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Teil 8: Medizin der Naturvölker

Schamanen und Heiler sind in vielen Gesellschaften bis heute die einzigen Mediziner. Auch die westliche Wissenschaft möchte jetzt von ihrem Erfahrungsschatz profitieren.

Nur ein paar Kerzen erhellen die lärmende Dschungelnacht vor der mit Palmblättern gedeckten Hütte. Dort erwartet die Lüneburger Malerin, Buchautorin und Schamanismusforscherin Nana Nauwald ein Ritual mit dem Halluzinationen hervorrufenden Ayahuasca-Trank. Kann die Psychodroge wirklich helfen, eine Krankheit zu erkennen oder zu heilen? Der peruanische Heiler Don Clemente hat den Trank am Morgen aus Lianenstücken und einer speziellen Kräuterrezeptur gekocht. Der Schamane trinkt von dem bewusstseinsverändernden Sud, rülpst laut und spuckt hinter sich. Geräuschvoll bläst Clemente Tabakrauch über die Öffnung der Ayahuasca-Flasche, reicht seinem Gast eine Schale der braunen Flüssigkeit und fällt in rhythmischen Sprechgesang.

Später berichtet Nana Nauwald: Nachdem sich ihr Magen anfangs schmerzvoll verkrampft hatte, erlebte sie ein lange anhaltendes, unbeschreibliches Glücksgefühl. "Die Klänge des Gesangs schlängelten sich wie eine farbige Perlenschnur durch meinen Körper und verwoben sich zu einem feinen Netz um meinen Magen." Unter der Wirkung des Trankes habe sie auch ein langes Gespräch mit ihrer verstorbenen Großmutter geführt. Danach schlief sie ein.

Kurz nach dem Aufstehen am nächsten Morgen sagt Don Clemente: "Du malst mit giftigen Farben. Wenn du malst, vergiftest du deinen Körper." Nur ein Taschenspielertrick oder tatsächlich das Resultat eines durch den Trank geschärften Wahrnehmungsvermögens? Nauwald, die sich seit über 20 Jahren mit dem Schamanismus beschäftigt, ist verblüfft: Sie habe zwar erzählt, dass sie Malerin sei, nicht aber, dass sie seit Jahren unter einer schleichenden Schwermetallvergiftung durch Farbpigmente zu leiden habe. Ein Camalonga-Trank, ein aufwendiges Gemisch aus 36 Pflanzenzutaten, soll ihr nun helfen, sich "zu reinigen".

Für Don Clemente ist Besuch aus dem fernen Norden nichts Ungewöhnliches mehr. Seit einigen Jahren kommen immer häufiger Menschen aus Nordamerika und Europa zu den Shipibo-Schamanen an den Rio Ucayali, einen Quellfluss des Amazonas. Der kleine alte Mann mit den jungen Augen ist ein bekannter Heiler, der über mysteriöse Kräfte verfügen soll. Ein Gutteil seines Rufes verdankt er genauester Kenntnis der heilkräftigen Regenwaldpflanzen in seiner Umgebung.

"Als ginge eine Bibliothek in Flammen auf"

Im Amazonasgebiet verwendet ein erfahrener Indioheiler etwa 300 bis 400 verschiedene Arzneipflanzen, ermittelte der US-amerikanische Ethnobotaniker Darrell Posey. Für seinen Landsmann Mark Plotkin ist es jedes Mal, wenn ein Schamane oder eine Medizinfrau stirbt, "als ginge eine Bibliothek in Flammen auf". Die Medizin der traditionellen Heiler ist lebenswichtig für die lokale Bevölkerung, die sie betreuen und für die sie oft die einzige medizinische Hilfe darstellen. Doch was ist dieses überlieferte Wissen noch wert in einer Welt, in der Chemiker Medikamente am Computer entwerfen und Analyseroboter im "High Throughput Screening" täglich Tausende von Substanzproben auf ihre Wirksamkeit testen können?

Einen vielversprechenden Heiltrank - der erst nach langwieriger Feldforschung gefunden wurde - mit all seinen unbekannten Inhaltsstoffen zu analysieren ist ungleich aufwendiger und teurer als das Zusammensetzen bekannter Molekülbausteinchen zu neuen Substanzen. Trotzdem versuchen einige Pharmaunternehmen wie Eli Lilly, Phytopharm oder Merck & Co., das immense Potenzial zu nutzen, das im Know-how der traditionellen Heiler steckt. "Scouts" sollen für sie mit Hilfe von Schamanen und Medizinmännern, "Kräuterfrauen" oder Voodoo-Priesterinnen in aller Welt Grundstoffe für neue Medikamente aufspüren.

Viele Substanzen aus der Schamanenapotheke haben einen großen Vorteil gegenüber Produkten aus den Chemielabors: Die Pharmazeuten können sich an Hinweisen zu Wirkung und Verträglichkeit an dem langjährigen Erfahrungsschatz der traditionellen Medizin orientieren, statt den Zufallstreffern ihrer Testroboter ausgeliefert zu sein. "Zudem entwirft die Natur Strukturen, auf die selbst der findigste Chemiker im Traum nicht kommen würde", sagt Lutz Müller-Kuhrt, Geschäftsführer der Potsdamer Firma Analyticon Discovery, die sich darauf spezialisiert hat, die chemischen Bausteine aufzuklären, aus denen Naturstoffe sich zusammensetzen.

Welche Bedeutung das Wissen der Naturvölker für die moderne Medizin hat, belegen Umsatzzahlen der pharmazeutischen Industrie: 45 Prozent der meistverkauften Arzneimittel in unseren Apotheken gehen auf Pflanzen oder andere Naturstoffe zurück - ein Markt, der nach Expertenschätzungen weltweit bis zu 200 Milliarden US-Dollar ausmacht. Etwa 70 Prozent dieser Wirksubstanzen haben ihre Wurzeln in Medizinsystemen von Naturvölkern.

Es sind keineswegs nur Befindlichkeitsstörungen, die sich mit diesen Mitteln behandeln lassen, sondern zum Teil schwerwiegende Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs. Untersuchung von Gordon M. Cragg vom amerikanischen National Cancer Institute (NCI) zeigen, dass 74 Prozent der Antikrebsmittel, die in den vergangenen 20 Jahren auf den Markt kamen, entweder direkt von Naturprodukten abstammen oder zumindest von ihnen "chemisch inspiriert" wurden.

Klassisches Beispiel: Taxol. Der Wirkstoff, erstmals 1967 aus der Rinde der Pazifischen Eibe isoliert, ist heute eines der wirksamsten Mittel gegen Brustkrebs. Schon die kanadischen Tsimshian-Indianer setzten Rinde und Holz des Baums traditionell gegen eine Krankheit ein, "die den Körper auffrisst".

Bis sich das Mittel in der Schulmedizin durchsetzte, vergingen seit den ersten Versuchen fast 30 Jahre. Das größte Problem war der Nachschub an Rohstoffen. Denn um ein Gramm Taxol zu bekommen, werden etwa 50 Kilogramm Rinde benötigt. Um sie zu ernten, mussten die Bäume gefällt werden. Schnell war klar: Mit dem natürlichen Bestand der langsam und spärlich wachsenden Pazifischen Eibe hätte sich der Bedarf nie decken lassen. Den Durchbruch brachte ein halbsynthetisches Verfahren, bei dem taxolähnliche Inhaltsstoffe aus den Nadeln anderer Eibenarten umgewandelt werden - ein Beweis dafür, dass altes Heilwissen und moderne Wissenschaft keineswegs unvereinbar sind, wie so mancher Ideologe glauben machen möchte.

Dass die Kenntnisse der traditionellen Heiler für Überraschungen gut sind, hat auch Helmut Wiedenfeld von der Universität Bonn erfahren. Der Phytochemiker untersucht zusammen mit seinem Kollegen Adolfo Andrade von der Universität Mexico-City, wie die Nachfahren der Maya und Azteken im mexikanischen Hochland die Zuckerkrankheit therapieren. Deren Schamanen erkennen ihre Diabetes-Kranken am Geschmack: "Wenn der Patient typische Symptome hat, etwa starken Durst, Müdigkeit oder Harndrang", erklärt Wiedenfeld, "prüft der Heiler, ob Blut oder Urin süßlich schmecken."

"Süßes Blut"

"Süßes Blut" ist im mexikanischen Hochland inzwischen weit verbreitet. Als Grund gelten genetische Veranlagung und falsche Ernährung. Seit der unaufhaltsame Fortschritt in Gestalt koffeinhaltiger, zuckerreicher Limonade bis ins letzte Indiodorf vordringt, ist Diabetes Typ 2, der so genannte nichtinsulinpflichtige Diabetes, dabei, in Mexiko zu einer Volksseuche zu werden. 2025, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), wird jeder zehnte Mexikaner an Diabetes leiden.

Die Indios setzen mehr als 100 verschiedene Arzneipflanzen gegen die Zuckerkrankheit ein. Viele davon haben Wiedenfeld und sein Team getestet. Nur wenige waren pharmazeutisch verwertbar. Doch im Dorf San Salvador fanden die Forscher schließlich einen vielversprechenden Heiltrank. "Aqua de uso", Wasser zum täglichen Gebrauch, nennt der dortige Medizinmann seinen kalten Aufguss aus den Blättern des Guarumbo-Baums, wissenschaftlich Cecropia obtusifolia. Diabetespatienten, welche zweimal täglich von der trüben Blätterbrühe tranken, ging es danach wesentlich besser. Auch den zuckerkranken Ratten in Wiedenfelds Labor tat der Cecropia-Auszug gut. Er senkte ihren deutlich erhöhten Blutzuckerspiegel für sechs bis acht Stunden auf Normalwerte. Eine erste klinische Vor-studie mit 21 Patienten in einem mexikanischen Krankenhaus scheint diesen

Effekt auch beim Menschen zu bestätigen. Da die Tests mit einem von Wiedenfeld entwickelten Cecropia-Trockenextrakt noch nicht vollständig ausgewertet sind, äußert sich der Bonner Chemiker zurückhaltend: Noch fehlten ausreichende Datenmengen, doch bislang sehe es so aus, als ob Cecropia den Blutzuckerspiegel ähnlich gut senken könne wie gängige synthetische Präparate. Die Verträglichkeit sei sehr gut gewesen, und Nebenwirkungen habe man bislang nicht beobachtet.

Ein deutsches Pharmaunternehmen ist bereits ernsthaft an der Naturarznei interessiert. "Das Schwierigste bei den Vertragsverhandlungen" sei es, durchzusetzen, dass auch die Indios von San Salvador und die mexikanische Bevölkerung "von dem Kuchen etwas abbekommen." Die Heilpflanze sollte nach Wiedenfelds Vorstellung in Mexiko angebaut werden, um den einheimischen Bauern eine Einnahmequelle zu sichern. Zudem soll eine Stiftung die Bevölkerung um San Salvador fördern. So um Fairness bemüht sind nicht alle, die von dem Erfahrungsschatz indigener Völker profitieren. Mit dem Wirkstoff Vincristin, der aus den Blättern des Madagaskar-Immergrüns stammt und wesentlich dazu beigetragen hat, die Überlebensrate leukämiekranker Kindern von 20 auf fast 80 Prozent zu erhöhen, setzte der US-Konzern Eli Lilly jährlich rund 100 Millionen Dollar um, bis er die Rechte vor einigen Jahren verkaufte. Doch mit dem Herkunftsland Madagaskar wollte die Firma nicht teilen.

Bislang gibt es nur wenige, zögerliche Ansätze für Kooperationen, aus denen beide Seiten Nutzen ziehen. Pionier auf diesem Gebiet war der drittgrößte Pharmaproduzent der Welt, Merck & Co. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet der Konzern mit dem halbstaatlichen Non-Profit-Institut Inbio in Costa Rica zusammen. Für die Ausbildung von einheimischen Sammlern und die Erlaubnis, 10 000 Tiere und Pflanzen auswerten zu dürfen, zahlte die Firma eine einmalige Summe von 1,3 Millionen Dollar. Werden aus den biologischen Ressourcen Costa Ricas in Zukunft vermarktungsfähige Produkte entwickelt, wird Inbio zudem mit etwa fünf Prozent an den Gewinnen beteiligt.

Im vergangenen Jahr rang sich der Viagra-Hersteller Pfizer nach zähen Verhandlungen mit den San, den Buschmännern Südafrikas, zu einem historischen Schritt durch: Erstmals wird ein ganzes Volk davon profitieren, wenn aus der Pflanzenkenntnis seiner Ahnen Pillen gedreht werden. Als diese einst bei tagelangen Hetzjagden durch die Kalahari-Wüste Antilopen in den Erschöpfungstod trieben, kauten sie Stücke des meterhohen Kaktus Hoodia gordonii, um damit den quälenden Hunger zu vertreiben. Südafrikanische Forscher isolierten daraus einen Wirkstoff mit dem Namen P57. Die britische Firma Phytopharm, die das Projekt inzwischen für Pfizer betreibt, will nun auf dieser Basis einen hochwirksamen Appetitzügler entwickeln. Wenn er auf den Markt kommt, erhalten die San zwei Prozent der Lizenzabgaben, vier Prozent gehen an südafrikanische Wissenschaftler.

Bei Shipibo-Heiler Don Clemente löst das hitzige Marktgeschehen ein gleichgültiges Schulterzucken aus. Ja, Pflanzen seien "sehr hilfreich", aber eben nur ein Teil seiner Heilkunst. Echte Schamanen wie er verfügten über ein viel breiteres Therapiespektrum: Sie renken Gelenke ein, massieren, versorgen Wunden und Knochenbrüche. Sie geben seelsorgerische Lebenshilfe und behandeln psychosomatische Symptome oder Geisteskrankheiten. Ihre Methoden und Rituale sind von Kultur zu Kultur verschieden.

Eines haben die Schamanen in aller Welt gemeinsam: Sie sind Meister der Trance. Sie verstehen es, gezielt einzutauchen in die Bereiche zwischen Realität und Traum, wo die Gesetze des Alltags nicht gelten: Das Zeitgefühl geht verloren, das Denken wird gefühlsbetonter, die Erfahrungen der einzelnen Sinne fließen ineinander, das Körperempfinden verschwimmt, Bilder und Visionen steigen auf.

Ausstieg aus der Alltagsroutine

Mit großem Erfindungsreichtum haben Menschen rund um den Erdball physikalische, psychologische oder pharmakologische Stimulanzien entwickelt, um aus der gewohnten Alltagsroutine auszusteigen und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Indianer in Mexiko verwenden dafür Meskalin - ein Halluzinogen, das aus dem Peyotl-Kaktus gewonnen wird. Im asiatischen Raum spielt dabei auch Alkohol eine Rolle. In Südamerika sind vor allem grüner Tabaksaft und der psycho-aktive Ayahuasca-Trank von Bedeutung. Afrikanische Völker bevorzugen rhythmische Musik und Tanz, um sich in Trance zu versetzen. Unterstützend wirken häufig Fasten, rituelle, meditative Körperhaltungen, das monotone Rezitieren gleichförmiger Worte oder Atemtechniken. In der schillernden Erlebniswelt des Trancezustands erhalten die Schamanen Mitteilungen von Tierwesen, Geistern oder Ahnen, die ihnen helfen, die Ursache der Krankheit ihres Patienten zu erkennen und Wege zu seiner Heilung zu finden. Für den Schamanismusexperten Wielant Machleidt von der Medizinischen Hochschule Hannover sind diese kraftvollen, emotionsgeladenen Bilder intuitive Botschaften, die aus dem Unbewussten auftauchen. Die Trance, glaubt der Professor für Sozialpsychiatrie, schärfe die Fähigkeit des Schamanen, sein Gegenüber mit allen Sinnen, mit dem gesamten Repertoire von Gefühl und Verstand wahrzunehmen. Allein die intensive Zuwendung habe oft schon heilsame Wirkung.

Viele traditionelle Heiler nutzen Trance sowohl zur Diagnose als auch zum Heilen. Die Behandelten finden in diesem "Schwebezustand zwischen Entspannung und Konzentration" oft neue Wege, um psychische Blockaden zu überwinden. In der stark emotionalen Symbol- und Suggestivkraft der inneren Bilder liege ein Schlüssel zum Verständnis der "teilweise verblüffenden Erfolge" der Schamanen - bis hin zur Heilung von schweren Psychosen. "Da muss nichts Übersinnliches mitschwingen", sagt Machleidt. Vielmehr erkenne er darin viele Grundelemente der modernen Hypno-, Musik- oder Konfrontationstherapien, die vor allem bei Menschen mit Depressionen und Angststörungen Erfolg versprechen. Machleidt sieht Schamanismus deshalb als "Urform der Psychotherapie". Bei der Behandlung psychischer und psychosomatischer Beschwerden gesteht die WHO dem echten Schamanismus die gleiche Bedeutung und Wirksamkeit zu wie der westlichen Medizin.

Die naturverbundenen schamanischen Praktiken gewinnen in der westlichen High-Tech-Welt zunehmend an Akzeptanz und Popularität. "Im Zeitalter der Individualisierung und Auflösung tragfähiger Sozialformen", meint Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, "entdecken viele dabei neue Dimensionen ihres Bewusstseins und ein intensives Gruppenerleben." Der Psychotherapeut, der im Auftrag seiner Kirche den deutschen Esoterik- und Psychomarkt beobachtet, sieht darin einen wesentlichen Grund, warum sich von allen exotischen und archaischen Kulten vor allem schamanische Praktiken nennenswert in dieser Szene etablieren konnten: "Das trifft genau den postmodernen Zeitgeist der Eventkultur und der Patchwork-Religiosität."

Seit Mitte der 80er Jahre boomt der Schamanismus im deutschsprachigen Raum. In fast jeder größeren deutschen Stadt gibt es heute eine schamanistische Trommelgruppe. Das vielfältige Workshop-Angebot ist selbst für Insider kaum noch zu überblicken. Es reicht vom dreistündigen Ausharren im Dampf igluartiger Schwitzhütten über Trancereisen und Feuerlaufrituale bis hin zu Seelenrückholungen, bei denen mit Hilfe von Schutzgeistern und Krafttieren angeblich "abgespaltene, verlorene Seelenanteile" eines kranken Klienten aus einer "nichtalltäglichen Wirklichkeit" zurückgeholt werden. Kosten je nach Bekanntheitsgrad des Anbieters: zwischen 100 und 400 Euro pro Wochenende. Gut gebucht sind auch "All-Inclusive"-Reisen zu traditionellen Heilern in alle Welt.

Am längsten etabliert auf dem bunten Schamanismusmarkt ist die "Foundation for Shamanic Studies" (FSS). Sie wurde Anfang der 90er Jahre vom US-Anthropologen Michel Harner gegründet, nachdem er zwei Jahrzehnte lang schamanische Kulturen rund um den Globus untersucht hatte. Harner entwickelte die markenrechtlich geschützte Methode des "Core-Schamanismus", eines Kern-Schamanismus, der zum Ziel hat, die Einsichten des Schamanismus für den Westen zeitgemäß nutzbar zu machen. Er soll, so Harner, "Menschen helfen, an ihren Lebensproblemen zu arbeiten". Seit 1985 gibt es die FSS auch im deutschsprachigen Raum, vertreten durch den Wiener Journalisten Paul Uccusic. Der Harner-Schüler, dessen Auftreten in hellblauem Anzughemd und Cordhose trotz Schamanentrommel frei von Exotik ist, vermittelt in Basiskursen mit bis zu 50 Teilnehmern die Hauptkonzepte des neoschamanischen Weltbildes und die Grundtechniken für "schamanische Reisen". Die Kosten dafür sind mit 130 Euro relativ moderat.

Das wichtigste Arbeitsmittel des Core-Schamanisten ist die durch Trommelmusik oder Tanz ausgelöste Trancereise: Mit verdeckten Augen liegen die Teilnehmer auf Matten, während Uccusic und seine Frau Roswitha monoton ihre Rahmentrommeln schlagen. Ausgehend von einem "Startplatz", der Vorstellung von einem Ort in der Natur, wo man sich geborgen fühlt, geht die Reise durch einen dunklen Tunnel in die "nichtalltägliche Wirklichkeit". Häufig landet der Bewusstseinsreisende in einer Naturszenerie. Hier soll er nach einem "Krafttier" oder einer anderen "Wesenheit" Ausschau halten. Im Idealfall trete das "Geistwesen" mit ihm in Dialog und habe eine Antwort auf eine eingangs gestellte persönliche Frage parat.

Nach 15 bis 30 Minuten ändert sich der Trommelrhythmus abrupt, und die Reise läuft rückwärts. Im Austausch mit anderen interpretieren die Teilnehmer anschließend das Erlebte. Durch Fortgeschrittenenseminare und eine dreijährige Workshop-Reihe mit Michael Harner in den USA kann sich im Prinzip jeder von der FSS zum Alltagsschamanen ausbilden lassen, um nicht nur sich selbst, sondern auch andere heilen zu können.

Schamanismus ist eine Berufung

Der koreanischen Schamanin Hi-Ah Park, die regelmäßig zu Vorträgen, Auftritten und Workshops in Deutschland ist, treibt das die Zornesader auf die Stirn. Schamanismus ist für sie kein Lehrberuf, den man sich einfach aussuchen könne, sondern "eine Berufung", für die besondere spirituelle Fähigkeiten Voraussetzung seien und der nicht selten ein schweres körperliches oder psychisches Leiden vorausgehe. "Wenn die Leute wüssten, wie anstrengend und leidvoll dieser Weg sein kann", sagt sie, "würden sie freiwillig niemals Schamane werden wollen."

Diesem authentischen, traditionellen Schamanentum fühlt sich das Münchner Ethnomed-Institut verpflichtet. Es hat sich von der ausschließlich forschenden Arbeitsgemeinschaft Ethnomedizin (AGEM) abgespalten. Das Institut unterhält ein Netzwerk, in dem "rund 7000 Wissenschaftler, traditionelle Heiler, Therapeuten und ethnomedizinisch Interessierte" zusammengeschlossen sind. Ethnomed offeriert unter anderem Forschungsreisen zu Stammeskulturen und eine Therapeutenfortbildung bei traditionellen Heilern mit sechs Wochenendblöcken zu je 395 Euro. Bekannt wurde Ethnomed in den vergangenen Jahren aber vor allem durch die Organisation großer Schamanenkongresse. Bei der im Oktober in München stattfindenden "Weltkonferenz der Ethnotherapien" wollen die Veranstalter einem breiten Publikum traditionelle Heiler aus 15 verschiedenen Ländern präsentieren.

Der Ethnomediziner Wulf Schiefenhövel von der Max-Planck-Forschungsstelle für Humanethnologie, der indigene Medizinsysteme in vielen Teilen der Welt erforscht hat, beurteilt das als "puren Showschamanismus", bei dem die Rituale zu Folklore degradiert würden. Das sei "jammerschade", denn in der Regel könne der schulmedizinische Betrieb durch die Untersuchung der Wirkprinzipien einiges von den traditionellen Heilern lernen, zum Beispiel, dass "man bei einem körperlichen Leiden immer auch die Psyche mitbehandeln sollte". Was auf dem deutschen Psychomarkt als Schamanismus angeboten werde, sei jedoch häufig nur Esoterik.

Inzwischen haben allerdings auch einige seriöse Psychotherapeuten das Potenzial erkannt und versuchen, schamanische Techniken in ihr Behandlungsrepertoire aufzunehmen. Schamanische Rituale können die Selbstheilungskräfte bei manchen Patienten besser aktivieren als gängige Psychotherapiemethoden, weiß der Psychiater Wielant Machleidt. Doch gerade, weil sie wirken, seien sie nicht ohne Risiko. "Psychisch nicht gefestigte Personen können bei einem intensiven Tranceerlebnis in eine Psychose rutschen." Zu Bewusstseinsreisen bei nicht ausreichend qualifizierten "Feierabendschamanen" sollten kranke Menschen deshalb gar nicht erst aufbrechen.

Rüdiger Braun

Mitarbeit: Claudia Bahnsen/Ingrid Lorbach

Wissenschaftliche Beratung:Prof. Edzard Ernst, Lehrstuhl für Komplementärmedizin, Universität Exeter

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(