer

Dieses Argument ist Nonsens, denn tatsächlich ist das Rauchen für die Gesamtheit der Bürger ein massives Verlustgeschäft: Die direkten Gesundheitskosten, die durch den Missbrauch des Suchtmittels entstehen, belaufen sich – solide gerechnet – auf 30 Milliarden Euro pro Jahr. Der volkswirtschaftliche Folgeschaden der Nikotinsucht wird auf 70 Milliarden geschätzt. Rauchen kostet uns alle gemeinsam also 100 Milliarden, ein Vielfaches dessen, was es dem Fiskus einbringt – der insofern objektiv zu niedrige Tabakpreis subventioniert deshalb nicht den Staat, sondern die Portfolios von Fluppen-Aktionären. Und die menschlichen Kosten? 131.000 Todesfälle. Jedes Jahr.

Porträt Hendrik Streeck
Hendrik Streeck, Drogenbeauftragter der Bundesregierung und starker Befürworter einer hohen Tabaksteuer
© FLORIAN WIEGAND, EPA

Die deutsche Gesundheitspolitik hat sich lange damit blockiert, statt sozusagen für den Brandschutz zu sorgen, immer mehr Feuerwehrautos anzuschaffen. Sie hat in die Behandlung vermeidbarer Krankheiten ein Vielfaches mehr investiert als in Vorsorge. Ein weiteres ebenso wohlmeinendes wie kostenintensives Beispiel dafür ist das Lungenkrebs-Screening für langjährige Raucher, das im April 2026 zur Kassenleistung wird: Wer mindestens 25 Jahre geraucht hat und dazu im Mittel mindestens 15 Jahre lang eine Packung pro Tag quarzte, darf sich dann einmal im Jahr mit einer Niedrigdosis-Computertomografie auf bösartige Neubildungen untersuchen lassen. Es ist schön, dass sich ein auf solidarische Fundamente gestütztes Gemeinwesen so etwas leisten kann. Solidarität ist jedoch keine Einbahnstraße. Sich selbst und anderen den Tabakmissbrauch zu ersparen oder zumindest eine Kompensation in öffentliche Kassen einzuzahlen, darf kein Tabu sein.

Deshalb muss man Hendrik Streeck und seinen Verbündeten beim Vorhaben einer höheren Tabakbesteuerung Erfolg wünschen.

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